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Lager in Itzehoe : Die Kriegsgefangenen vom Langen Peter

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Die Geschichte des Oflag XA für Offiziere der deutschen Gegner im Zweiten Weltkrieg.

shz.de von
erstellt am 20.Mai.2017 | 07:00 Uhr

Seit dem 5. Juli 1817 versorgt unsere Zeitung die Menschen in Itzehoe und Umgebung mit Nachrichten aus der Region und aller Welt. Ihren Geburtstag feiert die Rundschau in einer Sonderserie mit Geschichten aus 200 Jahren Zeitung für den Kreis Steinburg – immer sonnabends an dieser Stelle im Blatt.

Wenige Tage nach Kriegsbeginn wurde im September 1939 in der 1936/37 neu errichteten Max -von-Gallwitz-Kaserne am Langen Peter – der späteren Hanseaten-Kaserne – ein Kriegsgefangenenlager eingerichtet. Dabei handelte es sich um ein Offizierslager (kurz Oflag). In diesen wurden ausschließlich Offiziere nach Nationen getrennt untergebracht, während Unteroffiziere und Mannschaften in Stammlagern (Stalag) inhaftiert waren. Das Oflag XA war 1939 im zehnten Wehrkreis das erste Offizierslager. Es bestand mindestens bis Mitte Januar 1941.

Die ersten Kriegsgefangenen kamen am 8. September 1939. „Heute Vormittag trafen ein polnischer General und fünf polnische Offiziere als Kriegsgefangene in unserer Stadt ein“, meldete die Schleswig-Holsteinische Tageszeitung (SHT). Das nationalsozialistische Blatt war die einzige Lokalzeitung, die 1939 noch erscheinen durfte. Die „Itzehoer Nachrichten“ und der „Nordische Kurier“ waren einige Jahre zuvor verboten worden. In den folgenden vier Wochen meldete die Zeitung mindestens ein halbes Dutzend weiterer Transporte, bei denen jeweils zwischen 40 und 450 Soldaten in Itzehoe eintrafen. Das Lager war demnach für etwa 1000 kriegsgefangene Offiziere eingerichtet.

Schon Mitte September besuchte ein Journalist der SHT das Lager. Im Tendenzjargon der NS-Zeit erschien eine Reportage unter dem Titel „Unterbringung in modernen Kasernen – Behandlung in jeder Weise taktvoll“. Verfasser „H. Sch.“ hatte auch mit einem „Ulanen-Rittmeister“ gesprochen: „Der polnische Offizier stellt ausdrücklich fest, dass die Behandlung im Lager in jeder Weise taktvoll und gut sei. In der Tat, was wir in dem Itzehoer Offiziers-Gefangenenlager sehen, ist beispielhaft für die Anständigkeit und vollendete Korrektheit, mit der Deutschland seinen Kriegsgefangenen entgegentritt.“

Das Lager sei da schon mit 848 Offizieren und rund 60 polnischen Soldaten, die Ordonanzdienste versehen, beinahe ausgenutzt, heißt es weiter. Ein Auszug aus der Beschreibung: „Wenn man auf dem Rasenfreiplatz steht, um den sich die schmucken roten Backsteingebäude gruppieren, könnte man fast vergessen, dass man sich hier in einem Gefangenenlager befindet. Am Rande der sauberen Lagerstraßen blüht es herbstlich bunt aus gepflegten Steingärten, und das erhöhte Gelände gestattet eine großartige Fernsicht bis zu dem im Dunst des Horizonts glitzernden Elbstrom.“ Hölzerne Wachtürme, mit Scheinwerfern und Maschinengewehren besetzt, zahlreiche Posten mit Gewehr und ständige Patrouillen ließen aber keinen Zweifel über den Charakter der Anlage.

Die ab Oktober etwa 1050 im Lager internierten Offiziere wurden systematisch registriert. Alle erhielten eine Identitätskarte mit Foto, die sie ständig um den Hals tragen mussten. Schon die SHT hatte berichtet, „dass, um etwaige Fluchtversuche zu verhindern, auf den Mänteln und dem rechten Hosenbein der Uniform der Kriegsgefangenen ein roter Flicken angebracht ist, der die Gestalt eines Dreiecks von 20 cm Seitenlänge hat“.

Wer waren die polnischen Offiziere, die in Itzehoe untergebracht waren in jenen Gebäuden, die noch heute neben dem neuen Supermarkt-Parkplatz am Langen Peter stehen? Da war beispielsweise Kapitän Marian Majewski, Kommandant einer polnischen Küstenbatterie auf der Halbinsel Hela. Er unterschrieb am 2. Oktober 1939 die Kapitulation seiner Garnison. „Fremdenführer erwähnen diese historische Nebensächlichkeit, weil sie für die geschichtsbewussten Polen Symbolcharakter hat“, schrieb 1996 „Die Zeit“. Mit bei der Unterzeichnung war Kapitän Antoni Kasztelan – auch er ein zeitweiliger Bewohner des Oflag XA.

Die freundliche Darstellung der SHT wirft die Frage nach weiteren Quellen auf. Eine umfangreiche Beschreibung des Lagerlebens liefert die gebürtige Polin Teresa Hintzke (*1934) in ihrer 2001 erschienenen Familiengeschichte. Ihr Vater Stanislaw Mikosz fiel am 6. September 1939 mit seinem Bruder Janusz „Jas“ Slawinski in deutsche Gefangenschaft. Während seines fast 16-monatigen Aufenthalts in Itzehoe steht Mikosz im Briefkontakt insbesondere mit seiner Schwägerin Helen in Polen, denn viele seiner Familienangehörigen, unter ihnen auch seine fünfjährige Tochter Teresa, die Autorin der Biographie, wurden von den Russen zur Zwangsarbeit nach Sibirien deportiert. Die Briefe sind kurz, unterlagen der deutschen Zensur und geben daher nur einen beschränkten Einblick in die Situation.

Teresa Hintzke beschreibt die Zustände: „Obwohl die Unterkünfte insofern angemessen waren, als niemand auf dem kalten Fußboden schlafen musste und es Toiletten gab, war die Lebensmittelzuteilung kaum das zum Überleben Notwendige. Frühstück und Abendbrot bestanden nur aus einem Glas Kräutertee, während die ‚Hauptmahlzeit‘ um die Mittagszeit herum aus einer Schüssel Suppe bestand.“ Stanislaw Mikosz bittet immer wieder um Lebensmittel und schreibt mit ironischem Unterton: „Bitte, Helen, könntest Du mir in den nächsten Paketen immer etwas Brot schicken, denn davon esse ich anscheinend einiges.“

Mit immer mehr Gefangenen begann das Spitzel-Problem, schreibt Hintzke. Die Nationalsozialisten schleusten aus Polen stammende Deutsche ein. Sie suchten nach Offizieren, von denen die Behörden glaubten, dass sie während der Verteidigung Polens Deutsche misshandelt oder wegen Sabotageaktivitäten hingerichtet hatten. Darüber hinaus suchten die Deutschen nach Geistlichen, die Offiziersrang besaßen, aber Reservisten waren. Im Lager gab es 25 Geistliche, von denen die Deutschen 21 degradierten und in Konzentrationslager verlegten. Bekannt ist das Schicksal des Priesters Jan Góralik: Er starb in Dachau am 26. Oktober 1942. Nur vier Priester im Hauptmannsrang wurden verschont und blieben Gefangene.

Teresa Hintzke beschreibt auch den Alltag im Itzehoer Lager. Einmal im Monat gab es die „Stempelkontrolle“. Jeder Gefangene wurde einzeln mit Namen und militärischem Rang aufgerufen und identifiziert, indem sein Foto in einem Buch mit dem Foto auf seiner Ausweiskarte verglichen wurde. Das dauerte Stunden, in denen alle draußen stehen mussten, auch bei schlechtestem Wetter.

Dies war für die Lagerverwaltung ein effektives Verfahren, um Geflohene zu identifizieren. Es gab zahlreiche Fluchtversuche, die scheiterten, war doch die Bevölkerung in der Nachbarschaft ständig auf der Hut und half, die Geflohenen wieder zu ergreifen. In den ersten Monaten war die Strafe Einzelhaft. Als die Zahl der Fluchtversuche zunahm, erließen die Deutschen die strikte Anweisung: „Jeder aufgegriffene flüchtige Gefangene wird in ein Konzentrationslager überwiesen.“ Dadurch wurden Fluchtversuche zumindest zeitweise verhindert.

Der erste gefangene alliierte Offizier des Zweiten Weltkriegs, der Pilot Laurence Hugh Edwards, kam nach Itzehoe. Der Neuseeländer hatte am 4. September 1939 mit seiner Anson vor den friesischen Inseln ein deutsches Wasserflugzeug angegriffen, wurde aber abgeschossen. Angehörige der kanadischen Luftwaffe, die sich nur eine Woche nach Kriegsausbruch in deutscher Gefangenschaft wiederfanden, waren Staffelführer S. S. Murray und Co-Pilot Alfred Burke Thompson. Ihre Whitney wurde am 8. September über Thüringen abgeschossen, als sie Flugblätter abwarfen. Die Flieger hatten, bevor sie nach Itzehoe kamen, die zweifelhafte Ehre, in Berlin dem Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Reichsmarschall Hermann Göring, die Hand zu schütteln.

Thompson wurde auch für Propaganda-Aufnahmen interviewt. Vor laufender Kamera erklärte er: „Seit ich in Deutschland gefangen genommen worden bin, wurden meine Kameraden und ich höflich und zuvorkommend behandelt.“ Im Offizierslager Itzehoe dominierte offenbar die Langeweile. „Sie hatten außer Bridge wenig zu tun, um die Zeit totzuschlagen“, schreibt Historiker Jonathan F. Vance.

Thompson flüchtete im März 1944 mit 75 Offizieren der Royal Air Force durch einen 111 Meter langen Fluchttunnel aus dem Lager Stalag Luft III in Sagan (Schlesien) – verfilmt als „The Great Escape“ („Gesprengte Ketten“). Der Fluchtversuch endete tragisch: Fast alle wurden gefangen, die meisten getötet. Thompson überlebte – möglicherweise, weil er das Foto mit Göring bei sich trug.

Die polnischen Offiziere wurden Mitte Januar 1941 von Itzehoe ins niedersächsische Sandbostel verlegt, weil ihre Unterkünfte für deutsche Soldaten benötigt wurden. In dem Moorlager mit Holzbaracken waren die Lebensbedingungen erheblich schlechter: wenige Wasserhähne, offene Kloaken als Toiletten. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 nahm Sandbostel rund 10  000 sowjetische Gefangene auf, die polnischen Offiziere wurden in das Oflag XC Lübeck evakuiert.

Die meisten polnischen Offiziere überlebten die fast fünfeinhalbjährige Haft in deutschen Lagern. Doch das galt nicht für alle. Der erwähnte Kapitän Antoni Kasztelan wurde 1940 an die Gestapo übergeben – ein Verstoß gegen die Genfer Konvention. Doch die Deutschen wussten, dass er die Spionageabwehr an der Ostseeküste geleitet hatte. Kasztelan wurde gefoltert und schließlich 1942 in Königsberg mit der Guillotine hingerichtet. Auf dem Gelände der Itzehoer Kaserne erinnert heute nichts mehr daran, dass hier vor 76 Jahren Kriegsgefangene interniert waren.

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