Drei Firmen wollen die Bahn

Im Gespräch (von links): Stefan Goronzcy, Heiko Schlüter und Bernhard Wewers.
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Im Gespräch (von links): Stefan Goronzcy, Heiko Schlüter und Bernhard Wewers.

Für die Strecke Hamburg-Westerland gibt es drei Bewerber / In der Ausschreibung ist der regelmäßige Halt in Glückstadt nur als Option enthalten

shz.de von
11. Mai 2015, 10:20 Uhr

Ganz Deutschland steht im Zeichen des Streiks der Lokführergewerkschaft GdL. Die Züge der Nordbahn und der Nordostsee-Bahn (NOB) aber fahren – auch nach Hamburg. In der Hauptverkehrszeit fahren drei Züge pro Stunde entweder nach Altona oder zum Hauptbahnhof. Aber die Bahnlinie Hamburg-Westerland, die jetzt von der NOB befahren wird, ist zum Dezember 2016 als Marschbahn neu ausgeschrieben worden.

„Ob Glückstadt weiter alle Haltezeiten behält, ist noch ungewiss. Die Entscheidung darüber fällt im September diesen Jahres“, erklärt Bernhard Wewers. Er ist Geschäftsführer der Gesellschaft für den Nahverkehr in Schleswig-Holstein (NAH.SH), die für die Koordinierung der Strecken und für die Erstellung der Fahrpläne verantwortlich ist. Auch die Ausschreibung der Marschbahn hat die NAH:SH im Auftrage des Verkehrsministerium vorgenommen.

Wewers: „In der vorletzten Woche haben drei Bahnunternehmen ein Angebot abgegeben: Abellio mit Firmensitz in Essen, die Nordostsee-Bahn und die Regionalbahn der Deutschen Bahn. Der Wirtschafts- und der Finanzausschuss des Landtages werden im September den Zuschlag für das wirtschaftlichste Angebot erteilen.“

Bis dahin finden noch Bietergespräche statt und die Angebote werden spezifiziert. In der Ausschreibung ist der regelmäßige Halt in Glückstadt nur als Option enthalten, genauso wie die Anbindung von Brunsbüttel, die Videoüberwachung im Zug und ein Cateringangebot.


Halte in Glückstadt sind nur eine Option


„Wenn die Bahnhalte in Glückstadt Bestandteil der Ausschreibung gewesen wären, hätte es passieren können, dass wir überhaupt keinen Anbieter gefunden hätten“, erklärt Wewers. „In den jetzigen Verhandlungen in einer Konkurrenzsituation hoffen wir, dass Glückstadt angemessen bedient werden kann.“ Pendler und Bahnexperte Heiko Schlüter aus Glückstadt widerspricht der Aussage von Wewers: „Die Ausschreibung hätte die Haltepunkte gleich vorgeben müssen.“ Neue Züge wird es aber nicht geben, denn die Ausschreibung ist konzipiert als Betriebsübernahme mit den vorhandenen Fahrzeugen und dem Personal.

Bernhard Wewers ist zusammen mit seinen Mitarbeitern Jochen Kiphard, der für die Fahrpläne zuständig ist, und Dennis Fiedel, Leiter Kommunikation, mit der Nordbahn von Itzehoe nach Hamburg gefahren, um sich vor Ort ein Bild von den Betriebsabläufen zu machen. In Glückstadt treffen sie sich mit Heiko Schlüter und Stefan Goronczy, der wie Schlüter zur städtischen Arbeitsgruppe Bahn gehört. Sie steigen um 7.10 Uhr mit etwa 60 Pendler in den Zug ein. Die Fahrt bis zum Hauptbahnhof dauert 44 Minuten, eine Einzelkarte kostet 9,70 Euro. Um 6.46 Uhr ist bereits ein Zug der NOB nach Altona abgefahren, in den etwa 80 Personen eingestiegen sind. Die Fahrtzeit nach Altona beträgt 35 Minuten.

Die Nordbahn betreibt seit Dezember des vergangenen Jahres die Strecken von Hamburg nach Itzehoe und Wrist. Dennis Fiedel: „Wie leider bei allen Betriebsaufnahmen im Bahnverkehr hat auch der Start der Nordbahn nicht reibungslos geklappt. Es kam zu Verspätungen und Zugausfällen. Dies war auch bedingt durch das Fehlen einiger Züge, die der Hersteller Stadler erst bis Ostern geliefert hat. Wir erreichen immer noch nicht das im Verkehrsvertrag zwischen Land und der Nordbahn vereinbarte Niveau.“

Insgesamt ist Bernhard Wewers aber mit dem Betrieb durch die Nordbahn inzwischen zufrieden. „Die Abläufe müssen noch optimiert werden, aber die Qualität ist besser geworden und die Nordbahn erreicht jetzt eine Pünktlichkeit von über 90 Prozent. Damit kommt sie an den Wert der Regionalbahn von 92 Prozent schon heran.“

Unpünktlich gelten Züge, die mehr als fünf Minuten Verspätung haben. Wenn es Probleme bei einer technischen Störung gibt, wie beispielsweise durch eine defekte Oberleitung, dann hat das Auswirkungen auch auf nachfolgende Züge, denn der Fahrplan ist eng gesteckt. Verspätungen werden im Zug auf einer digitalen Infoanzeige mitgeteilt und können auch online abgerufen werden.

Stadtvertreter Stefan Goronczy erzählt aus eigener Erfahrung: „Bei dem Gewitter am vergangenen Dienstag versagte aber auch dieses Informationsmedium.“ Einzige Kritik von Wewers: „Mir ist es hier etwas zu kalt im Zug und die Lautsprecheransage ist zu leise.“


Pendler werden über zwei Jahre gezählt


Begleitet wird der Testzeitraum von zwei Jahren durch die Fahrgastzählung. Dennis Fiedel: „Die Ein- und Aussteiger werden automatisch gezählt und monatlich durch den Betreiber an die NAH.SH gemeldet. Dadurch wissen wir, dass der vollste Zug um 17.06 Uhr ab Hauptbahnhof fährt.“

Zur Kontrolle werden die Fahrgastzahlen stichprobenartig durch Zählungen am Bahnsteig ergänzt. Zur genaueren Marktanalyse wurde in Glückstadt auch eine Telefonbefragung durchgeführt, bei der Auskünfte über das Fahrverhalten, die durch den Fahrplanwechsel veränderten Fahrtzeiten und die Zufriedenheit erfasst wurden. Die Ergebnisse der Befragung werden im Juni vorgestellt.

In Glückstadt wurden eigene Zählungen von der Arbeitsgruppe Bahn durchgeführt, die sich aus Stadtvertretern und Bahnfahrern zusammensetzt. Stefan Goronzcy: „Die Züge zwischen 6 und 8 Uhr werden durchschnittlich von 60 bis 80 Pendlern genutzt. Insgesamt fahren am Tag zirka 1000 Personen in Richtung Hamburg.“


Der Protest in Glückstadt ist gut organisiert


Neben der Zählung wurde in Glückstadt auch eine Unterschriftenaktion organisiert für mehr Geld für den Schienenverkehr. Bernhard Wewers zeigt sich beeindruckt von der Aktion des Fahrgastverbandes Pro Bahn für eine Petition an den Bundestag. „Der Protest in Glückstadt ist gut organisiert. Nur wenn mehr Geld aus Bundesmitteln für die Bahn nach Schleswig-Holstein fließt, können wir das Nahverkehrsangebot verbessern, wie beispielsweise den Ausbau eines dritten Gleises von Elmshorn nach Pinneberg.“

Zufrieden mit der Aktion ist auch Heiko Schlüter: „Glückstadt meckert nicht, sondern wir tun was. Auf dem Bahnhof waren wir präsent und haben ein Problembewusstsein geschaffen. Dabei haben wir 1000 Unterschriften zusammenbekommen.“

Bei der gemeinsamen Bahnfahrt von Wewers und Schlüter am Morgen gibt es keine Probleme. Der Zug ist pünktlich und trotz des Lokführerstreiks bei der Deutschen Bahn finden alle Fahrgäste einen Sitzplatz. Bernhard Wewers: „Im hinteren Teil des Zuges sind weniger Personen, denn die meisten wollen vorne sitzen, um beim Ausstieg in Hamburg näher an der Treppe zu sein.“

Zugfahrten in den Spitzenverkehrszeiten wird er auch weiterhin vornehmen, um sich ein realistisches Bild von den Problemen vor Ort zu machen, denn sowohl Glückstadt wie auch Tornesch und Pinneberg sind für ihn „Baustellen, an denen weiter gearbeitet werden muss.“

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