Gedenken für Itzehoer NS-Opfer : Drei Tage gegen das Vergessen

SA-Männer beim Boykott eines vermeintlich „jüdischen“ Geschäfts an der Ecke Kirchenstraße und Feldschmiede, vermutlich im Mai 1933: Die Aufnahme, die durch eine Fensterscheibe aufgenommen wurde, ist eines der wenigen bildlichen Zeugnisse des Nazi-Terrors in Itzehoe.
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SA-Männer beim Boykott eines vermeintlich „jüdischen“ Geschäfts an der Ecke Kirchenstraße und Feldschmiede, vermutlich im Mai 1933: Die Aufnahme, die durch eine Fensterscheibe aufgenommen wurde, ist eines der wenigen bildlichen Zeugnisse des Nazi-Terrors in Itzehoe.

Die Arbeitsgemeinschaft Mahnen plant zum Holocaust-Gedenktag mehrere Veranstaltungen zum Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus. Sonntag ist eine Kranzniederlegung geplant.

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25. Januar 2018, 05:00 Uhr

Sie haben sich ein großes Ziel gesteckt: Eine „neue Gedenkkultur“ für die Opfer der Nationalsozialisten wollen die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Mahnen in Itzehoe verankern. Den Auftakt sollen rund um den diesjährigen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar, dem 73. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee, drei unterschiedliche Veranstaltungen machen – und künftig noch mehr Akteure zum Engagement motivieren.


Gegen „neue Welle des Populismus“

Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit den Verbrechen der Nazis. Hintergrund ihres nun erneuerten Engagements ist das Erstarken des Rechtspopulismus, ablesbar etwa am Einzug der Alternative für Deutschland (AfD) in den Bundestag, erklärt Michael Legband. „Die Weimarer Republik ist nicht an den Nazis gescheitert, sondern an zu wenig Demokraten“, sagt er. „Deswegen ist es wichtig, sich der neuen Welle des Populismus entgegen zu stellen.“ Als Motto haben die Initiatoren daher „Nie wieder! Itzehoe gedenkt der Opfer der NS-Diktatur“ gewählt. Wichtig sei ihnen dabei eine breite überparteiliche Basis des Gedenkens, erklärt Rainer Lutz.

Den Auftakt macht morgen Journalist und Autor Legband mit einem Vortrag über seinen Großvater, der von den Nationalsozialisten in Itzehoe drangsaliert wurde. „Zweimal Unrecht – Julius Legband, ein Itzehoer Maurermeister im Widerstand“ hat der frühere Itzehoer Ratsherr seinen Vortrag betitelt, der um 18 Uhr im Café Schwarz, Breitenburger Straße 14, beginnt.

Über Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma in Deutschland informiert am Sonnabend, 27. Januar, Pastor Willfrid Knees in einem Vortrag in der St-Jürgen-Kapelle, Sandberg 82. Knees will dabei nicht nur auf den Terror, den die Nationalsozialisten gegen Sinti und Roma besonders früh entfesselten, eingehen. Er kündigt an, auch die bereits vor 1933 bestehende und auf pseudowissenschaftlichen Rassentheorien beruhende systematische Diskriminierung der vermeintlichen „Zigeuner“ zu beleuchten. Die Veranstaltung wird musikalisch von Edouard Tachalow umrahmt. Der in Usbekistan geborene Geiger hat jüdische Vorfahren und spielt seit mehr als zwei Jahrzehnten sowohl solistisch als auch kammermusikalisch und als Mitglied großer Orchester. Beginn ist um 16.30 Uhr.


Kranzniederlegung am Mahnmal

Eine zentrale Gedenkfeier mit Kranzniederlegung für alle Opfer des Nationalsozialismus ist dann am Sonntag, 28. Januar, ab 14 Uhr am Mahnmal an den Malzmüllerwiesen geplant. Als Hauptredner wird der ehemalige Landtagspräsident Martin Kayenburg darüber sprechen, warum Mahnen wichtig ist. Im Anschluss wird im Café Schwarz der Film „Das Mahnmal – erbaut, verdrängt, wiederentdeckt“ von Michael Legband und Filmemacher Peter Hertling gezeigt, der Geschichte und Bedeutung des Denkmals beleuchtet, das laut Legband eine „Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart“ ist. „Solchen Bauwerken kommt künftig noch größere Bedeutung zu, weil die Zeitzeugen weniger werden“, sagt Legband.

Den Abschluss der Gedenkveranstaltungen bildet im Anschluss ein Interview des Journalisten mit Karsten Hansen. Der Vater des Itzehoer Arztes war Mitglied des militärischen Widerstands um Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Er wurde nach dem misslungenen Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 als Mitverschwörer hingerichtet. Hansen wird nicht nur über den Wandel seines Vaters, der wie viele Soldaten das NS-Regime zunächst begrüßt hatte, zum Oppositionellen berichten. Thematisiert wird auch der Umgang mit dem Erinnern in der Nachkriegszeit, als viele in den Regimegegnern des 20. Juli „Landesverräter“ sahen.

Die Teilnahme an allen Veranstaltungen ist kostenlos und ohne Anmeldung möglich. Michael Legband: „Wir hoffen auf viele Besucher.“

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