Kultur : Die zwei Gesichter des Günter Grass

Literatur-Diskussion: Dr. Alexander Ritter und der spätere Nobelpreisträger Günter Grass bei einem Treffen in den 70er Jahren.
1 von 4
Literatur-Diskussion: Dr. Alexander Ritter und der spätere Nobelpreisträger Günter Grass bei einem Treffen in den 70er Jahren.

Literaturwissenschafter Alexander Ritter erinnert sich an seine Treffen mit dem Nobelpreisträger

Kay Müller von
10. Mai 2015, 16:10 Uhr

Das Bild hat Dr. Alexander Ritter noch genau vor Augen. Es ist ein heller Tag Mitte der 70er Jahre, als er in Wewelsfleth vor einem alten Haus steht und um Einlass bittet. „Auf der Straße kam mir ein Mann entgegen, leicht gebeugte Körperhaltung, ein zu großes Sakko, eine einfache Hose – und unter dem Arm trug er in Zeitungspapier eingewickelte Fische – das war Günter Grass“, sagt Ritter. Eine besonderes Detail, denn Grass schreibt zu dieser Zeit an seinem Roman „Der Butt“. Heute findet für den am 13. April gestorbenen Schriftsteller in Lübeck eine Trauerfeier statt. Ritter traf ihn häufiger, für ihn war Grass ein „ungemein sympathischer, angenehmer Mann, der völlig anders war, als man ihn oft bei öffentlichen Auftritten erleben konnte“.

Ritter selbst schreibt zu dieser Zeit an einem Buch über Grass’ Novelle „Katz und Maus“ – seine Erläuterungen und Dokumente aus dem Reclam-Verlag mit den Anmerkungen hätten sich bis heute über 55  000 Mal verkauft und seien immer noch erhältlich, so Ritter, der schon damals viele Einträge auf seiner Publikationsliste hat. „Es gab eine Forschungslücke, die wollte ich schließen“, sagt der Itzehoer. Der Literaturwissenschaftler und Pädagoge recherchiert gründlich – und doch fehlen ihm einige Angaben über Grass’ Motivation. „Also habe ich mir gedacht: ,Der Mann wohnt doch in Wewelsfleth, dann rufe ich ihn mal an.‘“ Ritter wird eingeladen und freundlich empfangen. „Grass nahm sich sehr viel Zeit, er hat sehr offen erzählt, wie haben stundenlang geredet“, sagt Ritter. Schnell zeigt der damals schon weltbekannte Schriftsteller ihm sein Atelier im Spitzboden der alten Vogtei, die er einige Jahre zuvor vor dem Verfall gerettet hat und später dem Land Berlin schenkt. „Dort gab es an beiden Seiten große Tapeziertische, auf dem einen konnte ich im Manuskript des Butts blättern, auf dem anderen lagen viele Zeichnungen und Lithografien“, erzählt Ritter noch immer beeindruckt. Gleich zu Beginn habe Grass ihn für die SPD gewinnen wollen. „Aber ich habe ihm gesagt, dass ich ein überzeugter Christdemokrat bin.“ Grass habe das akzeptiert, die Politik habe fortan in den Gesprächen keine Rolle mehr gespielt.

Ritter stört jedoch bis heute ein bisschen an Grass, dass der immer stärker das Politische in seine Literatur hat einfließen lassen. „Er tat immer so, als wenn er den Mächtigen nur auf die Finger schaut, dabei hat er mit den Mächtigen wie etwa Willy Brandt auch zusammengearbeitet.“ Grass trat als Kapitalismuskritiker auf, verdiente aber als Schriftsteller auch große Summen. Doch für sein literarisches Werk bewundert Ritter ihn. „Er hatte eine Wortgewalt und Ausdrucksstärke in der Sprache, die es heute nicht mehr gibt“, so Ritter. Gerade die frühen Bücher wie die „Blechtrommel“, „Katz und Maus“ oder später noch „Treffen in Telgte“ seien von starker Erzählkraft, die er danach in dieser Form nicht mehr erreicht habe. „Grass ist ein Könner und neben Kafka und Thomas Mann einer der bedeutendsten Literaten des 20. Jahrhunderts – besser als Siegfried Lenz oder Heinrich Böll“, meint Ritter.

„Er war sehr väterlich, hat sich viel Zeit genommen, ich habe gute Erinnerungen an die Gespräche“, sagt der ehemalige Universitätsdozent, als er in seinem Arbeitszimmer ein Buch aufschlägt. Es ist eine Sonderausgabe der „Blechtrommel“ mit einer Widmung, in der Grass Ritter auffordert, auch Anmerkungen für sein wichtigstes Werk zu verfassen. „Doch es wäre mir am Ende zu verengt vorgekommen, noch mehr über Grass zu arbeiten“, sagt Ritter, der weit über 200 Aufsätze und unzählige Bücher geschrieben hat.

Nur ein Mal kommt er noch zu Grass zurück, um dem Schriftsteller sein Anmerkungsbuch zu überreichen und ein langes Interview zu führen – wieder über „Katz und Maus“. Die Kassette besitzt Ritter noch, aber seit damals hat er sie nicht wieder angehört. „Eines weiß ich aber noch“, sagt der 76-Jährige. „Da hat er mit Sicherheit auch ein paar Sachen gesagt, die man heute noch nicht über ihn weiß.“ Falls das Band noch intakt ist, will Ritter sich die Aufnahme bald noch einmal anhören.

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen