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Norddeutsche Rundschau

15. Dezember 2017 | 21:16 Uhr

Wacken Open Air : Die mysteriöse Faszination

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Jedes Jahr verwandelt sich das beschauliche Wacken ins Mekka für Heavy Metal-Fans aus aller Welt - warum eigentlich?

von
erstellt am 29.Apr.2017 | 05:00 Uhr

Es ist in jedem Jahr dasselbe. Je näher der August rückt, desto häufiger höre ich diese eine Frage. Und? Bist du auch in Wacken? Du wohnst doch da in der Nähe? Ja, stimmt! Ich wohne in der Nähe. Warum das einen Automatismus eines Besuchs auf dem so genannten Holy Ground (so heißt der Bereich unmittelbar vor der Hauptbühne) nach sich ziehen soll, hat sich mir bisher noch nicht erschlossen. Mal abgesehen davon, dass für mich als Fußballfan bisher höchstens der Rasen im Londoner Wembley-Stadion einen heiligen Untergrund darstellte.

Die Faszination des Wacken-Open-Air, des größten Heavy-Metal-Festival der Welt, ist für mich eher mysteriös. Was ist so Besonderes an einer Musik, die für mich nach planlosem Gitarren-Geschrammel und der Vergewaltigung des Schlagzeugs klingt? Warum haben Menschen Spaß daran, sich im Schlamm zu suhlen? Warum macht es ihnen nichts aus, wenn sie ihr Auto aus selbigem ziehen oder schieben müssen? Was bringt sie dazu, eine Woche lang in einem Zelt, Wohnwagen oder ähnlichen Behausungen bei Wind und Wetter zu campieren? Und wieso verbringen sogar frisch Verheiratete ihre Flitterwochen in Wacken?

Ich habe mich auf die Suche nach dem Grund dieser für mich mysteriösen Faszination begeben. Wer könnte mir dabei besser helfen als jemand, der seit dem ersten Festival zu den Stammgästen des 1800-Seelen-Örtchens gehört? Heiko Lützen war 19 Jahre alt, als er auf dieser inzwischen berühmt-berüchtigten Kuhwiese stand und sich eine Handvoll Heavy-Metal-Bands anschaute – gemeinsam mit ein paar hundert Gleichgesinnten. „Wir sind damals dorthin, weil Freunde in einer der Bands mitspielten“, sagt Lützen. Ihm sei es zu Beginn nur um die Musik gegangen. Am Eingang gab es einen Stempel auf die Hand. „So wie man es von Dorffesten her kennt“, erinnert sich Lützen. Aber viel mehr war es damals, im Premierenjahr 1990, auch nicht. „Klar hatte man immer die Hoffnung, dass sich diese Geschichte etabliert und es vielleicht auch noch größer wird“, so Lützen. „Aber dass es die Dimension von heute annimmt, konnte damals niemand ahnen.“

Lützen merkt man seine Begeisterung an, wenn er über das Festival spricht. Wenn er erzählt von den Staus, die sich durchs Dorf bis zur Autobahn ziehen oder von den kleinen Jungs, die per Go-Kart die Festival-Besucher mit Bier versorgen und so ihr Taschengeld aufpolieren. Oder von den Freundschaften, die im Laufe der Jahre entstanden sind. Nach und nach wird mir klar, dieses Festival ist mehr als ein Musikkonzert, es gleicht mehr einem Happening, zu dem man sich einmal im Jahr trifft. Lützen berichtet mir von Tagen, an denen er nicht mal bis zum Gelände gekommen ist, obwohl er nur 300 Meter davon entfernt wohnt. Und das nicht, weil er sich nicht durch die Menschenmassen kämpfen konnte – sondern weil er sich auf dem Weg festgequatscht hatte. „Man trifft so viele Leute, die man mit den Jahren dort kennengelernt hat.“

Die Größe des W:O:A ist kaum mehr zu toppen. Parallel dazu ist die Kommerzialisierung angestiegen. Nervt es einen Fan der ersten Stunde nicht, wenn plötzlich Artfremde, also Menschen, die mit dieser Musik überhaupt nichts anfangen können, den Charakter des Festivals zumindest verwässern, weil es mittlerweile schick ist, auf dem W:O:A zu sein? Heiko Lützens Meinung dazu ist eindeutig. Er hat damit überhaupt keine Probleme. „Ich bin sogar froh, wenn Leute sich diesem Thema nähern und gucken kommen. Es ist einfach interessant. Und der eine oder andere entwickelt vielleicht ja auch einen Geschmack für die Musik.“

Es gibt diesen für mich unsäglichen Satz: „Das musst du mal gesehen haben.“ Unsäglich deshalb, weil es in meiner Vorstellung Dinge gibt, die eben nicht jeder gesehen haben muss. Im Fußballstadion gibt es für mich nichts Schlimmeres als Menschen, die hinter mir stehen und sich über ihre Tageserlebnisse unterhalten, während meine Mannschaft auf dem Rasen um den Sieg kämpft – Eventfans, wie man neudeutsch gern sagt. Im Stadion wird über Sport gesprochen, und man fiebert gefälligst mit. In Wacken scheint man, zumindest wenn ich Heiko Lützen glauben darf, eine andere Meinung zu vertreten. Metal-Fans sind offenbar um ein Vielfaches toleranter. Da darf man auch mal als stiller Beobachter am Rand stehen und sich das Treiben anschauen. Vielleicht hört man auch deshalb nichts über Ausschreitungen im größeren Stil. Und über Pyrotechnik im Fanblock braucht man beim W:O:A ohnehin nicht zu diskutieren. Das liefern Veranstalter und Bands auf der Bühne quasi frei Haus dazu.

Bereits zu Beginn einer jeden Festivalwoche reisen die Fans an. In der Hauptzeit reiht sich Zelt an Zelt.
Bereits zu Beginn einer jeden Festivalwoche reisen die Fans an. In der Hauptzeit reiht sich Zelt an Zelt. Foto: Dewanger
 

Trotz der bisweilen martialischen Erscheinung der Fans, die auch mir eher suspekt vorkommt, handelt es sich bei der Mehrzahl um liebe, nette Menschen. Lützen erinnert sich an ein Paar von der Mosel. Es ist so eine Geschichte, die mir die Faszination des Mysteriums Wacken einen kleinen Schritt näherbringt. „Vor einigen Jahren haben sie bei uns geklingelt und gefragt, ob sie ihr Zelt bei uns im Vorgarten aufbauen könnten“, sagt Lützen. Im ersten Jahr habe er es ihnen noch erlaubt. „Danach haben wir ihnen unser Gästezimmer hergerichtet.“ Inzwischen sind sie Freunde und während der Festivaltage Stammgäste bei den Lützens. „Im Gegenzug verbringen wir unseren Urlaub gern bei ihnen an der Mosel.“

Eine Pauschalbeschreibung des Wacken-Gängers ist inzwischen nahezu unmöglich. Ärzte, Anwälte, selbst Politiker sind mit von der Partie. Menschen, die auf den ersten Blick nicht in Verdacht stehen, Head-Bangen und Stage-Diven als Lieblingshobby anzugeben. Während ich an einem Erklärungsversuch scheitere, sagt Lützen: „Ich glaube, sie bauen damit Stress ab. Wenn du ein ganzes Jahr in deiner Praxis sitzt und am Malochen bist, willst du dich einmal im Jahr befreien.“ Und das kann man in Wacken offensichtlich besonders gut, weil dort im positiven Sinn ziemlich viele Verrückte mit gespaltenen Persönlichkeiten anzutreffen sind. „Diese Atmosphäre muss man einmal gefühlt haben. Dann bekommt man richtiges Bild vom Festival“, findet Lützen.

Die Norddeutsche Rundschau berichtet seit Jahren ausführlich über das Metal-Treiben in Wacken – seit 2007 nicht nur in der Tagesausgabe, sondern auch in Form der Sonderveröffentlichung Festival Today. Jeweils vier Ausgaben werden während des Festivals produziert. Für die Mitarbeiter stellt die Produktion stets eine besondere Herausforderung dar, denn die Rahmenbedingungen auf dem Gelände sind alles andere als einfach – insbesondere bei widrigen Wetterbedingungen. Die speziellen Voraussetzungen aber machen auch für unsere Mitarbeiter eine besondere Faszination aus. Für das anstehende Festival hat die erste Redaktionskonferenz bereits stattgefunden, und alle freuen sich. Nicht nur, weil sie der Metal-Musik verfallen wären. Auch in diesem Kreis finden sich Menschen, die mit dieser Art der Musik nichts anfangen können. Dennoch zieht es sie Jahr für Jahr aufs Gelände. Es gibt kaum einen Ort, der auf so begrenztem Raum derart viele Geschichten abwirft, nicht allein rund um die Musik. Die Vielfalt der Besucher macht es möglich – es handelt sich um einen Querschnitt der Gesellschaft.

Und weil mich Menschen und ihre Geschichten interessieren, kann auch ich mir vorstellen, dieser mysteriösen Faszination Wacken demnächst zu erliegen. Möglicherweise sage ich anschließend ja auch: „Das musst du mal gesehen haben.“

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