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Nach Mord und Brandserie : Dunkel, einsam, eng: Heide nimmt „Angsträume“ ins Visier

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

In Heide sitzt der Schreck tief nach einer Brandserie und einem Mord. Das Bewusstsein für sogenannte Angsträume wie einsame Fußgängertunnel nimmt zu. Stadtplaner Jahnsen geht daher in die „Qualitätsoffensive Innenstadt“.

Heide | 7.30 Uhr in Heide. Noch ist die Sonne nicht aufgegangen, einzelne Gestalten bewegen sich durch die Straßen auf dem Weg zum Arbeitsplatz. Einige müssen hierfür mit dem Fahrrad oder zu Fuß ein Nadelöhr passieren. Schnell und zielstrebig bewegen sie sich durch den Fußgängertunnel an der Stadtbrücke – ohne ein Wort mit jemandem zu wechseln. Viele haben Musik in den Ohren. Andere nutzen die abschüssige Strecke um kräftig in die Pedalen zu treten. Nur verweilen will keiner hier.

„Jede Stadt hat Angst-Räume“, weiß Georg Jahnsen (40). Als Fachbereichsleiter für Bau und Planung ist er Stadtplaner in Heide. „Wir haben den Anspruch, diese Räume zum Positiven zu verändern“, sagt er.

Seit die Kreisstadt im Licht einer Brand-Serie stand und zuletzt noch dazu den Mord an dem alt eingesessenen Kaufmann Boje-Peter Voß (73) zu verkraften hatte, ist das Angstbewusstsein ihrer Bürger gestiegen. Die bauliche Oberfläche trägt ihr übriges dazu bei. Das weiß auch Bürgermeister Ulf Stecher. Er kündigte an, dass die Stadt Heide gemeinsam mit der Polizei daran arbeiten werde, die Angst-Räume im öffentlichen Raum zu beseitigen.

Hier Ideen zu entwickeln fällt unter anderem Georg Jahnsen zu. Unter Angsträumen versteht der Stadtplaner „gefangene Räume“, wie die Fußgängerunterführung. Das seien Räume mit nur einem Ausgang, in die man wie durch einen Flaschenhals reingehe. Auch Plätze, die schlecht beleuchtet, eng und schwer einsehbar sind, hat er auf seiner Liste. Darunter fallen die Marktrückseite, die Parkflächen an der Nordseite hinter dem Bettenlager oder die Kleine Freiheit. Dunkel sei es aber auch auf Heides größter Freifläche, dem Marktplatz. „Unsere gute Stube haben wir nicht vernünftig beleuchtet“, bedauert Jahnsen. Das soll im nächsten Jahr besser werden.

Die Angsträume in Heide: Klicken Sie auf die Punkte, um mehr über den Ort zu erfahren.

Auch die Neue Anlage hat er im Visier. Hier wächst viel Buschwerk um eine Wasserfläche und fehlende Laternen steigern dazu das mögliche Gefühl, belauert zu werden. Jahnke beschreibt die Anlage als einen Ort mit fehlender sozialer Kontrolle, entvölkert und uneinsehbar. Zukünftig soll die Grünfläche mitten in der Innenstadt offener und einladender gestaltet werden. Hierfür hat der städtische Gärtnermeister Georg Giesl bereits Hand angelegt. Es wurden Bäume gerodet, Flächen planiert und neuer Rasen gesät. „Wenn im neuen Jahr die Krokusse blühen, nutzen hoffentlich wieder mehr Bürger dieses Kleinod, um hier zum Beispiel ihre Mittagspause zu verbringen“, hofft Bürgermeister Ulf Stecher.

Orte zu schaffen, an denen man sich gerne aufhält und zum Schnacken trifft, entspricht auch der Vorstellung des Städteplaners. Doch er sieht den öffentlichen Raum bedroht, das sei allerdings nicht nur in Heide der Fall, erklärt er. Vier allgemeine Faktoren sieht er dafür verantwortlich:

>Die Privatisierung öffentlicher Räume, die diese nicht mehr für die Allgemeinheit zugänglich macht.

> Die Virtualisierung bei der sich der soziale Raum von der Einkaufsstraße auf Plattformen wie Zalando oder Amazon im Internet verlagert.

> Die Mobilität: Die Menschen seien einsam im Auto unterwegs anstatt gemeinsam im Bus oder zu Fuß. „Alles was hier schwarz ist, die Fahrbahnen, geht für die Stadt als öffentlicher Raum verloren“, sagt er. Das sei für die Stadt ein dramatischer Verlust.

> Die Finanznot der Stadt: Es fehle schlicht das Geld, um Räume wie beispielsweise die Neue Anlage so zu pflegen und in Stand zu halten, wie es aus städteplanerischen Gesichtspunkten wünschenswert wäre.

Dennoch will er gegensteuern mit einer „Qualitätsoffensive Innenstadt“. Er ist der festen Überzeugung, der öffentliche Stadtraum sollte eine einfache, robuste und zeitlose Schönheit haben. „Mit der Friedrichstraße haben wir eine Menge richtig gemacht“, glaubt er. Das Erscheinungsbild, das er mit seiner Kollegin Magdalena Müller für die Fußgängerzone entwickelt hat, soll sich zukünftig durch die ganze Stadt bis zum Bahnhof ziehen. Die Möblierung gebe einen Wiedererkennungswert, so Magdalena Müller.

Doch schon jetzt gibt es Orte, die ganz anders sind als die schummrige Enge im Fußgängertunnel. Silke Reese (74) freut sich über die kleinen Häuser und den Altstadtcharakter im Schusterviertel. Die Kielerin ist für drei Tage mit ihrer Familie hier zu Besuch im Herbsturlaub und findet: „Das ist eine sehr gemütliche Ecke. Wir fühlen uns wohl.“

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erstellt am 26.Okt.2014 | 16:00 Uhr

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