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Gesundheit : „Die Hunde nehmen mich, wie ich bin“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Mal ist er sehr zufrieden mit sich, mal ist seine Stimmung im Keller: Wolfgang Geldszus berichtet aus seinem Leben mit der Depression.

von
erstellt am 24.Feb.2017 | 05:00 Uhr

Es ging ihm gut. Meistens zumindest. Doch ein unangenehmes Erlebnis warf Wolfgang Geldszus aus der Bahn – die Depression kehrte mit Macht zurück. „Die Menschen machen sich keine Vorstellung, inwieweit sie depressive Menschen verletzen können“, sagt der 53-jährige Itzehoer. Deshalb geht er mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit.

Geldszus ist gelernter Kapitän, schon mit 14 Jahren fuhr er zur See. „Ich war immer offen, bei der Seefahrt spricht man über alles.“ Diese Offenheit werde jedoch nicht immer toleriert. 1989 wechselte er zur Wasser- und Schiffahrtsbehörde in Brunsbüttel, „da bin ich alles gefahren, was einen Motor hat“. Zuletzt waren es die Fähren auf dem Kanal. „Zu viel Zeit zum Denken“, so erklärt Geldszus, was dann passierte. Vor knapp zehn Jahren hätten die Depressionen begonnen, Klinikaufenthalte waren die Folge, aber auch Suizidversuche. Der jüngste Besuch in einer Akutklinik habe einen Umbruch bewirkt, sagt der Itzehoer: „Ich war richtig zufrieden mit mir, habe sehr viel gelernt, um mit mir und der Depression umzugehen.“

Das ist nicht zu verwechseln mit einer Genesung. Doch auch die Arbeit in Brunsbüttel sei eine „Riesenhilfe“ gewesen. Als Geldszus Anfang 2016 zum Gespräch mit der Chefetage gebeten wurde, machte er sich Sorgen. An Stelle von Ärger bekam er aber ein Angebot, ausgelöst durch seine „strukturierten“ Briefe aus der Klinik, wie er meint: Jetzt verwaltet er am Computer für das WSA Daten und bereitet sie für den Zugriff vor. „Das lenkt mich absolut ab.“

Die Krisen kommen und gehen. „Nun habe ich meine Tage“, so beschreibt Geldszus selbst die schwierigen, teils heftigen Phasen. Ohne nachvollziehbaren Grund sei er gereizt – „ich weiß, wie ich dann drauf bin, dann bin ich lieber allein“. Ärger gehe er lieber aus dem Weg, auf der anderen Seite könne er so wieder mit dem Grübeln beginnen, zurück ins alte Muster: „Das eine ist nichts, das andere ist nichts.“ Seine Lösung: Mit den Hunden der Nichte laufe er stundenlang durch die Natur. „Es ist so herrlich, und dann bin ich hinterher wieder“ – Geldszus hält inne – „glücklich? Ja, das trifft es. Die Hunde nehmen mich, wie ich bin.“

Auf diese Weise ging es im vergangenen Jahr gut. Dann habe es ein Problem gegeben, das ihn in sein altes Schema zurückgeworfen habe. Er sei „zutiefst verletzt“ worden, sagt der Itzehoer über ein Erlebnis im privaten Umfeld. „‚Wir wollen dich hier mit deinen Depressionen nicht haben‘ – das war für mich das Schlimmste, was man einem depressiven Menschen sagen kann.“

Diese benötigten mehr Verständnis, als es Außenstehende vielleicht merkten, sie seien viel verletzlicher. „Die Leute wissen sehr oft nicht, was sie damit anrichten können.“ Geldszus fiel in ein Loch, griff verstärkt auf Tabletten zurück, dachte an Suizid. „Ohne meine Frau wäre ich nicht mehr da.“ Jetzt ist ein Tagesklinik-Aufenthalt geplant.

Laut Bundesgesundheitsministerium leide im Laufe seines Lebens fast jeder dritte Mensch an einer psychischen Erkrankung, stellt der Itzehoer fest. Doch sie werde auch von öffentlichen Institutionen teils nicht ernst genug genommen, teilweise würden Hilferufe nicht verstanden oder gehört. Enorm wichtig sei auch, dass Hilfe für Angehörige oder Freunde angeboten werde: „Das ist eigentlich unumgänglich, wenn man depressive Familienmitglieder oder Freunde verstehen möchte.“

Als das Problem aufgetaucht war, habe seine Frau gesagt: „Vergiss es einfach.“ Doch Geldszus betont: „Das kann man nicht vergessen. Es gibt Menschen, die stecken das weg als Erfahrung – ich bin da sensibler.“ Den Fehler suche er meist bei sich selbst bis hin zu der Frage: „Bin ich richtig mit meinem Körper, mit den Gedanken?“

Einladungen hat Geldszus in jüngster Vergangenheit nur selten wahrgenommen. Er kennt die – und sei es nur unterschwellige – Haltung anderer, dass der Depressive in irgendeiner Form selbst schuld sei an der Erkrankung. Wenn er spüre, dass jemand nicht mit seiner Krankheit umgehen könne, versuche er, auf Abstand zu gehen: „Nur bei wenigen habe ich das Gefühl, dass ich damit ankommen kann.“

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