Fußball : Dieser Dortmund-Fan gibt nicht auf

Will den Abstiegskampf annehmen – und glaubt an den Erfolg seiner Mannschaft: Dennis Siemer im Treffpunkt Südtribüne.
Will den Abstiegskampf annehmen – und glaubt an den Erfolg seiner Mannschaft: Dennis Siemer im Treffpunkt Südtribüne.

Ein Besuch im Fanclub des kriselnden Bundesligisten Borussia Dortmund in Itzehoe

Kay Müller von
19. Dezember 2014, 12:00 Uhr

Er denkt schwarz-gelb. Und er fühlt schwarz-gelb. Und er leidet mit schwarz-gelb. „Was soll ich sagen? Das war eine Scheiß-Hinrunde“, sagt Dennis Siemer. Der 30-jährige Vorsitzende des Borussia Dortmund Fanclubs in Itzehoe redet nicht gern um die Sachen herum. Nach 16 Spieltagen steht sein Verein auf dem Relegationsplatz – nicht leicht für einen Borussen, der es aus den vergangenen Jahren gewohnt ist, dass sein Verein um die Meisterschaft mitspielt. „Ich bin enttäuscht, aber nicht verzweifelt“, sagt Siemer und setzt sich auf ein schwarz-gelbes Sofa im Treffpunkt Südtribüne, den er vor einem guten halben Jahr am Sandberg eröffnet hat. Es ist ein Platz, an dem er zuletzt einige Enttäuschungen erlebt hat. „Nach manchem Spiel hatten einige Fans Tränen in den Augen“, erzählt Siemer. 25 Mitglieder hat sein Club. „Ich bin kein Schönwetterfan – wie alle unsere Mitglieder stehe ich auch in schlechten Zeiten zum Verein“, meint Siemer – und das in Zeiten, in denen seine Mannschaft so schlecht ist wie in der Saison 1972 als der BVB abstieg.

Bei jedem Spiel sind die Itzehoer Fans, die nicht ins Stadion fahren, im Treffpunkt Südtribüne. „Unser jüngstes Mitglied ist eineinhalb, unser ältestes 64 Jahre alt“, sagt Siemer. Sogar aus Dithmarschen und Rendsburg-Eckernförde kämen Mitglieder. Und weil Siemer den Fantreff so liebt, will er ihn künftig an jedem Wochentag für ein paar Stunden öffnen. „Viele Leute interessieren sich dafür.“

Wenn er in seiner schwarz-gelben Jacke durch Itzehoe geht, bekomme er keine hämischen Bemerkungen – auch nicht nachdem sein Verein gegen den HSV verloren habe. „Viele Itzehoer Fans von anderen Vereinen fragen mich: Was ist denn da bei Euch los?“ Eine befriedigende Antwort kann Siemer nicht geben. „In der Champions League gewinnen unsere Jungs ja“, sagt er. „Aber in der Liga treffen die das Tor nicht“, sagt Siemer, der gerade wieder ein 2:2 gegen Wolfsburg verdauen muss, bei der seine Mannschaft kurz vor Schluss noch ein Gegentor hinnehmen musste. Mittlerweile ist Siemer mit solchen Punkten schon zufrieden.

Nur bei einem ist er sicher: „Jürgen Klopp ist der richtige Trainer, der kann Abstiegskampf – das hat er in Mainz bewiesen.“ Und während er diesen Satz sagt, schaut Siemer fast ehrfurchtsvoll an die Wand, an der ein Bekannter den Meistertrainer in Jubelpose verewigt hat. Der Fanclub-Vorsitzende weiß genau, dass seine Mannschaft seit Jahren nicht so tief unten war, und sagt dennoch: „Ich glaube, dass wir in ein paar Monaten nicht mehr gegen den Abstieg spielen müssen.“

Aber die Chancen seines Vereins, in der nächsten Saison international zu spielen, sind mehr als gering. „Doch auch wenn wir das nicht schaffen, sind Mannschaft und Umfeld emotional und finanziell stabil genug, um das zu verkraften“, meint Siemer.

Seit seinem sechsten Lebensjahr ist er BVB-Anhänger. „Mein Onkel hat mich mit ins Stadion genommen, ich hatte keine Wahl: Ich musste Fan werden.“ Und Siemer gibt die Tradition weiter: Seine sechsjährige Tochter wurde schon als Säugling BVB-Mitglied. Was das besondere an dem Verein sei? „Wir haben die beste Tribüne: Da stehen 28  000 Leute, jubeln und schreien – das ist als wenn fast ganz Itzehoe aufsteht“, sagt Siemer und zeigt die Gänsehaut, die sich auf seinem Arm gebildet hat als sein Handy klingelt – mit der Fußballhymne von „You never walk alone“. Siemer lässt es klingeln, er redet von den goldenen Zeiten als sein Verein 1997 die Champions League gegen Juventus Turin gewann. Vielleicht habe man ja doch eine Chance, da nächste Saison mitzuspielen. Allerdings müsste der BVB dafür einen Titel gewinnen – entweder den DFB-Pokal oder die Champions-League. Ob man da gegen Real Madrid eine Chance habe?, fragt er sinnierend.

Die Wirklichkeit sieht anders aus: ein Sechs-Punkte-Spiel morgen gegen den direkten Konkurrenten und Tabellenletzten aus Bremen – ein Team, das viele Beobachter bald in der zweiten Liga sehen.

Aber selbst wenn am Ende der Saison der Abstieg auch dem BVB droht, wird das nicht das Schlimmste für Siemer sein, der den Kopf senkt. „Wir haben das Derby gegen die aus Gelsenkirchen verloren – das war bitter“, sagt der Fan – und nimmt das Wort Schalke nicht in den Mund. „Das schlimmste wäre nur, wenn wir runter in die zweite Liga gehen – und die Vögel aus Gelsenkirchen blieben oben.“

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