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Norddeutsche Rundschau

23. Oktober 2017 | 21:33 Uhr

Kultur : Drei Tote und eine Wahnsinnsarie

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Die große Oper „Lucia di Lammermoor” hätte mehr Gäste verdient gehabt

Eine Bewerbung für Itzehoe als neuer Sitz des Landestheaters war das nun gerade nicht: Gerade mal 200 Plätze waren besetzt, als die Flensburger hier Gaetano Donizettis „Lucia di Lammermoor“ präsentierten. Die von der überregionalen Kritik (am Dienstag in unserer Zeitung) zu Recht höchstgelobte Inszenierung erfüllte die hohen Erwartungen an dieses Belcanto-Meisterwerk des Verdi-Vorgängers Donizetti. Solisten, Chor, Statisterie, Orchester, Bühnenbild, Kostüm, Licht – alles bildete eine überragende Ensemble-Leistung mit Höchstform im Detail. Nur das Itzehoer Publikum zeigte sich ausgedünnt.

Dabei hätten vor allem die ewigen Theater-Kritiker das hiesige Haus in Bestform erleben können. Dessen Super-Akustik ist bekannt. Die Raffinesse der neuen Obermaschinerie schon Routine. Das Ausschöpfen der Beleuchtungsmöglichkeiten – einfach gut. Die Übertitelung des italienischen Originaltextes: Service. Aber das Spezifische des Hauses wird durch diesen raffinierten Raum gebildet, der – anders als bei einer Guckkastenbühne – das Geschehen zwar auf Bühne und Orchestergraben focussiert, aber zugleich in den Raum hinausträgt. Und das passt besonders gut zu dieser Oper, die die ganz großen Gefühle von Liebe und Hass über die Rampe bringen will. Das Haus spielte mit. Große Oper in großer Architektur.

„Lucia di Lammermoor“ von der Handlung und deren Kontext her zu verstehen, stellt ein unmögliches Unterfangen dar, wenn man nicht gerade über die Geschichte der Lammermoores und Ravenwoods promoviert hat. Daher hier nur ein Versuch ohne Gewähr in aller Kürze: Lord Enrico Ashton (Lammermoores) hasst Sir Edgardo (Ravenwoods), den aber seine Schwester Lucia (Lammermoores) liebt. Diesem gehört eigentlich Enricos Besitz, den dieser verlöre, wenn Lucia nicht Lord Arturo heiratet. Was sie aber nun gar nicht will, denn sie hat sich Edgardo versprochen. Statt die Situation vielleicht selbstbewusst gesprächsweise zu klären, lässt sich die mit Macbeth-Methoden breitgeklopfte junge Dame auf die Heirat ein. Folge: Arturo, Lucia und Edgardo sterben. Lucia bringt ihren gerade angetrauten Gatten in der Hochzeitsnacht um, verfällt dem tödlichen Wahnsinn, woraufhin sich Edgardo selbst entleibt. So eine Art Romeo und Julia auf dem Lammer-Hochmoor.

Wer den Inhalt nicht kennt, versteht ihn schnell an der unglaublichen Musik Donizettis und der schlauen Regie Julia Riegels, die die Musiksprache aus dem Graben raffiniert einfach in nachvollziehbare Aktion auf der Bühne umsetzt. Großartig dabei und zu Recht schon während der Arien mit Bravos und zum Schluss mit stehenden Ovationen gefeiert: Elvira Hasanagi, die sich in den Koloraturarien und besonders in der fast viertelstündigen Wahnsinnsarie am Schluss in die Primadonnen-Klasse katapultierte. Von nun an wird sie die Hasanagi sein. In ihrem Sog genial gut: Joa Helgesson als Enrico und Jungwhan Choi als Edgardo.

Fazit: eine grandiose Ensembleleistung mit überragender Solistin in einem perfekt funktionierenden Haus. Da lief es manchem Zuschauer nicht selten eiskalt den Rücken und feucht die Wangen hinunter.



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