zur Navigation springen

Das Albtraumhaus : Die unendliche Abriss-Geschichte

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Eigentlich wollte Marion Schmidt nur umbauen – jetzt soll sie abreißen. Ein langwieriger Bau-Rechtsstreit in Neuendorf-Sachsenbande ist heute Abend auch Thema bei „Markt“ auf N3.

von
erstellt am 10.Feb.2014 | 05:07 Uhr

Für Marion Schmidt (33) ist es ein Albtraum – der vor fast sechs Jahren als Traum begann. Damals wollte sie ein Wirtschaftsgebäude auf dem elterlichen Grundstück in Neuendorf-Sachsenbande zum Wohnhaus umbauen. Jetzt steht sie beinahe vor den Trümmern, das Kreisbauamt fordert den Abriss.

Im Jahr 2008 gaben ihre Eltern den landwirtschaftlichen Betrieb auf, fragten die Tochter, ob sie ein an der Grundstücksgrenze stehendes Gebäude nicht umbauen und als Wohnhaus nutzen möchte. Auch vor dem Hintergrund, dass sie die Eltern bei der Pflege ihrer behinderten Schwester künftig unterstützen könnte. „Wir richteten eine Bauvoranfrage an das Kreisbauamt nach einem Neubau oder Umbau.“ Ersteres wurde abgelehnt, der Umbau wurde genehmigt. „Meine Eltern mussten damals vor Baubeginn noch eine Wohneinheit auf mein Grundstück abgeben.“

Da die Steuerfachangestellte täglich zur Arbeit musste, suchte sie sich über nachbarschaftliche Kontakte eine Architektin, die die Bauaufsicht übernehmen sollte. Das geschah, die Architektin schrieb entsprechende Firmen an und die Bauarbeiten begannen im Dezember 2008. Im Laufe dieser Arbeiten habe die Architektin ihr mitgeteilt, dass die Traufenwände doch abgerissen werden könnten. „Sie hat gesagt, dass sie das mit dem Bauamt besprochen habe“, betont Marion Schmidt. Da die mit den Giebelwänden verbunden waren, kippten auch diese um, mussten erneuert werden. Im weiteren Verlauf der Arbeiten wurde auch ein Schornstein hochgezogen, der vom Schornsteinfeger abgenommen wurde. „Dazu brauchte er Unterlagen, die er bei der Architektin anforderte. Sie stellte ihm die kompletten Bauunterlagen zu.“ Der Schornsteinfeger füllte Anlage 7 aus, schickte diese mit allen Unterlagen ans Bauamt. Dort sei bei der Bearbeitung aufgefallen, dass Zeichnungen nicht mehr mit den ursprünglich eingereichten übereinstimmten. „Das Kreisbauamt kam zur Kontrolle und stellte fest, dass alle vier Wände neu seien und es sich darum um einen Neubau, nicht mehr um einen Umbau handelte.“ Im Gesprächsverlauf habe sich herausgestellt, dass „die Architektin nie mit dem Bauamt gesprochen hat“.

Die Folge: Baustopp im März 2009. Und damit begann für Marion Schmidt ein wahres Martyrium, nicht nur aufgrund der vor allem in den ersten Jahren häufigen Fragen Bekannter nach dem Stand des Wohnbaus. Die Architektin habe sich ganz zurückgezogen, von ihr habe sie bis vor einem Jahr auch nichts mehr gehört. „Dabei ist sie die wirklich Schuldige“, so Marion Schmidt. Die Architektin habe den Bau nicht so umgesetzt wie ursprünglich beantragt. Schmidt nahm sich zunächst einen Anwalt in Itzehoe, „doch wir blieben auf der Stelle stehen, ich sollte immer Geduld haben“. Sie wechselte, wird nun von Kay Poulsen, Fachanwalt für Baurecht in Hamburg, vertreten. Für ihn ist es ein Fall, „der unter die Haut geht“. Parallel wird Marion Schmidt von der Fachanwaltskanzlei Kannieß-Ruge-Sannig in Meldorf vertreten, die den verwaltungsrechtlichen Part übernommen hat – gegen die Abrissverfügung.

Vier Klagen hatte Marion Schmidt zwischenzeitlich laufen, alles begann mit dem Widerspruch gegen die Abrissverfügung. Und dann flatterte im Januar 2012 auch noch eine Schlussrechnung der Architektin mit der Restforderung ins Haus. „Die will ich natürlich nicht bezahlen.“ Die Architektin hat daraufhin Klage eingereicht. Während sich Marion Schmidt an zwei Fronten zur Wehr setzt, wurde die Abrissverfügung vom Verwaltungsgericht Schleswig im Oktober 2013 bestätigt. Marion Schmidt hat Berufung beim Oberverwaltungsgericht eingereicht. Im November 2012 gab es den ersten Gerichtstermin gegen die Architektin. Dabei handelt es sich noch immer um ein schwebendes Verfahren, eine Frage sei bislang offen geblieben – die nach der Haftpflicht der Architekten. „Die hat sie uns bislang nicht angegeben.“

„Das alles trifft die Bauherrin hart“, so Kay Poulsen. Ganz besonders eben die Abrissforderung des Kreisbauamts. Die Grundrisse des Gebäudes und auch die Optik seien nicht verändert worden, es sei nur nicht mehr die Originalwand. Für einen Abriss bestehe gar kein öffentliches Interesse. Bekräftigt haben das auch die Nachbarn mit einer Unterschriftensammlung. „Bürgermeister Axel Krohn und jetzt auch Bürgermeister Jens Tiedemann haben mich auch sehr unterstützt“, betont Marion Schmidt. Inzwischen hat sie eine Petition an den Landtag gerichtet, die dort derzeit bearbeitet wird.

Kay Poulsen macht deutlich, was im öffentlichen Interesse sein sollte: „Dass es nicht sein kann, dass eine junge Familie pleite geht und zum Sozialfall wird.“ Marion Schmidt lebt mit ihrem einjährigen Sohn und ihrem Lebensgefährten heute in dessen Elternhaus. Sie hat keine Rechtsschutzversicherung. „Ich zahle noch aus eigener Tasche.“ Doch sie gibt nicht auf: „Ich lasse mich nicht unterkriegen.“ Sie fragt sich allerdings auch, warum das Bauamt so hart mit ihr umgeht, warum sie, obwohl sie eine Fachkraft am Werk hatte, das Opfer ist. „Wo ist das Menschliche geblieben?“ Denn, so ihr Anwalt, ein Weg, ihr zu helfen, hätte das Kreisbauamt schon: Trotz der Urteile bestehe die Möglichkeit für Einzelfallentscheidungen – und damit den Bau zu dulden. Eine Stellungnahme des Kreisbauamts auf Anfrage unserer Zeitung liegt bisher nicht vor.

>Mit dem Abriss von Amts wegen befasst sich heute auch die NDR-3-Sendung Markt, 20.15 Uhr.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen