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Amt Itzehoe-Land : Dörfer als Motor der Entwicklung

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Wie die 20 Orte im Amt Itzehoe-Land die Zukunft meistern wollen. Finanzen und demografische Entwicklung sind die großen Herausforderungen.

Der ländliche Raum steht vor einer der größten Herausforderungen seiner Geschichte. Das wird bei einem Blick auf die Gemeinden des Amtes Itzehoe-Land deutlich. Gemeinsam mit Amtsvorsteherin Renate Lüschow zeigen die Spitzen der Verwaltung im Gespräch mit unserer Zeitung auf, wohin die Reise geht – oder auch nicht. Der Leitende Verwaltungsbeamte Volker Tüxen formuliert den Tenor im Amtsgebäude so: „Die Gemeinden müssen auch Mut aufbringen.“

Generell gehe es den 20 Landgemeinden im Amtsbereich zumindest finanziell nicht schlecht. Einige Orte seien sogar völlig frei von Schulden. Doch der erste Eindruck kann schnell trügen. „Die Ausgabenlast steigt immer weiter“, beobachten Tüxen und seine Amtsleiter Andreas von Possel (Bauamt) und Sönke Sießenbüttel (Kämmerei). Beispiel Schulen. Bis 2011 zahlten die Gemeinden Pauschalen für den Schulbesuch ihrer jüngsten Einwohner. Seitdem ermitteln die Schulträger selbst die Kosten – auch angesichts der freien Schulwahl mit höchst unterschiedlichen Auswirkungen.

Viel Geld müssen die Gemeinden auch für die Kinderbetreuung in die Hand nehmen. So habe der Ausbau von U 3-Plätzen zum Teil „dramatische Folgen“. Immerhin: Es könnten alle Kinder untergebracht werden. „Man muss sich ja auch freuen, wenn es möglichst viele Kinder gibt“, sagt Amtsvorsteherin Renate Lüschow. Sie findet, dass man hier keineswegs nur über die Kosten stöhnen sollte.

Dabei wird es angesichts des demografischen Wandels und des gerade in Steinburg sehr ausgeprägten Rückgangs der Bevölkerungszahlen immer schwieriger, junge Familien aufs Land zu locken. In Kleve und Huje gebe es inzwischen wenigstens eine Breitbandversorgung, macht von Possel auf eine wichtige Entscheidungsgrundlage für ansiedlungswillige Neubürger aufmerksam. Auch in Ottenbüttel sei die Nachfrage nach Wohngrundstücken gut. 13 Bauplätze sollen neu erschlossen werden. Er weiß: „Gute Lagen setzen sich am Markt auch weiterhin durch.“ Das Problem ist allerdings, Bauland zu bekommen. Volker Tüxen betont, dass die Gemeinden unbedingt Grundstücke vorhalten müssten, um Abwanderungstendenzen auch aus der eigenen Bevölkerung heraus entgegenwirken zu können. „Man kommt allerdings kaum noch an Land ran“, hat er beobachtet. Tatsächlich sind auch die Preise explodiert – vor allem auch wegen des rasant gestiegenen Bedarfs im Bereich der Landwirtschaft. Aktuell liege der Pachtpreis für Ackerland im Amtsbereich bei 1350 Euro pro Hektar und Jahr. „Der Druck auf die Flächen ist entsprechend groß.“ Gleichzeitig winken viele Gemeinden aus dem näheren oder weiteren Umfeld fast schon mit Dumpingpreisen. So biete Hohenwestedt Grundstücke für unter 50 Euro pro Quadratmeter an. Generelles Ziel von Amtsführung und -verwaltung bleibe daher: „Wir müssen das Dorfleben erhalten.“

Da wird schnell auch das Stichwort Leerstände zu einem Thema. Gerade ältere Bausubstanz sei immer schwieriger an den Mann (oder die Frau) zu bringen. Hohenaspe wird hier als Vorzeigebeispiel genannt. Dort gibt es nach wie vor eine gute Infrastruktur und das Dorfzentrum sei aus der Gemeinde heraus neu gestaltet worden. Und in Ottenbüttel habe man eine Diskussion über Lückenbebauung angeschoben – mit gutem Erfolg. Schwieriger sei es da aber mit stark landwirtschaftlich geprägten Gemeinden wie Moorhusen.

Von Possel würdigt in diesem Zusammenhang aber auch das Engagement vieler Bürgermeister, die sich aktiv in die Entwicklung ihrer Dörfer einschalteten und sich auch persönlich um den Verkauf von Grundstücken kümmerten. Für Volker Tüxen, der hier noch einmal das Beispiel Hohenaspe hervorhebt, steht ohnehin fest: „Die Gemeinden selbst müssen der Motor der Entwicklung sein.“

Zunehmende Bedeutung hat aus Sicht der Amtsspitzen aber auch die Zusammenarbeit der Gemeinden untereinander. Tüxen betont zwar die großen Vorteile selbstständiger Gemeinden, weiß aber auch: „Da, wo es Sinn macht, muss man sich zusammentun.“ Als Beispiele führt er den Betrieb von Kindertagesstätten und die Unterhaltung von Feuerwehren an. Dennoch sei die jetzige Kleinteiligkeit auch weiterhin wichtig für das Dorfleben. Nur so könne die Verbundenheit der Einwohner zu ihrer Wohngemeinde erhalten bleiben. Renate Lüschow führt als Beispiel für eine gute Zusammenarbeit auch ihre eigene Gemeinde an. In Huje habe man sich mit vier Nachbarorten in der Kinderbetreuung zusammengetan, Beiträge werden gemeinsam aufgebracht. Volker Tüxen: „Das zeichnet unsere Gemeinden im Amt auch aus: Da, wo es geht, machen wir es gemeinsam.“ Das laufe auch alles problemlos.

Die Versorgung mit Breitband können die Amtsgemeinden allerdings oft nicht mehr aus eigener Kraft stemmen. „Sieben Orte sind bei uns noch ganz klar unterversorgt“, weiß Tüxen. In einigen Gemeinden hat die Zukunft allerdings auch schon Einzug gehalten. So habe Huje eine Anschlussquote von 80 Prozent erreicht. „Da mussten wir aber auch Klinken putzen“, so Renate Lüschow. Sie weiß, dass von alleine kaum etwas funktioniert.

In anderen Orten sei es allein schon deshalb schwierig, weil es dort bereits konkurriende Anbieter gebe. Das stehe häufig einer flächendeckenden Versorgung im Wege. Bei Insellagen hofft Tüxen aber weiter auf eine Kooperation mit den Stadtwerken Itzehoe. Für den Chef der Amtsverwaltung gibt es zu Glasfaser-Leitungen keine Alternative. „Wir werden auch alles dafür tun, dass die Versorgung klappt.“ Tüxen mahnt allerdings auch, dass die Gemeinden hier Risiken eingingen. Aber: „Da muss man eben auch ein bisschen visionär sein.“

Eine weitere Herausforderung auch im Amt Itzehoe-Land ist der flächendeckende Brandschutz. Hier müssen Gemeinden immer mehr zusammenarbeiten. So soll Hohenaspe ein neues Gerätehaus bekommen – eventuell gemeinsam mit dem Nachbarort Drage. Ein generelles Zusammenlegen von Feuerwehren ist für die Sprecher allerdings keine Lösung. „Hier muss man auch sehr viel Fingerspitzengefühl mitbringen.“ Tüxen ist sich traditioneller Befindlichkeiten bewusst. Im Grundsatz gelte die Devise: Man muss den Brandschutz als Pflichtaufgabe der Gemeinden sicherstellen, notfalls auch mit immer weniger Menschen. Volker Tüxen betont denn auch mit Nachdruck, dass die Unterhaltung von Feuerwehren ja „kein Hobby der Gemeinden ist“. Ordnungsamtsleiter Colja Peglow weist zudem auf das Problem der Alterspyramide hin. In den nächsten Jahren würden immer mehr Feuerwehrleute altersbedingt aus dem aktiven Dienst ausscheiden. „Frische Kräfte sind dagegen immer schwieriger zu bekommen.“ Da greifen in manchen Gemeinden die Einwohner auch schon mal zur Selbsthilfe. So sei in Huje eine Wohnung mit der Ansage vermietet worden: „Dann musst du bei uns aber auch in die Feuerwehr eintreten.“

Unabhängig von den gesellschaftlichen Veränderungen bleibt auch im Amt Itzehoe-Land das Problem immer weiter steigender Ausgaben (siehe auch unten am Beispiel der Gemeinde Winseldorf). So kommen laut Andreas von Possel erhebliche Ausgaben für die Erneuerung des Kanalsystems auf die Gemeinden und ihre Einwohner zu. Er spricht von „richtig großen Brocken“. Immerhin: Im Amt hat man jetzt den genauen Überblick. Das Kanalsystem ist komplett untersucht worden. Große Sorgen macht auch die Klärschlammentsorgung. Bislang konnte das Material zweimal im Jahr auf die Böden aufgebracht werden. Wegen drohender Überdüngung sei das künftig im Herbst aber nicht mehr möglich. Und eine Verbrennung im Zementwerk gehe auch nicht, so von Possel. „Der Klärschlamm ist zu feucht.“ Er rechnet mit einer sehr kostenintensiven Entsorgung. Allein eine Gemeinde wie Ottenbüttel habe dafür schon 90 000 Euro im Etat bereitgestellt.

Bislang ungewohnte Probleme kommen auf die Amtsverwaltung selbst zu. Auch dort wird nämlich der zunehmende Fachkräftemangel spürbar. So hat man mit Interesse verfolgt, dass im Nachbar-Amt Schenefeld die Ausschreibung der Stelle des Kämmerers kaum Interessenten fand. Schließlich wurde sogar das Salär angehoben, um Bewerber anzulocken. Auch im Amt Itzehoe-Land habe man bei der Suche nach Auszubildenden erstmals keine Bewerber mehr aus dem eigenen Amtsbereich dabei. Ein Grund mehr für die 20 Gemeinden, in eigener Sache zu trommeln und die Entwicklung in den Orten voranzutreiben.

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erstellt am 16.Mai.2014 | 17:00 Uhr

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