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Norddeutsche Rundschau

26. September 2017 | 22:13 Uhr

Denkmalschutz : Die Not mit der kalten Pracht

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Warum ein Landwirt in Süderauerdorf nicht neu bauen darf. Die Steinburger FDP kündigt eine Initiative im Kreistag an.

shz.de von
erstellt am 02.Apr.2014 | 13:27 Uhr

Der frühlingshafte Winter ist für die Familie Lange ein kleiner Segen. Statt wie sonst üblich rund 12 000 Euro werden sie in diesem Jahr wohl „nur“ 10 000 Euro für Heizöl auf den Tisch legen müssen. Was in jedem Einfamilienhaus zu Krisensitzungen führen würde, ist für Elsbeth und Jörg Lange der Normalfall. Der Landwirt wohnt mit seiner Frau und den beiden Kindern in einem stattlichen Gebäude in Süderauerdorf. Ein Vorfahre war Zahnarzt in Itzehoe und hatte das Anwesen mit seinen fast 400 Quadratmetern Nutzfläche Ende des 19.Jahrhunderts in die Marsch gestellt. Damals muss es ein Prachtbau gewesen sein. Bemalte und mit Stuck verzierte Decken, ein imposanter Eingangsbereich. Heute ist es ein Sanierungsfall: tiefe Risse in den Außenwänden, Null Wärmedämmung, die schmiedeeisernen Verzierungen vor der Haustür vom Rost zerfressen, das Dach marode. In kalten Wintern sitzt die Familie trotz immenser Heizkosten in dicken Jacken im Wohnzimmer. Auf eine halbe Million Euro schätzt Jörg Lange die Kosten für eine Instandsetzung. Die Familie beschloss den Abriss und den Neubau eines Einfamilienhauses. Aber statt der Genehmigung kam der Denkmalschutz.

„Wir haben den Hof in wirtschaftlich schwieriger Zeit übernommen“, erinnert sich der Landwirt. Das war 1991. Die letzte nennenswerte Investition in das Haupthaus gab es um 1960 herum. Die jetzt notwendige Sanierung ist „für uns einfach nicht bezahlbar“. Lange fügt hinzu: „Im Vergleich zu Herrn Fielmann wäre das für uns ja auch kein Prestigegewinn. Unsere Milch können wir deshalb nicht teurer verkaufen.“ Jörg Lange sieht zwar auch, dass er in einem erhaltenswürdigen Kulturdenkmal lebt. „Wenn die Gesellschaft das will, muss sie sich aber auch bewegen.“

Wie unterschiedlich die Denkmal-Landschaft in der Region ist, wird an einem Beispiel aus Hohenfelde deutlich. Der Steinburger Thomas Tiedemann-Hein bekam dort anstandslos die Genehmigung für einen Neubau. Einzige Auflage: Das alte Gebäude müsse dann innerhalb von drei Monaten abgerissen werden. Inzwischen stellte sich heraus, dass der Altbau eines der ganz wenigen noch erhaltenen Häuser aus der Zeit vor dem 30-jährigen Krieg ist. Der Hohenfelder Denkmal-Experte Holger Reimers rät dringend, das Abbruchgebot aus dem Kreishaus jetzt einfach auszusitzen. Nach seiner Einschätzung müsse das 1601 errichtete Gebäude unbedingt erhalten bleiben. Auch von dem Haus der Familie Lange schwärmt er in den höchsten Tönen. Auch hier, so seine Empfehlung, müssten alle Möglichkeiten für einen Erhalt genutzt werden. Reimers verweist auf zahlreiche Fördertöpfe. „Man muss alle Möglichkeiten ausschöpfen.“ Schließlich gehe es hier auch um eine Jahrhunderte alte bäuerliche Kultur und das Selbstbewusstsein einer ganzen Region. „Es wäre doch schlimm, wenn in den ganzen Elbmarschen nur noch Blechhütten wie in Gewerbegebieten stünden.“

Die Sorgen der Familie Lange, das Dilemma von Thomas Tiedemann-Hein und die Einschätzungen des Experten Reimers hat die Steinburger FDP jetzt in einen Forderungskatalog gepackt. Kreisvorsitzender Willi Göttsche ist überzeugt: „Ein Denkmal ist nicht nur ein Bürde, sondern auch etwas Besonderes.“ Beim Erhalt müsse den Menschen aber auch geholfen werden. Auch normale Landwirtschaft müsse im Umfeld noch möglich sein. Auch nach Einschätzung seines Kreistagskollegen Stefan Goronczy muss die Gesellschaft mehr Verantwortung durch die Unterstützung zur Selbsthilfe für die Eigentümer übernehmen. Schließlich gebe es auch viele Härtefälle, weil nicht jeder in den Genuss großer Steuervergünstigungen kommen könne. Letztlich gehe es auch um die Akzeptanz des Denkmalschutzes in der Bevölkerung. Goronczy fordert: „Entweder die Sanierung fördern oder das Haus zum Abriss freigeben. Sonst bleibt es bei einer kalten Pracht.“ Die FDP kündigt eine entsprechende Initiative im Kreistag an.

Jörg Lange bleibt skeptisch: „Jede Reparatur kostet im Vergleich zu einem Neubau ein Vielfaches.“ Auch seine Frau Elsbeth würde wohl lieber heute als morgen einen kleinen Neubau beziehen: „Ich lebe in diesem Haus seit 45 Jahren. Irgendwann will ich zum Fensterputzen nicht mehr den Frontlader herausholen.“

 

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