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Norddeutsche Rundschau

20. August 2017 | 23:38 Uhr

Die Zeitung in dunklen Zeiten

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Beginn der Nazi-Herrschaft hat im Kreis Steinburg unter anderem politischen Terror und die Gleichschaltung der Presse zur Folge

Seit dem 5. Juli 1817 versorgt unsere Zeitung die Menschen in Itzehoe und Umgebung mit Nachrichten aus der Region und aller Welt. Ihren Geburtstag feiert die Rundschau in einer Sonderserie mit Geschichten aus 200 Jahren Zeitung für den Kreis Steinburg – immer sonnabends an dieser Stelle im Blatt.

Fast auf den Tag genau vor 84 Jahren begann das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte: Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Ausführlich berichteten die Itzehoer Nachrichten, der Vorläufer der heutigen Norddeutschen Rundschau, am Folgetag über das neue „Kabinett der nationalen Konzentration“. Vermutlich ahnten die Redakteure im Verlagshaus in der Breiten Straße nicht, dass mit dieser Nachricht bald auch das vorläufige Aus für ihre Zeitung kommen würde, deren Titel erst sehr viel später im Lokalteil der Rundschau wieder zum Leben erweckt wurde.

Zum „Tag der Machtergreifung“ wurde der 30. Januar später in der Nachkriegszeit erklärt. Wenn auch umstritten, hat sich der Begriff bis heute erhalten, denn in der Rückschau hat er eine gewisse Berechtigung: Tatsächlich gelang es der NSDAP, eine bis 1945 stabile Diktatur in Deutschland zu errichten und ihre Macht rücksichtslos einzusetzen, um den größten Krieg und den größten Völkermord der Weltgeschichte vom Zaum zu brechen. Der Weg dorthin scheint im Rückblick Kontinuität aufzuweisen und fast folgerichtig über immer neue Eskalationsstufen bis in den Untergang zu führen. „Machtergreifung“ suggeriert aber auch einen gewissermaßen gewaltsamen, illegalen Akt von außen, einen Staatsstreich gegen den Willen des Volkes. Deshalb passte der Begriff in die Stimmung der frühen Nachkriegszeit, in der man zur Tagesordnung übergehen und sich nicht mit der schmutzigen Vergangenheit aufhalten wollte.


Hitler brauchte die Unterstützung der Konservativen


Für Zeitgenossen war die Entwicklung aber keineswegs vorgezeichnet. Dass einige Beobachter Krieg und politischen Terror voraussahen, belegen zahlreiche Quellen. Doch welche verbrecherische Dynamik das neue Regime entwickeln würde, konnte sich im Januar 1933 offenbar kaum jemand vorstellen. Den Begriff der „Machtergreifung“ sucht man daher in den Itzehoer Nachrichten – wie auch in anderen Zeitungen – vergeblich. Tatsächlich regierte Hitler zunächst auch gar nicht allein. Seine NSDAP war zwar die stärkste Partei im Berliner Reichstag. Sie hatte bei den letzten Reichtagswahlen im November 1932 aber Stimmen verloren und war mit 33 Prozentpunkten meilenweit von einer absoluten Mehrheit entfernt. Um in die Reichskanzlei zu gelangen, musste Hitler ein Bündnis mit nationalkonservativen Kräften wie der Deutschnationalen Volkspartei unter Führung von Alfred Hugenberg eingehen.

Mit diesen einte die Nationalsozialisten eine ganze Reihe von innen- und außenpolitischen Zielen wie die Bekämpfung einer vermeintlichen drohenden Revolution von links, die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage und der Abbau der als „Schanddiktat“ empfundenen Auflagen des Versailler Vertrages. Nun glaubten führende Konservative wie Vizekanzler Franz von Papen Hitler zur Umsetzung dieser Ziele instrumentalisieren zu können. Diese Sichtweise spiegeln auch die konservativen Parteien nahe stehenden Itzehoer Nachrichten wider. „Märchenhaft“ sei der Aufstieg des „kleinen Waisenjungen, Maurergesellen und Zeichners“ Hitler, der „heute an Bismarcks Stelle sitzt“, so der Leitartikel. Er dürfe nun nicht mehr als „Agitator“ handeln, sondern müsse sich zu einer „kühlen Anschauung durchringen“, schließlich verpflichte das Amt. Begeisterung klingt anders.

Ein Problem mit der antidemokratischen Haltung der neuen Regierung hatte die Zeitung dagegen offenbar nicht. Die Verlautbarung, dass sich das Kabinett nicht von „Obstruktion“ des Reichstags oder „parteipolitischer Mühlarbeit“ behindern lassen wolle, lässt der ansonsten meinungsstarke Leitartikel unkommentiert. Vielleicht ahnte die Redaktion aber auch nicht, wie bitter ernst diese Ankündigung gemeint war und mit welcher rücksichtslosen Entschlossenheit sie in den kommenden Wochen und Monaten umgesetzt werden würde. Einen Vorgeschmack hätte der Fackelzug von rund 800 SA- und SS-Angehörigen durch Itzehoe zu Ehren des neuen Reichskanzlers geben können, über den die Itzehoer Konkurrenzzeitung Nordischer Kurier am 1. Februar berichtet.

Der Machtdemonstration folgten schnell Gewalttaten, die sich zunächst vor allem gegen politische Gegner aus dem linken Spektrum richteten. Nachdem mit dem Reichstagsbrand vom 28. Februar ein vermeintlicher Anlass für die Verfolgung gefunden war, kam es auch im Kreis Steinburg zu brutalen Übergriffen gegen Kommunisten und Sozialdemokraten. So wurde ein junger SPD-Aktivist aus Münsterdorf durch SA-Männer mit Peitschenhieben bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt – und anschließend von der regulären Polizei auch noch zwei Tage auf dem Itzehoer Revier festgehalten.


Itzehoer Tageszeitungen werden mit Parteiblatt fusioniert


Zunächst weniger brutal, aber nicht weniger entschlossen, wurden konservative Kreise vom NS-Regime vereinnahmt. Hier spielte Propaganda eine wichtige Rolle, und die Kontrolle und „Gleichschaltung“ der Presse war ein zentrales Ziel der Nazis. In Itzehoe gab es mit der Schleswig-Holsteinischen Tageszeitung bereits seit 1929 ein Presseorgan der NSDAP. Es hatte sich am freien Markt gegenüber seinen nationalkonservativen beziehungsweise nationalliberalen Mitbewerbern Itzehoer Nachrichten und Nordischer Kurier nicht durchsetzen können. Nun konnte der mächtige Gauleiter für Schleswig-Holstein und spätere Kriegsverbrecher Hinrich Lohse, der als gebürtiger Steinburger aus Mühlenbarbek mit den Gegebenheiten vor Ort gut vertraut war, seinem Blatt aber zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen. Es wurde schlicht mit den auflagenstärkeren Konkurrenten fusioniert: 1935 mit den Itzehoer Nachrichten, 1938 war der Kurier an der Reihe. So wurde sichergestellt, dass nur noch die Parteimeinung öffentlich verbreitet wurde.

Kleinere Blätter im Kreisgebiet wie die Glückstädter Fortuna, die Wilstersche Zeitung und der Störbote in Kellinghusen blieben von der Gleichschaltung verschont. Sie war dort aber auch weniger notwendig, weil die kleinen Redaktionen ohnehin außerhalb des Lokalen auf Zulieferungen angewiesen waren und unabhängige Presseagenturen natürlich ebenfalls gleichgeschaltet wurden. Es versteht sich fast von selbst, dass bei den Fusionen nur jene Mitarbeiter übernommen wurden, die sich als „linientreu“ erwiesen hatten. Wie der Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein (AKENS) feststellt, waren Repressionen gegenüber bürgerlich-konservativen Journalisten aber kaum nötig. Sie passten sich in der Regel von sich aus an. Was ihnen sonst drohte, hatte sie bei ihren kommunistischen und sozialdemokratischen Kollegen erlebt.

Der totalitäre Anspruch des NS-Regimes, die ganze Gesellschaft zu durchdringen, wurde im Kreis Steinburg wie im Rest des Landes in vielen Lebensbereichen durchgesetzt. In diesem Sinne begann am 30. Januar tatsächlich eine Machtergreifung. Im Pressebereich gelang sie vollständig, und deshalb war es nur folgerichtig, dass die Alliierten nach der Besetzung Deutschlands zunächst alle bestehenden Zeitungen verboten. Erst 1949 bekamen die Verleger der Vorkriegszeit teilweise wieder die Erlaubnis, Tageszeitungen herauszugeben. In Itzehoe entschied man sich beim Titel für einen Neustart: Weder die Itzehoer Nachrichten noch der Nordische Kurier wurden erneut herausgegeben. Mit der jungen Demokratie der Bundesrepublik startete die Norddeutsche Rundschau ihr publizistisches Dasein.

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erstellt am 24.Apr.2017 | 16:06 Uhr

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