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Deutsch-Türke aus Itzehoe : „Die Türkei wird kein EU-Mitglied“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der Itzehoer Deutsch-Türke Bülent Özsimsek erklärt , warum Präsident Erdogan keinen Spaß versteht und was er vom Flüchtlings-Deal hält.

von
erstellt am 06.Apr.2016 | 05:00 Uhr

Herr Özsimsek, wie würden Sie aktuell das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei beschreiben?

Ich denke, das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei ist normal. Der Präsident, Recep Tayyip Erdogan, steht zur Zeit im Zwielicht, die Türkei an sich aber nicht.

Vergangene Woche stand Erdogan ja wegen eines Satire-Videos in den deutschen Medien in der Kritik. Versteht der türkische Präsident etwa keinen Spaß?

In Deutschland ist es normal, dass die Medien Politiker verspotten. Aber in der Türkei kennt man so etwas nicht. Dort spielt der Respekt gegenüber Persönlichkeiten eine bedeutende Rolle.

Und der ist wichtiger als die Pressefreiheit?

In Deutschland wird häufig berichtet, dass die Medien in der Türkei staatlich kontrolliert seien. Aber das viel größere Problem ist, dass die Medienhäuser im Besitz von einflussreichen Unternehmern sind, die die Medien für ihre eigene Propaganda nutzen. Und natürlich hat Erdogan unter diesen Unternehmern auch politische Gegner.

Deshalb müssen sie also auf Regierungslinie gebracht werden?

Was dort vorgeht, können wir hier in Deutschland sehr schwer verstehen. Erdogan möchte, dass wahrheitsgemäß berichtet wird. Das ist leider nicht immer der Fall. Einige Medien betreiben beispielsweise starke Propaganda für die Terrororganisation PKK. Kein Land kann es dulden, wenn Medien Sprachrohr des Terrors sind. Wie hätte Deutschland wohl reagiert, wenn das deutsche Fernsehen Propaganda für die RAF gemacht hätte?

Wie erleben Sie denn generell die Stimmung in der Türkei?

Die politische Lage in der Türkei ist im Moment sehr stabil. Die Partei AKP mit Erdogan an der Spitze regiert seit zehn Jahren. Es hat lange nicht mehr eine Regierung gegeben, die so lange gehalten hat. Das zeigt, dass das Land politisch gesehen auf einem guten Weg ist. Was die Menschen am meisten umtreibt, ist die Bedrohung im Südosten der Türkei durch die PKK.

Dass die Kurden für ihren eigenen Staat kämpfen, ist eine Bedrohung?

Man kann nicht alle Kurden mit der PKK gleichsetzen. Wir haben viele kurdische Freunde, auch in Itzehoe gibt es viele Kurden. Die PKK dagegen ist eine kurdische Terrororganisation, mit der die Mehrheit der Kurden nichts zu tun hat. Und die muss bekämpft werden.

Offensichtlich richtet sich der Syrien-Einsatz der Türkei aber auch gegen die Errichtung eines Kurden-Staats?

Die Kurden träumen seit langem von einem eigenen Land. Dieser Traum könnte tatsächlich wahr werden, wenn kurdische Organisationen, die Kontrolle im Norden Syriens gewinnen. Für die Stabilität der Region ist allerdings wichtig, dass die Grenzen so bleiben, wie sie im Moment sind.

Der Syrien-Einsatz der Türkei ist also angemessen?

Im Syrien-Krieg hat die Welt eigentlich verschlafen, rechtzeitig zu reagieren. Die Massenabschlachtungen dort müssen dringend beendet werden. Die Türkei ist ein Staat von vielen, die ihre Bereitschaft erklärt haben, etwas zu tun. Wichtig wäre eigentlich, dass die Weltgemeinschaft sich einig wird und geschlossen handelt.

Nun hat die EU ja mit der Türkei einen Deal geschlossen. Gegen Milliarden-Zahlungen werden der Türkei syrische Flüchtlinge abgenommen. Wie beurteilen Sie das?

Diese Zahlung sollte man nicht als Geld für die Türkei sehen, sondern für die Flüchtlinge. Das sind Menschen, die um ihr Leben fürchten müssen und denen wir helfen müssen. Dazu leistet die Türkei einen wichtigen Beitrag.

Also ein guter Deal oder ein schlechter Deal?

Wenn es wirklich darum geht, Menschen zu retten, dann ist es ein guter Deal. Wenn allerdings nur politische Interessen daraus gezogen werden, dann ist es ein schlechter Deal. Ob das versucht wird, kann ich schwer beurteilen.

Ein politisches Interesse bei diesem Deal könnte sein, dass die türkischen Bürger demnächst visafrei in die EU einreisen dürfen. Glauben Sie, dass viele davon Gebrauch machen werden?

Nein. Seit vielen Jahren wird die Angst geschürt, dass alle Türken hier rüber kommen, wenn das Land der EU beitritt. Wenn das vor 15 Jahren gewesen wäre, hätte ich gesagt, das stimmt. Aber heute wird die große Masse der Türken im Land bleiben, weil die wirtschaftliche Lage gut ist.

Ihre Prognose: Wann wird die Türkei EU-Mitglied sein?

Ich denke, die Türkei wird überhaupt kein EU-Mitglied. Dafür hat man die Türkei zu lange hingehalten. Bei der jetzigen Regierung bin ich mir nicht sicher, ob sie überhaupt eine EU-Mitgliedschaft für das Land will. Und ich habe auch die Befürchtung, dass die EU-Länder das gar nicht wollen. In den nächsten fünf oder zehn Jahren sehe ich eine EU-Mitgliedschaft der Türkei daher nicht.

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