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Theater : Die neue Freude am „Schietbüdel“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Mit ihrem Jugendclub am Ohnsorg-Theater macht die gebürtige Kellinghusenerin Cornelia Ehlers Schülern wieder Lust auf Plattdeutsch.

Kurz vor der Abendvorstellung ist viel los im Hamburger Ohnsorg-Theater. Überwiegend ältere Besucher warten im Foyer darauf, dass die Vorstellung beginnt. Gezeigt werden Stücke wie „Tratsch op de Trepp“ oder „Hogen Besöök“ – Unterhaltung auf Plattdeutsch. Mittendrin stehen auch drei Teenager: Dana Pohlan (15), ihre Schwester Lina (17) und Sofie Scholze (17). Sie sind Feuer und Flamme für die plattdeutsche Sprache. Denn Niederdeutsch ist wieder angesagt bei der Hamburger Jugend.

Eine gebürtige Kellinghusenerin hat das Platt in der Hamburger Jugendkultur wieder in aller Munde gebracht: Cornelia Ehlers. Die 32-Jährige ist Dramaturgin am Ohnsorg-Theater und hat vor drei Jahren eine Nachwuchsgruppe auf die Beine gestellt, in der auch Dana, Lina und Sofie mitmachen. Jugendlichen die Sprache über das Theaterspielen näher zu bringen, erwies sich als geniale Idee. „Im Moment kommen bis zu 15 Teilnehmer in den Jugendclub – und ich habe noch einige auf der Warteliste“, erzählt die junge Frau noch immer selbst erstaunt über den Erfolg.

Einmal in der Woche treffen sich Teenager im Alter von 14 bis 18 Jahren im Studio des Ohnsorg-Theaters, um auf der Bühne ihre Schauspielfreude und plattdeutsche Sprachbegeisterung auszuleben. Die Teenager erarbeiten sich ein Theaterstück und lernen quasi nebenbei Platt von einer echten Muttersprachlerin. Cornelia Ehlers wuchs in Kellinghusen auf. Ihr Vater sprach Hochdeutsch, ihre Mutter, die bekannte Plattdeutsch-Expertin aus Schleswig-Holstein Marianne Ehlers, sprach Niederdeutsch mit der Tochter. Beide Sprachen zu beherrschen, sei auch schon in den 80er Jahren als Kind in Kellinghusen ungewöhnlich gewesen. „Keiner meiner Freunde sprach Platt. Wir Geschwister hatten damals einen Exotenstatus.“ Einmal habe sie bei einem Aufsatz die beiden Sprachen durcheinander gebracht und statt Wäscheklammern das plattdeutsche „Kniebeln“ geschrieben. „Das hat die Lehrerin mit einem witzigen Kommentar angemerkt.“

Nachteile hatte sie aber durch die Zweisprachigkeit nicht. Im Gegenteil: „Englisch habe ich ganz schnell gelernt“, erinnert sich Cornelia Ehlers. Nach dem Abitur studierte sie Musik und Germanistik, „ich wollte eigentlich Musiklehrerin werden.“ Ins Theatergeschäft sei sie so reingerutscht, als am Staatstheater Oldenburg eine Dramaturgin für niederdeutsches Schauspiel gesucht wurde. Vor drei Jahren kam sie dann an das Hamburger Ohnsorg-Theater und übernahm die Leitung der Studiobühne, in der überwiegend Stücke für Kinder und Jugendliche gespielt werden. Und sie gründete den Jugendclub, um auch dem Nachwuchs ihre Muttersprache näher zu bringen.

„Plattdeutsch ist für mich Heimat“, sagt Cornelia Ehlers. „Es ist ein wichtiger Teil der norddeutschen Kultur und kann regionale Identität stiften, auch für nicht aktive Sprecher“, schreibt sie auf der Internetseite des Ohnsorg-Theaters. Das tut es tatsächlich, es braucht nur einen Anstoß, damit Jugendliche wie Lina die Sprache der Großelterngeneration plötzlich doch „cool“ finden: „Die Sprache habe ich erst durch die Theaterkultur zu schätzen gelernt.“ Eigentlich wollte sie nur das Bühnenbild gestalten, war dann aber so begeistert, dass sie sich auch im plattdeutschen Schauspiel versuchte und blieb. Schwester Dana hat sich dafür in der Grundschule gar nicht interessiert, aber beim Jugendclub wollte sie schon als 13-Jährige mitmachen. Andere kamen über Freunde zu der Gruppe. „Es gibt viel Mund-zu-Mund-Propaganda“, sagt Cornelia Ehlers erfreut.

Das Platt steckt im Imagewechsel. Früher oft als „Bauernschnack“ verrufen, habe Plattdeutsch in Hamburg mittlerweile Kultfaktor, „ist eine Marke“, so Cornelia Ehlers. Und habe großen Unterhaltungswert, alles klingt ein bisschen süß und knuddelig finden die Mädchen: „Platt ist sehr direkt, witzig.“ „Herzlich, authentisch und ehrlich.“ „Hochdeutsch umschreibt alles umständlich, Plattdeutsch ist einfach und klar. In der Sprache kann man seine Emotionen pur ausdrücken. Perfekt für die Bühne.“ Und sogar perfekt für Vokabellernmuffel wie Lina: Sprachen lernen gehöre nicht zu ihren Stärken. „Ich kann mir schlecht Vokabeln merken.“ Aber Plattdeutsch, bei dem man zum Feudel greift, der Lütte einen Bonschi lutscht und man mit dem Nachbarn schnackt, macht ihr keine Probleme. Dass die Kombination aus Theater und Plattdeutsch so fruchtet, läge vor allem an der Pädagogik von Cornelia Ehlers, meint Sofie. „Wir wurden nicht einfach ins kalte Wasser geworfen und mussten Zeilen auswendig lernen, sondern haben uns zusammen in einen Kreis gesetzt, Texte gelesen und übersetzt.“

Vorkenntnisse brauchen die jungen Darsteller dafür nicht. Durch das Prinzip der Zweisprachigkeit können die jungen Zuschauer das Plattdeutsche spielend leicht verstehen: Die Dialoge werden zum Teil in hochdeutscher, zum Teil in plattdeutscher Sprache gesprochen. Besonders wichtig ist allen, dass alle Jugendlichen zusammen mit der Dramaturgin das Skript entwickeln. Lina: „Es gibt eine grobe Grundstory zur Orientierung. Der Rest ergibt sich.“ Nach „Farm der Tiere“, „Alice im Wunderland“ und „De Fischer un sien Fro“ steht nun ein ernstes Thema an. „Es geht um obdachlose Jugendliche“, verrät Cornelia Ehlers den Inhalt des aktuellen Stücks, das im Sommer 2016 aufgeführt wird.

In den Proben wachsen die Jugendlichen nicht nur in ihre Rollen hinein, sie werden auch zu kleinen Plattsnackern. Sofie: „Ich singe meinen Freunden plattdeutsche Lieder vor. Das finden die total toll.“ „Ich ziehe meine Freunde damit auf“, lacht Dana. Bei „Du Schietbüdel“ könne ihr aber keiner wirklich böse sein. „Meine Oma hat sich gefreut, als ich mit ihr Platt gesprochen habe“, erzählt Lina. „Gerade ältere Menschen sind begeistert, wenn mehr Platt gesprochen wird“, weiß Cornelia Ehlers. Die Generationen würden dadurch mehr zusammenrücken. „Die Sprachenvielfalt macht uns reicher“, ist sie überzeugt. Und die 32-Jährige ist guter Dinge, wenn es um die Zukunft des Plattdeutschen geht. In Norddeutschland gehöre Plattdeutsch an den Grund- und weiterführenden Schulen zum Lehrplan. „Und solange die Sprache mit Lust und Freude weitergegeben wird, habe ich keine Sorge, dass Plattdeutsch ausstirbt.“ Der beste Beweis dafür steht jede Woche bei ihr im Studio: 15 Jugendliche, deren Herz für plattdeutsches Theater schlägt.

Info: www.ohnsorg.de/kinder-jugend/jugendclub










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