Abschied in Lübeck : Die zwei Gesichter des Günter Grass

Literatur-Diskussion: Dr. Alexander Ritter und der spätere Nobelpreisträger Günter Grass in den 70er Jahren.
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Literatur-Diskussion: Dr. Alexander Ritter und der spätere Nobelpreisträger Günter Grass in den 70er Jahren.

Der Literaturwissenschafter Alexander Ritter erinnert sich an seine Treffen mit dem Nobelpreisträger, für den es heute in Lübeck eine Trauerfeier gibt.

shz.de von
09. Mai 2015, 08:55 Uhr

Lübeck | Das Bild hat Dr. Alexander Ritter noch genau vor Augen. Es ist ein heller Tag Mitte der 70er Jahre, als er in Wewelsfleth im Kreis Steinburg vor einem alten Haus steht und um Einlass bittet. „Auf der Straße kam mir ein Mann entgegen, leicht gebeugte Körperhaltung, ein zu großes Sakko, eine einfache Hose – und unter dem Arm trug er in Zeitungspapier eingewickelte Fische – das war Günter Grass“, sagt Ritter. Ein besonderes Detail, denn Grass schreibt zu dieser Zeit an seinem Roman „Der Butt“. Ritter traf ihn häufiger, für ihn war Grass ein „ungemein sympathischer, angenehmer Mann, der völlig anders war, als man ihn oft bei öffentlichen Auftritten erleben konnte“.

Alexander Ritter selbst schreibt zu dieser Zeit an einem Buch über Grass’ Novelle „Katz und Maus“ – seine Erläuterungen und Dokumente aus dem Reclam-Verlag mit den Anmerkungen hätten sich bis heute über 55.000 Mal verkauft und seien immer noch erhältlich, so Ritter, der schon damals viele Einträge auf seiner Publikationsliste hat. „Es gab eine Forschungslücke, die wollte ich schließen“, sagt der Itzehoer. Der Literaturwissenschaftler und Pädagoge recherchiert gründlich – und doch fehlen ihm einige Angaben über Grass’ Motivation.

„Also habe ich mir gedacht: ,Der Mann wohnt doch in Wewelsfleth, dann rufe ich ihn mal an.‘“ Ritter wird eingeladen und freundlich empfangen. „Grass nahm sich sehr viel Zeit, er hat sehr offen erzählt, wir haben stundenlang geredet“, sagt Ritter. Schnell zeigt der damals schon weltbekannte Schriftsteller ihm sein Atelier im Spitzboden der alten Vogtei, die er einige Jahre zuvor vor dem Verfall gerettet hat und später dem Land Berlin schenkt.

Gleich zu Beginn habe Grass ihn für die SPD gewinnen wollen. „Aber ich habe ihm gesagt, dass ich ein überzeugter Christdemokrat bin.“ Grass habe das akzeptiert.

Ritter stört jedoch bis heute ein bisschen an Grass, dass der immer stärker das Politische in seine Literatur hat einfließen lassen. „Er tat immer so, als wenn er den Mächtigen nur auf die Finger schaut, dabei hat er mit den Mächtigen wie etwa Willy Brandt auch zusammengearbeitet.“ Grass trat als Kapitalismuskritiker auf, verdiente aber als Schriftsteller auch große Summen. Doch für sein literarisches Werk bewundert Ritter ihn. „Er hatte eine Wortgewalt und Ausdrucksstärke in der Sprache, die es heute nicht mehr gibt.“

Gerade die frühen Bücher wie die „Blechtrommel“, „Katz und Maus“ oder später noch „Treffen in Telgte“ seien von starker Erzählkraft, die er danach in dieser Form nicht mehr erreicht habe. „Grass ist neben Kafka und Thomas Mann einer der bedeutendsten Literaten des 20. Jahrhunderts – besser als Siegfried Lenz oder Heinrich Böll“, sagt der ehemalige Universitätsdozent.

Er schlägt in seinem Arbeitszimmer ein Buch auf. Es ist eine Sonderausgabe der „Blechtrommel“ mit einer Widmung, in der Grass Ritter auffordert, auch Anmerkungen für sein wichtigstes Werk zu verfassen. „Doch es wäre mir am Ende zu verengt vorgekommen, noch mehr über Grass zu arbeiten“, sagt Ritter.

Nur ein Mal kommt er noch zu Grass zurück, um dem Schriftsteller sein Anmerkungsbuch zu überreichen und ein langes Interview zu führen – wieder über „Katz und Maus“. Die Kassette besitzt Ritter noch. „Da hat er mit Sicherheit auch ein paar Sachen gesagt, die man heute noch nicht über ihn weiß“, sagt der 76-Jährige. Falls das Band noch intakt ist, will Ritter sich die Aufnahme noch einmal anhören.

Heute um 14 Uhr nimmt Deutschland mit einer Trauerfeier in Lübeck Abschied von Günter Grass. Der Literaturnobelpreisträger war am 13. April im Alter von 87 Jahren in Lübeck gestorben. Zur Gedenkfeier im Theater werden rund 900 Gäste erwartet, darunter Künstler und Politiker.

Als Hauptredner ist der US-Autor John Irving („Garp und wie er die Welt sah“) vorgesehen. Der 73-Jährige hat Grass immer wieder als sein literarisches Vorbild bezeichnet. Beide verband eine enge Freundschaft. Grußworte sollen Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (SPD), Kulturstaats-Ministerin Monika Grütters (CDU) und der Bürgermeister von Grass' Geburtsstadt Danzig, Pawel Adamowicz, sprechen.

Die Grass-Tochter Helene und der Schauspieler Mario Adorf lesen Gedichte von Grass. Adorf hatte 1979 in der Verfilmung des Grass-Romans „Die Blechtrommel“ eine Hauptrolle gespielt.

Auf der Gästeliste stehen auch Bundespräsident Joachim Gauck, der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, und die Autoren Adolf Muschg und Christoph Hein. Grass hatte sich der Sozialdemokratie verbunden gefühlt und besonders die Wahlkämpfe von Willy Brandt unterstützt. Nicht zuletzt darum wollen auch SPD-Politiker wie Sigmar Gabriel, Hannelore Kraft und Olaf Scholz zur Gedenkfeier kommen.

Grass war Ende April im engsten Familienkreis in seinem langjährigen Wohnort Behlendorf im Süden Lübecks beigesetzt worden.

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