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Norddeutsche Rundschau

22. Oktober 2017 | 07:23 Uhr

Buch : Die Kunst des Rechnens

vom
Aus der Redaktion der Glückstädter Fortuna

Wahre Kunstwerke werden zu einem Buch: Jürgen Kühl hat 220 Rechenhefte von Schülern aus der Zeit von 1610 bis 1885 eingesehen

von
erstellt am 03.Nov.2014 | 17:00 Uhr

Hans-Hinrich Engelbrecht hat nur schwierige Mathematikaufgaben gelöst – 1833 war der Herzhorner ein Kind. Klaus Groth (1819-1899) war als Schüler „ein Vollprofi“ in Sachen Mathematik. „Er hatte viel Routine und rechnete fehlerlos“, sagt Jürgen Kühl über den späteren Schriftsteller.

Jürgen Kühl hat jetzt im Detlefsen-Museum vor Publikum ein besonderes Buch vorgestellt. Der 84-Jährige hat sich in 20 Jahren mit 220 Rechenbüchern von Schülern beschäftigt – aus der Zeit von 1610 bis 1885. „Dann war Schluss.“ Warum es danach keine mehr gab, hat Kühl nicht herausgefunden. Doch diese kunstvoll gestalteten Exemplare, die er durchgesehen hat, bieten aus heutiger Sicht Erstaunliches. „Schweißgetränkt“ waren sie. Meistens waren die Autoren der oft wunderschön sauber und zierlich gestalteten Handschriften Schüler im Alter zwischen zwölf und 15 Jahren.

Es ging vor allem um Textaufgaben, wie: „Sechs Ellen Leinwand kosten 15 Mark Lübsch, wieviel kosten zehn Ellen.“ Was sich zunächst einfach anhört, hält doch so seine Tücken bereit. Denn damals war eine Mark umgerechnet 16 Schilling. Und die Aufgaben wurden so zunehmend schwieriger, wenn umgerechnet wurde. Zudem gab es neben der Elle auch Maße wie Fingerbreit. „Die Aufgaben wurden immer raffinierter. Die Schüler wurden zum Opfer des Dreisatzes.“ Pfund (heute 480 Gramm), Unze und Loth taten ihr übriges – es war ein unheimlicher Rechenaufwand.

Wieder andere Wege der Rechenschule gingen die Dithmarscher. Auch sie hatten eigene Maße. Außerdem hatten auch zum Beispiel Hamburg und Lübeck unterschiedliche Maße. Da aber auch damals schon über die Grenzen gehandelt wurde, mussten die Schüler fast alle lernen. Lübeck hatte im 15. Jahrhundert alleine 400 Münzsorten.

Zudem wurde damals anders geteilt und malgenommen. Arnold Möller machte sich den Spaß eine Rechenaufgabe zu konstruieren, die dann die sieben Kirchtürme von Lübeck ergaben (siehe Foto). Bruchrechnung dominiert in den Büchern, denn Dezimalbrüche — Zahlen nach dem Komma — gab es damals nicht.

Die Rechenhefte hatten einen Umfang von rund 300 Seiten, als Vorlage diente ein Buch. Ein bekannter Autor war Heino Lambecks – sein erstes erschien 1650 mit rund 4000 Aufgaben –, ein anderer war Adam Riese. „Die Hefte waren der Stolz der Familie“, sagte Kühl. Denn sie waren nicht nur toll eingebunden, sondern auch „ein Dokument für Fleiß und Können“.

Jürgen Kühl war vor seiner Pensionierung Leiter des Theodor-Mommsen-Gymnasiums in Bad Oldesloe und hatte Mathematik und Physik studiert. Bei seinen Recherchen stellte er fest: an Gelehrtenschulen wurde damals kaum Mathematik unterrichtet, dies war anderen Schulen vorbehalten. Doch das Rechnen hatte auch früher schon eine große Bedeutung hatte. „Der Umgang mit den Maßen war so verrückt, dass sie nicht so einfach nebenbei gerechnet werden konnten.“ Rechnen können hieß, dass Leben – den Unterhalt – zu garantieren.

Die Rechenbücher verbreiteten sich ab 1550 aus dem süddeutschen Raum kommend. Die Tinte für die Verzierungen wurde meist bei Gewürzkrämer gekauft. Besonders schöne Beispiele haben sich aus der Umgebung Glückstadts in der Kremper- und Seestermüher Marsch erhalten. Gestochen scharf ist die Schrift von Matthias Lüders aus Seesteraudeich. Er war der Sohn eines Schiffseigners und erst zehn Jahre alt, als er das Buch mit Aufgaben füllte. Ein schönes Exemplar ist auch das Rechen-Einschreibbuch eines Mädchen aus Mohrhufen – sie nannte sich Jungfer Christina Glashof.

In seinem Buch zitiert Jürgen Kühl den erwachsenen Klaus Groth. Dieser schreibt 1864: „Das Rechnen schärfet den Verstand. Und ist ein Glück fürs ganze Land.“ Denn er wusste aus seiner Zeit: „In den langen Winterabenden saßen die Bauern und heimgekehrten Seeleute, jung und alt, Knecht und Magd zusammen.“ Sie saßen um die Schiefertafel und zeichneten geometrische Figuren, machten algebraische Berechnungen, lösten Wettaufgaben, „Lustexempel“.

„Rechenbücher standen neben Bibel und Evangelien und Gesangbuch in fast jedem Hause auf dem Bücherbrett. „Die Namen der Verfasser solcher Rechenbücher wurden ganze Generationen hindurch mit Ehrfurcht genannt und lösten einander langsam ab, wie einst die Namen der deutschen Dichter.“

Die Einführung zu dem Vortrag von Jürgen Kühl hatte Professor Dr. Wolfgang Kemp übernommen. Der Glückstädter hatte einst über die Geschichte der Pädagogik habilitiert. Quellen wie Schulhefte zu finden, sei schwierig. „Schulhefte sind verurteilt, vernichtet zu werden.“ Deshalb sei die Forschung von Jürgen Kühl eine Ausnahme. Das dieser so viele Recheneinschreibbücher im Detlefsen-Musuem gefunden hat, sei dem Gründer des Museums, Detlef Detlefsen, zu verdanken. Kemp hatte das Buch bereits gelesen: „Ich kann es nur empfehlen.“


>Das Buch ist im Wachholtz-Verlag erschienen und hat 352 Seiten, Es kostet 32 Euro.

ISBN: 978-3-529-02222-7

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