Islam : Diskussion: „Nur ein Stück Stoff“

Sehr kontrovers wurde das Thema „Kopftuch für muslimische Frauen“ in Glückstadt diskutiert von Golrang Khadivi, Canan Bayran und Moderatorin Tania Schlie (von links).
Sehr kontrovers wurde das Thema „Kopftuch für muslimische Frauen“ in Glückstadt diskutiert von Golrang Khadivi, Canan Bayran und Moderatorin Tania Schlie (von links).

Bei einer Vortragsveranstaltung des Soroptimisten-Clubs sprachen Dozentinnen und Publikum kontrovers über das Für und Wider von Kopftüchern

shz.de von
29. Juli 2015, 12:00 Uhr

Zu einer äußerst interessanten Vortragsveranstaltung hatte der Glückstädter Soroptimisten-Club ins Palais für aktuelle Kunst eingeladen. „Nur ein Stück Stoff“ war der Titel, der Neugier weckte. Thema war das Kopftuch und die muslimischen Frauen, die es tragen – oder eben nicht. Zwei gegensätzliche aber auch sehr persönliche Ansichten vertraten die beiden Dozentinnen Canan Bayran und Golrang Khadivi.

„Ist das Kopftuch Ausdruck der Religionsverbundenheit oder doch eher körperlich und geistig einengendes Bekleidungsstück?“, war die Frage, die sich die Soroptimistinnen im Vorfeld der Veranstaltung gestellt hatten, erklärte Präsidentin Astrid Nielsen zur Begrüßung des überraschend zahlreichen Publikums. Daraus entwickelte sich im Laufe des Abends eine zum Teil recht kontroverse Diskussion zwischen den Referentinnen und dem Publikum.

Tania Schlie, die die Moderation der Veranstaltung übernommen hatte, bat die beiden Referentinnen eingangs zu ihren persönlichen Meinungen für oder gegen das Kopftuch. Während Bayran das Kopftuch aus persönlicher religiöser Überzeugung seit zwölf Jahren trägt, ist es bei Khadivi genau umgekehrt. Sie wuchs im Iran auf, wo das Kopftuch Pflicht ist und auch als politisches Instrument missbraucht wird. Als sie vor acht Jahren nach Deutschland kam, entschied sie sich ganz bewusst gegen das Tragen des Kopftuches. Schon als Kind und Jugendliche wehrte sie sich mit der Unterstützung ihrer Familie gegen den Kopftuchzwang, indem sie sich in der Freizeit als Junge ausgab. „Dadurch hatte ich allerdings später Probleme, mich selbst als junge Frau zu begreifen“, erklärte sie. In der Schule zwang sie die strenge Schulordnung zwar zum Tragen eines Kopftuches, aber auch hier rebellierte sie auf ihre ganz eigene Art: „Ich habe immer nur helle, bunte Tücher getragen und nicht die von der Regierung favorisierten gedeckten, dunklen Farben.“

Canan Bayran erging es genau andersherum. Sie wuchs in Hamburg auf, in einer religiösen Familie. Sie entschloss sich aus eigenem Willen und ihrem eigenen Religionsverständnis heraus mit zwölf Jahren zum Tragen des Kopftuches. Als sie mit ihrer Familie ein Jahr später in die Türkei umzog, erlebte sie eine Art Zwangsemanzipierung, indem man ihr das Kopftuch in der Schule abnahm. „Mit Kopftuch hätte es für mich in Istanbul auch keine Studienmöglichkeit gegeben“, erklärte sie dem überraschten Publikum.

Ihre Entscheidung für das Kopftuch stieß bei den Zuhörern jedoch scheinbar auf einiges Unverständnis. Canan Bayran musste sich mehrfach für ihre ganz persönliche Entscheidung rechtfertigen. „In Deutschland kursiert immer noch das Bild der muslimischen Frau, die mit Kopftuch und Alditüte hinter ihrem Mann herläuft“, war ihr Vorwurf. Aber diese Darstellung sei falsch. Das Kopftuch sei hier und heute kein Zeichen für Unterdrückung.

Sehr geteilt war die Meinung im Publikum. Vom Vorschlag, sich doch ein wenig mehr an der amerikanischen Toleranz zu orientieren bis hin zu der Forderung, das Tragen eines Kopftuches im öffentlichen Bereich, wie beispielsweise in der Schule, zu verbieten, waren verschiedene Ansichten vertreten. Eine versöhnende Aussage machte gegen Ende der Veranstaltung ein älterer Zuhörer: „Lasst doch jeden, solange er sich im Rahmen unseres Grundgesetzes bewegt, seinen Glauben leben, wie er möchte, egal ob er dazu Bart trägt oder Kopftuch oder eine Ordenstracht!“

Auch Canan Bayran erklärte dazu: „Frauen mit Kopftuch sind heute ein Teil ihrer Gesellschaft.“ Und Golrang Khadivi forderte die Menschen auf, doch alle Meinungen zu diesem sehr kontrovers diskutierten Thema gelten zu lassen. Das Schlussstatement gab Tania Schlie ab: „In unserer heutigen Welt sollten wir offener aufeinander zugehen und unserem jeweiligen Gegenüber auf Augenhöhe begegnen. Ich zumindest werde nach dem heutigen Abend versuchen, immer zuerst die Frau hinter dem Kopftuch zu sehen und mit ihr ins Gespräch zu kommen.“

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