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Bundestagswahl 2017 : Domizil in Berlin – Zuhause in Itzehoe

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Direktkandidaten im Portrait: Nach zwei Jahren im Bundestag strebt Karin Thissen (SPD) dieses Mal eine gesamte Legislaturperiode an.

von
erstellt am 14.Sep.2017 | 09:14 Uhr

Über den Treffpunkt für das Gespräch muss Karin Thissen nicht lange nachdenken. Auf Alsen soll es ein. „Als ich in die SPD eingetreten bin, war die erste größere SPD-Veranstaltung, zu der ich hinging, der Arbeitnehmerempfang auf Alsen“, erklärt sie. Inzwischen ist die 56-Jährige politisch auch in Berlin unterwegs. Seit zwei Jahren sitzt sie für die SPD im Bundestag. Am 24. September tritt sie im Wahlkreis 3 erneut an und bewirbt sich für eine weitere Legislaturperiode.

Am Gelände des ehemaligen Zementherstellers wartet zunächst eine Überraschung, denn die Stadt hat das Betreten untersagt. Als Fotokulisse fallen die alten Lagerhallen und Fabrikgebäude also aus. „Das würde man mir anschließend um die Ohren hauen, wenn ich ein gesperrtes Gelände für ein Fotoshooting nutze“, sagt sie. Natürlich steht sie als Politikerin im Fokus, als eine, die im Bund agiert, sowieso. Da gilt es, sein Handeln und seine Worte mit Bedacht zu wählen. Also immer schön außen herum ums Industriegelände. Dabei hätte es so schön gepasst. Eine ehemalige Fabrik, wo hart gearbeitet, wo angepackt wurde – typisches SPD-Metier. Obwohl Karin Thissen nicht aus einer klassischen Arbeiterfamilie kommt. „Aber auch nicht aus einer Akademikerfamilie“, wirft sie schnell ein. Geboren wurde sie in Neuss nahe Düsseldorf, zog mit ihren Eltern unmittelbar danach nach Böblingen (Baden-Württemberg). „Wegen des Jobs meines Vaters, der bei IBM beschäftigt war, sind wir viel umgezogen“, sagt die Tierärztin. Nach ihrem Abitur in Bonn absolvierte sie ihr Studium inklusive Approbation an der Universität in Hannover. Eine Ausbildung, die ihr heute zugute kommt. Sie ist im Bundestag die einzige Agrarpolitikerin aus Schleswig-Holstein. In der Fraktion der Sozialdemokraten ist Thissen als Veterinärin die erste Ansprechpartnerin, wenn es um Tierschutz, Lebensmittelsicherheit oder Einsatz von Medikamenten in der Landwirtschaft geht. Nicht zuletzt, weil sie 22 Jahre auf einem Schlachthof gearbeitet hat und die Bedingungen dort genau kennt. Dass sie auch in ihrem Wahlkreis gute Arbeit macht, bestätige man ihr immer häufiger, erklärt Thissen – sogar oder gerade von den Landwirten aus der Region. Allein wenn es darum geht, sie in Berlin weiter zu stärken und sie zu wählen, kommen die alten Klischees wieder zum Vorschein. Landwirte wählen eben eher die Christdemokraten als die Genossen.

Der Startschuss ihrer politischen Karriere fiel in Itzehoe. Den Weg nach Schleswig-Holstein fand sie aufgrund des Krupphustens ihrer Tochter im Jahr 1988. „Hier gab es die beste Luft.“ Zunächst als Ratsfrau, später als Kreisvorsitzende ihrer Partei, arbeitete sie sich zur Bundestagskandidatin hoch. Mit dem Begriff Heimat tut sie sich schwer. „Ich verbinde kein Land und keine Region mit diesem Begriff“, gibt sie zu. Ihr Zuhause indes ist längst Itzehoe: „Meine Berliner Wohnung ist lediglich mein Domizil.“ Die Hauptstadt sei schrill, abwechslungsreich und witzig. „Aber wenn ich hierher komme, mag ich genauso dieses Bodenständige und Entschleunigte.“

Vor vier Jahren reichte es für Karin Thissen zunächst nicht, um in das Parlament einzuziehen. Erst als Hans-Peter Bartels zum Wehrbeauftragten berufen worden war, rückte sie nach. Dieses Mal stehen die Chancen besser, auch wenn der Trend derzeit gegen sie spricht. Für Thissen ist das eher ein gutes Omen. „Ich habe in meinem Leben schon viele Dinge erreicht, bei denen ich statistisch betrachtet keine Chancen hatte.“ Mit einer Abinote von 2,7 habe man ihr das schwere Tiermedizin-Studium nicht zugetraut. Als sie dann im Vorphysikum schwanger wurde, setzte keiner mehr auf einen erfolgreichen Studienabschluss, und als sie in die SPD eintrat, habe niemand an eine Karriere in Berlin geglaubt. Karin Thissen schwört auf ihre ganz eigene Statistik.

Aber selbst wenn sie das Direktmandat erneut ihrem CDU-Konkurrenten Mark Helfrich überlassen müsste, dürfte sie in Berlin bleiben. Auf der Landesliste der SPD ist sie von Platz zehn auf sechs geklettert. Ein Indiz für ihre gute Arbeit im Wahlkreis? „Das würde ich so sehen“, sagt sie. Und das muss man sogar so sehen, denn Thissen ist erst im November 2007 in die Partei eingetreten, also noch nicht einmal seit zehn Jahren Genossin. „Mir fehlen diese langjährigen Beziehungen und Seilschaften aus Juso-Zeiten.“

Für sie Fluch und Segen zugleich. Eine Parteikarriere, an deren Ende ein Amt als Staatssekretärin oder Ministerin steht, bleibt ihr wohl verwehrt. Andererseits ist sie niemandem etwas schuldig. „Mich kann keiner anrufen und sagen: Karin, du weißt, was ich für dich getan habe.“ Sie genießt ihre Freiheit bei Entscheidungen, die sie zu treffen hat. Und die trifft sie meist allein. „Ich höre mir Argumente natürlich an, und manchmal ist auch ein kluger Hinweis dabei“, erklärt Thissen, „aber in meinem gesamten Leben bin ich deshalb weit gekommen, weil ich mich an Ratschläge konsequent nicht gehalten habe.“

Den in den Medien als müde bezeichneten Wahlkampf sieht Karin Thissen indes nicht. Zweifelsohne hält sie Martin Schulz für den besseren Kanzler, aber sie legt den Fokus auf ihren Wahlkreis. Ihr missfällt, dass der Wahlkampf auf einige wenige Spitzenpolitiker kapriziert wird. „Jedes Wort, was Barbara Hendriks (Bundesumweltministerin, d. Red.) sagt, wird mir hier um die Ohren gehauen“, moniert sie. „Und sie spricht weiß Gott nicht alles mit mir ab.“ Thissen plädiert dafür, ihre Arbeit vor Ort zu bewerten. „Und dass man mir Dinge dann auch direkt sagt.“ Wenn man zu dem Schluss komme, sie persönlich mache gute Arbeit, dann solle man ihre Position stärken und die Erststimme für sie abgeben. Der Dialog, insbesondere in diesen anstrengenden Wochen vor der Wahl, sei allerdings wesentlich angenehmer als vor vier Jahren. „Die Menschen sind interessierter, informierter, stellen gezieltere Fragen, hören besser zu und pöbeln weniger“, hat Thissen festgestellt.

In ihrem Wahlwerbespot erklärt sie, sie wolle weiterhin eine laute Stimme für die Westküste sein. „Ich arbeite inhaltlich und sage auch unbequeme Wahrheiten. Auf meine fachlichen Beiträge kann man sich verlassen.“ Bei ihrem Lieblingsthema Antibiotikareduktion habe sie die im Parlament vorherrschende Meinung widerlegt. „Als ich nach Berlin kam, hieß es: keine Antibiotika mehr für Landwirtschaft. Das ist Quatsch, und ich konnte vor allem erklären, warum das Unsinn ist.“ Die Themen Lebensmittelsicherheit, Veterinärwesen und Tierarzneimittel stehen auch in den kommenden vier Jahren in ihrem Fokus. Für ihren Wahlkreis will sich Karin Thissen für die Stärkung der Landwirtschaft, den Bau der A20 inklusive westlicher Elbquerung sowie den Erhalt und Ausbau von Arbeitsplätzen in der Industrie einsetzen. Und dafür sind vier Jahre definitiv besser als zwei.

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