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Berufswelt : Digitaler Wandel als Chance für Frauen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Viele Berufe werden immer technischer – wo liegen dabei die Vor- und Nachteile für Arbeitnehmerinnen?

von
erstellt am 16.Feb.2017 | 12:20 Uhr

Spracherkennung statt Sekretärin und Einkaufen per Knopfdruck statt Einzelhandel: Werden immer mehr Berufe wegdigitalisiert? Technisierung ist nichts Neues. Aber sie nimmt eine andere Qualität ein. Die Digitalisierung krempelt die Arbeitswelt um. Welche Chancen und Risiken sich dadurch für Frauen ergeben, hat die Arbeitsgemeinschaft Frauen in der Region Unterelbe beleuchtet. Im Fraunhofer-Institut für Siliziumtechnologie (ISIT) in Itzehoe diskutierten Experten die Frage: „Wie weiblich ist 4.0?“

„Sind wir denn verrückt geworden, dass wir uns dieses Thema ausgewählt haben? Es ist so umfassend“, kommentierte Perke Heldt, Regionalsekretärin beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), die die Veranstaltung moderierte. Christina Schildmann von der Hans-Böckler-Stiftung ist Expertin auf dem Gebiet. Sie leitet das wissenschaftliche Sekretariat der Kommission „Arbeit der Zukunft“, die Veränderungsdynamiken analysiert, die durch Digitalisierung entstehen. Durch die Automatisierung würden „Lieblings-Frauenberufe“ in Büro, Vertrieb, Verwaltung und Warenhandel verloren gehen, stellte sie Prognosen vor. Diese so genannten Sackgassenberufe müssten neu konzipiert werden. Engpässe werden dagegen in den Mint-Berufen (Mathematik, Informatik, Natur- und Ingenieurwissenschaft und Technik) erwartet. Frauen in den Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik mehr zu etablieren und vor allem zu halten, müsse ein Bestreben sein.

Das bestätigte auch Peter Brodersen, der sich mit der Glückstädter Firma Steinbeis Temming Papier dafür engagiert, mehr Frauen in Mint-Berufen auszubilden. „Bei den Papiertechnologen ist uns das gelungen. Es ist effizienter, in gemischten Teams zu arbeiten.“ Problematisch sei allerdings die Schichtarbeit, bei Steinbeis wird rund um die Uhr gearbeitet. Aus dem Publikum kam die Anregung, kürzere Schichtzeiten einzurichten, damit Frauen und auch Männer Job und Familie besser unter einen Hut bringen können. Eine Anregung, die Brodersen gerne mitnahm.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf war ein viel diskutierter Punkt. Technik macht es schon lange möglich, auch von zu Hause zu arbeiten. „Wir brauchen aber klare Regeln für das mobile Arbeiten. Es muss ganz klar werden, wer wann erreichbar sein muss und wie viel arbeitet“, forderte Schildmann. Sich in Teams dezentral dank Technik organisieren zu müssen, könne den Frauen zugute kommen, denn dabei seien weibliche Stärken wie „Kommunikation und Emotionen“ gefragt. Ein gutes Beispiel für Home Office stellten Stefan Vergo und Britta Sievers von den Stadtwerken in Heide vor. Dort wird seit 15 Jahren im Home Office gearbeitet. „Wichtig ist, dass über die Bedingungen geredet wird, wir haben dazu eine Vereinbarung mit dem Betriebsrat getroffen“, sagte Stefan Vergo. Das betriebliche Umfeld dürfe nicht verloren gehen, für einen Arbeitstag in der Woche sei deshalb die Rückkehr in den Betrieb verabredet.

Auch für Maria Perna war die Digitalisierung ein Segen. Seit Jahren arbeitet die Assistentin der Fraunhofer Institutsleitung an drei Tagen von zu Hause. „Ich profitiere davon als Mutter von drei Kindern enorm. Durch die zeitliche und räumliche Mobilität kann ich Geld verdienen und mich um meine Kinder kümmern. Loyalität ist aber Voraussetzung“, machte die 48-Jährige klar. Dass das Handy auch nach Feierabend klingelt, nimmt sie in Kauf. „Ich muss viel über das Telefon regeln, wenn ich von zu Hause arbeite. Das bedeutet, eine klare Sprache zu sprechen. Missverständnisse lassen sich nicht so schnell ausräumen, wenn ich dezentral arbeite.“

Durch den technischen Fortschritt werden Arbeitsplätze verdrängt, aber auch neue geschaffen: Das ISIT und das Regionale Berufsbildungszentrum Steinburg haben zusammen den Beruf des Mikrotechnologen auf die Beine gestellt. Daniela Frank (45) ist seit 15 Jahren am ISIT als Prozesstechnologin an der Herstellung von Computerchips beteiligt.

Neue Qualifikationen werden in der Arbeitswelt 4.0 immer wichtiger. Christina Schildmann betonte, dass Frauen bisher in der betrieblichen Weiterbildung unterrepräsentiert seien. Die Arbeitsagentur in Heide gibt sich Mühe, diesen „Gendergap“ in der Weiterbildung zu vermeiden. „Wir müssen sicherstellen, dass die Fähigkeit, sich neuen oder anderen beruflichen Qualifikationen anzupassen, erhalten bleibt oder gestärkt wird“, sagte Andreas Böckmann als Beauftragter für Chancengleichheit.

Jasmin Schacht vom DGB mahnte einen angstfreien und offenen Umgang mit dem Thema Digitalisierung an. Sie ist selbst als Konstrukteurin tätig und sieht durch neue Erwerbsformen und Arbeitsprozesse einen Wandel in der Berufswelt, der Frauen zugute kommen kann. „Wenn mehr mobiles Arbeiten möglich ist, ist auch Familie und Beruf besser zu vereinbaren“, betonte Jasmin Schacht. Für sie ist wichtig, dass Beschäftigte, aber auch Betriebs- und Personalräte die digitale Zukunft mitgestalten. Denn die Risiken dürften nicht verschwiegen werden: „Digitale Technik kann auch berufliche Qualifikation entwerten“, befürchtete sie. So arbeite Siemens beispielsweise mit virtuellen Ansagen der Arbeitsschritte und will in der Folge die Facharbeiterlöhne reduzieren.

Bei den fundamentalen Auswirkungen des digitalen Strukturwandels sei eines gut, betonte Gabriele Tahal, Leiterin der Abteilung Arbeit im Wirtschaftsministerium: Es ist ein übergreifender Dialogprozess in Gang gekommen, in den sich Unternehmen, Gewerkschaften, Wissenschaft und Politik einbringen.


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