Neue Plage : Die Ratten erobern den Kreis Steinburg

Wenn es draußen kein Futter mehr gibt, kommen die Ratten auch in Häuser, um Essbares zu suchen.
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Wenn es draußen kein Futter mehr gibt, kommen die Ratten auch in Häuser, um Essbares zu suchen.

Gemeindevertreter schlagen Alarm. Privatpersonen dürfen kein Gift mehr auslegen. Und ein Schädlingsbekämpfer sagt: „Es ist extrem.“

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03. Dezember 2014, 17:00 Uhr

Die Ratten sind zurück. „Es ist eine einzige Katastrophe“, sagt Lüder Glashoff. Der Schädlingsbekämpfer aus Herzhorn musste noch nie so viele Nager bekämpfen wie zurzeit. „Die Ratten laufen uns schon über den Weg.“ Zahlreiche Gemeinden im Kreis Steinburg klagen bereits über eine drastische Zunahme. Gründe für die Vermehrung der Nager: Der gute Sommer und eine EU-Verordnung, die die Bekämpfung für Privatleute deutlich erschwert hat.

Und die Plage ist nicht nur auf Steinburg begrenzt. Der Süderauer Schädlingsbekämpfer Dirk Leprich hat mittlerweile bereits Anfragen aus ganz Deutschland. „Wir haben eine regelrechte Rattenepidemie und zwar deutschlandweit. Es ist extrem.“

In Krempdorf schlagen Gemeindevertreter Alarm. Bernd Schwartkop fordert, dass der Gemeindetag sich mit dem Thema beschäftigen muss. Denn Privatleute dürfen seit dem vergangenen Jahr kein Rattengift mehr auslegen. So sieht es eine EU-Verordnung vor, die am 1. Januar 2013 in Kraft getreten ist. Somit haben die Behörden es schwer, flächendeckende Rattenbekämpfungsmaßnahmen anzuordnen. Um die Nager zu töten, müssen Privatpersonen einen Fachmann beauftragen.

Krempdorfer Gemeindevertretern ist aufgefallen, dass die Ratten schon ungehemmt überall herumlaufen. „Wir hatten einen trockenen Sommer“, erklärt Bernd Schwartkop, warum es so viele Ratten gibt. „Es gab kaum Wasser, die Vegetation war üppig. Es gab genügend Deckung in den Feldern und Verhältnisse, bei denen junge Ratten sich nicht so leicht mit Krankheiten infizieren.“ Ideale Verhältnisse, um sich zu vermehren.

„Fatal“ findet der Gemeindevertreter die neue EU-Verordnung, weil nicht mehr flächendeckend Gift ausgelegt wird. Er fordert Ausnahmeregelungen, damit die Kommunen tätig werden können. Jetzt, wo es kalt wird, fürchtet nicht nur Bernd Schwartkop: „Die Ratten kommen bis an die Häuser.“ Sie knabbern die Isolation an, übertragen eventuell Krankheiten. Bei Privathäusern locken vor allem die Komposthaufen die anpassungsfähigen Nager an. Bei Gemüsebauern würden sie den Kohl anfressen. Auch das Futter für Nutztiere wie Mais und Schrot lassen sich die kleinen Tierchen gern schmecken.

Maren Nagel, Bürgermeisterin der Engelbrechtschen Wildnis, fürchtet, dass die Plage immer größer wird. „Die Ratten bekommen bis zu acht Mal im Jahr zirka zehn bis zwölf Junge pro Wurf und sind bereits nach drei bis vier Monaten geschlechtsreif. Bei guten Voraussetzungen multiplizieren sie sich fast unendlich.“ Maren Nagels Amtskollege Niels Schilling aus der Blomeschen Wildnis ist als Landwirt selbst betroffen. „Es gibt viele Ratten, ich bekämpfe sie ständig.“ Er als Gemüsebauer darf, wie andere Landwirte auch, Gift auslegen.

Auch sein Borsflether Amtskollege Peter Mohr ist Landwirt und hält seinen Hof direkt an der Krempau mit Gift frei. „Gerade nachts laufen viele Tiere herum.“ Nur als Bürgermeister hat er kein Problem. „Als Gemeinde haben wir nur eine Liegenschaft, für die wir zuständig sind.“ Für andere Gebiete seien jeweils die Grundstückseigentümer verantwortlich. Für Mohr ist klar: Für Privatpersonen kostet die Bekämpfung von Ratten heute mehr Geld.

„Wir können keine Aktion mehr anordnen“, sagt Willi Kühl, Leitender Verwaltungsbeamter des Amtes Horst-Herzhorn, zur EU-Verordnung. „Denn die Bürger können kein Gift mehr kaufen.“ Sein Amt hat früher regelmäßig die Grundstückseigentümer im Rahmen einer Rattenbekämpfungswoche aufgefordert, Gift auszulegen. Er will jetzt Kontakt zum Veterinäramt aufnehmen, um das Problem zu erörtern.

Die Stadtentwässerung Glückstadt (SEG) legt in einigen Bereichen der Elbestadt ständig Rattenköder in den Kanalschächten aus. „Dazu gehören unter anderem Groß Neuwerk und die Nordmarksiedlung“, sagt Andrea Stegmann von der SEG. „Leider gibt es immer noch Menschen, die Essensreste in die Toilette werfen und das lockt Ratten an.“ Ein Problem sei auch, dass Enten im Stadtpark gefüttert werden, obwohl dies verboten sei. „Auch damit werden die Nager angelockt.“

Bei der Glückstädter Stadtverwaltung ist von einer Plage bisher nichts bekannt: „Nichts Auffälliges“, sagt Bauamtsleiter Dr. Lüder Busch.

Beim Kreisveterinäramt in Itzehoe weiß Dr. Angela Holzfeind um die Probleme bei der Rattenbekämpfung. Die Amtstierärztin erklärt, warum Ratten nur noch gewerblich bekämpft werden dürfen: Nach der EU-Verordnung dürfen Wirbeltiere nicht leiden, wenn sie getötet werden. Für die Rattenbekämpfung ist daher ein Sachkundenachweis vorgeschrieben. Die Expertin berichtet, dass auch Itzehoe unter zu vielen Ratten leidet. Das bestätigt Yvonne Thiem von der Itzehoer Stadtverwaltung. „Alle Gemeinden haben das Problem“, erklärt sie. „Bis 2013 hatten wir das nicht“, sagt Thiem zur Verordnung.

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