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Norddeutsche Rundschau

22. August 2017 | 22:52 Uhr

Drama in Flüchtlingsunterkunft

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Haus in Kollmar brennt komplett aus: Großaufgebot an Feuerwehr und Polizei / Afghanische Bewohner stehen unter Schock

Den Männern liefen die Tränen über die Wangen, die Frauen weinten hemmungslos. Sie standen unter Schock, auch die Kinder. Das Haus am Neuen Weg, in dem sie wohnten, ist ausgebrannt. Die Flüchtlinge aus Afghanistan – acht erwachsene und sechs Kinder – hatten gestern Nachmittag bange Minuten zu überstehen. Immer wieder hatten sie versucht, in das brennende Haus zu gelangen, weil sie dachten, eine Mutter sei dort noch in der Flüchtlingsunterkunft. Was nicht der Fall war. Letztlich kamen alle wohlbehalten heraus, nur ein Mann verletzte sich am Fenster. „Wir können ausschließen, dass es Tote gibt“, sagte Kai Szimmuck, kommissarischer Leiter der Polizeidirektion Itzehoe.

Mit einem Großaufgebot waren fünf Feuerwehren vor Ort, auch zahlreiche Polizisten waren vertreten. Unter ihnen Szimmuck und Polizeipressesprecher Hans-Werner Heise. „Momentan ist nichts klar“, sagte Szimmuck zu eventuellen fremdenfeindlichen Übergriffen. „Wir ermitteln in alle Richtungen“, erklärte Heise.

Nachbar Gerd Tiedemann war im Garten am Graben, als er gegen 16 Uhr den Brand bemerkte. „Ich hörte Schreie und bin sofort zu meiner Frau Irmgard ins Haus gelaufen und habe gesagt, sie soll sofort die Feuerwehr anrufen.“ Er selbst sei 37 Jahre in der Feuerwehr gewesen, musste den Schock aber doch verarbeiten. Denn dramatische Szenen spielten sich ab. Gemeinsam mit seinem Sohn Klaus musste er die Bewohner abhalten, wieder ins Haus zu laufen. Nicht alle ließen sich jedoch aufhalten. Einer lief zurück, um mit einem Stein die Fensterscheibe einzuschlagen. Denn zu dem Zeitpunkt wurde noch vermutet, dass sich noch eine Frau im Haus aufhielt. Später stellte sich heraus, dass die zunächst vermisste Mutter zum Einkaufen nach Elmshorn gefahren war.

Um 16.02 Uhr hatte die Rettungsleitstelle mit den Stichworten „Dachstuhlbrand, Menschenleben in Gefahr, Unterkunft Neuer Weg 42“ für die Feuerwehren Alarm ausgelöst. Gleich fünf Feuerwehren wurden alarmiert: Kollmar-Bielenberg, Langenhals, Gehlensiehl, Neuendorf und Glückstadt. Letztere brachte die Drehleiter mit. Zeitgleich wurden mehrere Rettungswagen und ein Notarzt sowie der organisatorische Rettungsdienstleiter in die Elbgemeinde beordert.

Der Rettungsdienst war zuerst am Einsatzort. Die Sanitäter kümmerten sich um die Flüchtlinge und brachten sie aus dem Gefahrenbereich. Sie wurden zunächst in die Räume einer nahen Versicherungsagentur gebracht, versorgt und registriert. Später wurden sie in eine Gaststätte zum Aufwärmen gefahren. Denn einige hatten keine Jacken an, einige Kinder trugen keine Schuhe.

Nach und nach trafen die alarmierten Brandbekämpfer im Neuen Weg ein. Rund 100 Feuerwehrleute waren im Einsatz. Zu diesem Zeitpunkt quoll dichter heller Qualm aus dem gesamten Gebäude. Der Dachstuhl stand in Flammen. Mehrere Feuerwehrleute gingen unter Atemschutz zur Brandbekämpfung ins Gebäude. Dabei bestätigte sich endgültig: Alle 14 Bewohner hatten das Haus verlassen können.

Als sich die ganze Tragweite des Feuers abzeichnete, trafen auch immer mehr Polizeibeamte, Bürgermeister Klaus Kruse, Mitarbeiter des Ordnungsamtes des Amtes Horst-Herzhorn sowie Amtswehrführer Wolfgang Krause am abgesperrten Einsatzort ein.

Die Nachbarn waren geschockt. Gisela Springer-Pich wusste bereits, dass einige Kollmaraner Kleidungsstücke und Schuhe eingepackt hatten, um sie den Betroffenen zu bringen. Bei ihr stand Christiane Dürkob, die sich auch persönlich betroffen fühlte. „Ich habe zehn Jahre in dem Haus gewohnt.“ Ihr Neffe Marco von Aspern betonte, wie gut das Zusammenleben im Dorf ist. „Sie gehören zur Gemeinde“, sagte auch Klaus Tiedemann. An einen fremdenfeindlichen Hintergrund mag keiner glauben. Vor Ort war auch Amtsvorsteher Ernst-Wilhelm Mohrdiek. „Wir haben Möglichkeiten, sie im Amt unterzubringen“, sagte er zu den Obdachlosen. „Ob in Kollmar, wissen wir noch nicht.“

Kai Szimmuck erklärte, dass die Betroffenen die Nacht in der Landesunterkunft in Glückstadt verbringen können. Denn wichtig erschien allen Beteiligten, dass alle zusammen bleiben. Auch um einen Dolmetscher wurde sich gekümmert.

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erstellt am 22.Mär.2016 | 19:20 Uhr

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