Ausstellung im Itzehoer Landgericht : Die wahnwitzigen Urteile der Nazi-Richter

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01. Dezember 2010, 03:59 Uhr

Itzehoe | Eltern lieferten ihre Kinder ans Messer, Schulleiter ihre Schüler, Krankenhausärzte ihre Patienten - der Wahn der Nazis von einem gesunden Volkstum hatte mit dem "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" die Mitte der Gesellschaft erreicht. Und genau wie beim Massenmord an den Juden begleitete laute Propaganda mit Plakaten und Zeitungsannoncen die Zwangssterilisation.

Im Kreis Steinburg lieferte allein die Hirnhautentzündung eines Mädchens den Grund für eine Anzeige bei dem extra gebildeten Erbgesundheitsgericht, das in Itzehoe jährlich mehrmals tagte. Eine Projektgruppe der Klasse 10d der Itzehoer Kaiser-Karl-Schule recherchierte unter Leitung ihres Lehrers Ingo Lafrentz das grausame Geschehen. Allein in Steinburg, so das bedrückende Ergebnis, wurden in 612 Fällen Menschen gegen ihren Willen sterilisiert.

Dokumentiert ist dies in der Wanderausstellung "Justiz im Nationalsozialismus", die jetzt im Itzehoer Landgericht zu sehen ist. Beteiligt sind auch Schüler des Sophie-Scholl-Gymnasiums.

"Die Recherchen zu den Einzelschicksalen haben uns sehr bewegt", sagte Schülerin Naomi Bustorff während der Ausstellungseröffnung. Die Recherche sei schwierig gewesen, da im Itzehoer Archiv alle Akten und Zeitungen aus dieser Zeit vernichtet sind. "Einzige Anhaltspunkte waren die Stolpersteine, durch die wir einige Schicksale zurückverfolgen konnten. Akten dazu fanden wir im Landesarchiv Schleswig."

Die Beteiligung der Schüler ist eine Bereicherung dieser Ausstellung, hob Landgerichts-Präsident Dr. Bernhard Flor hervor. Er erinnerte daran, dass in der Nazi-Zeit auch die Gerichte Orte waren, an denen Verbrechen verübt wurden. Es seien "wahnwitzige Urteile" gesprochen worden.

Diese dunkle Vergangenheit aufzuarbeiten, ist das Ziel der Ausstellungs-Reihe. Sie wurde von der Stiftung gegen Extremismus und Gewalt in Heide und Umgebung organisiert und bereits in den Gerichten in Meldorf, Kiel, Lübeck, Flensburg sowie Schleswig gezeigt und findet jetzt ihren Abschluss in Itzehoe. Stiftungs-Vorsitzender Klaus Steinschulte berichtete von der großen Unterstützung der Gerichte und der beachtlichen Beteiligung der Schulen. 400 Schüler brachten sich aktiv ein. "Wir wollten jungen Menschen klar machen, dass Wegschauen der falsche Weg ist."

Dies konnte Innenminister Klaus Schlie nur unterstreichen: "Es geht darum, dass sich extreme Tendenzen - in welcher Form auch immer - nicht wiederholen." Die Ausstellung "Justiz im Nationalsozialismus" ist bis zum 23. Dezember im Itzehoer Landgericht zu sehen

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