Drama mit lokalem Einschlag

Das Ensemble nimmt den Schlussapplaus entgegen – darunter Inga Jönsson und Eggert Harms (vorn v. l.) sowie Lara Götz (2. v. r.).
Das Ensemble nimmt den Schlussapplaus entgegen – darunter Inga Jönsson und Eggert Harms (vorn v. l.) sowie Lara Götz (2. v. r.).

Theater Augenblicke aus Kiel begeistert mit „Kleiner Mann, was nun?“ im ausverkauften Kulturhof

Avatar_shz von
03. November 2019, 13:20 Uhr

Itzehoe | In zerlumpter Kleidung stehen die beiden hochanständigen Kleinbürger am Schluss verzweifelt auf der Bühne und fragen ins Dunkel hinein: „Kleiner Mann, was nun?“ Das gleichnamige Abstiegsdrama, das das Kieler Theater Augenblicke im Kulturhof aufführte, nimmt die Zuschauer anschaulich mit in die wirtschaftliche Depression und ansteigende Arbeitslosigkeit der späten 20er Jahre.

Hans Falladas Roman traf ins Schwarze des Zeitgeists und bescherte ihm den schriftstellerischen Durchbruch. Der Angestellte Hans Pinneberg und seine Frau „Lämmchen“ kämpfen mit ihrem Sohn, dem „Murkel“, ums nackte Überleben und versuchen, dennoch ihre Würde zu bewahren.

Mit kritisch-schmissigen Songs und einer Parallelrevue, in der ein fiktives Ensemble die Entstehung des Stücks thematisiert, betont die Inszenierung die teils erschreckenden Parallelen zu nachfolgenden Zeiten. Der Börsenkrach vor Hitlers Machtübernahme spiegelt sich in der Finanzkrise 1986, als es „statt Amazon noch überall Karstadt“ gab. Der Refrain „Habt ihr ihn geseh’n, den Haifisch mit den 110 Zähnen?“ verbindet raffiniert Bertolt Brechts Dreigroschenoper mit aktuellen Rentensorgen.

Und der verzweifelte Chaos-Ausruf von Bühnenregisseur Marko (Eggert Harms) „Ich fühl’ mich Pinneberg!“ könnte es zum regionalen Kultspruch bringen. Zumal das Ensemble weiter in die lokal wirkungsvolle Kerbe des Städtebashings hieb: „Und Gott erschuf in seinem Zorn erst Pinneberg und dann Elmshorn.“ Lämmchen und ihre Familie zieht es am Schluss allerdings aus der Provinz nach Berlin, wo es „Döner, WLan, McDonald’s und – vielleicht – einen Flughafen“ gibt, aber auch keine Lebensperspektive. So endet das eindringliche Drama zwar düster, im Ohr bleibt aber Lämmchens Trost an Hans: „Du hast ja noch mich.“

Zweieinhalb Jahre nahm die Vorbereitung dieser aufwändigen Revue in Anspruch, die Falladas Roman schwungvoll zuspitzt. Die Songtexte und die Musik entstanden in enger – meist digitaler – Zusammenarbeit mit dem Wilsteraner Historiker und Journalisten Tino Jacobs, der mittlerweile in der Schweiz lebt und Regisseur Detlef Götz noch aus Itzehoer Schulzeiten kennt. Die Kaiser-Karl-Schule und ihre Theatergruppe verbindet auch weitere Ensemblemitglieder, die sich von dort aus die Bühne eroberten und mittlerweile im Kieler Theaterverein aktiv sind.

So freuten sich viele Besucher im ausverkauften Kulturhof auch über das Wiedersehen mit Lasse Bodenstein, Lara Götz, Eggert Harms, Inga Jönsson und Ute Timmermann. In der ersten Reihe verfolgten die Eltern von Detlef und Großeltern von Lara Götz gespannt die Umsetzung von Falladas Stoff, der sie selbst vor vielen Jahrzehnten beim Lesen begeistert hat. Ihr Urteil, dem sich viele Stimmen nach begeistertem Applaus anschlossen und vor allem das Wechselspiel zwischen Revue und Drama würdigten: „Das war toll! Und es macht sehr nachdenklich.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen