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Rettungsdienst : Die Helfer von der Büchsenkate

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Auch über die Osterfeiertage sind die Notfallsanitäter in der Rettungswache zwischen Wilster und Itzehoe rund um die Uhr im Einsatz.

shz.de von
erstellt am 16.Apr.2017 | 14:43 Uhr

Es ist fast wie inszeniert: 20 Minuten vor dem vereinbarten Termin werden die an der Büchsenkate stationieren Notfallsanitäter zu einem Einsatz nach Wilster gerufen. Die Elmshorner Leitstelle hatte ungeklärte Rauchentwicklung aus einem Hochhaus am Fleet gemeldet. Vor dem geistigen Auge sieht man Menschen mit Verbrennungen oder Rauchvergiftung, vielleicht auch verletzte Feuerwehrleute. Der Mehlbeker Björn Menke (38) und der Dägelinger Oliver Grow (32) sind Minuten später vor Ort. Dabei haben sie diesmal Joris Thießen, einen 21 Jahre alten Auszubildenden aus Wilster. Das Trio kann wenig später wieder zur Station zurückkehren. Auf dem Herd in einer Wohnung des Hochhauses war nur Essen angebrannt. Es wird für dieses Jahr als einer von hunderten Notfalleinsätzen in die Statistik eingehen. Alltag an der Büchsenkate. Nicht immer laufen die Einsätze aber so entspannt ab.

Vor zehn Jahren eröffnete die für den ganzen Kreis Steinburg zuständige Rettungsdienst-Kooperation in Schleswig-Holstein (RKiSH) die Station unmittelbar an der Bundesstraße 5 zwischen Wilster und Itzehoe. Seitdem schieben dort zwölf Mitarbeiter rund um die Uhr Dienst. Über Langeweile können sie nicht klagen. Im vergangenen Jahr kam das Dutzend Notfallhelfer auf genau 2343 Einsätze. Davon waren fast 1600 Notfälle. Mehr als 600-mal ging es um Krankentransporte.

Ein Muster für den Ablauf von Einsätzen gebe es nicht, sagt RKiSH-Sprecher Christian Mandel. Und natürlich machten manche Situationen auch noch so gut ausgebildete und erfahrene Mitarbeiter betroffen. Kinderschreie gehörten dazu oder aus Fenstern schlagende Flammen. „Wir sind ja schließlich auch keine Rettungsroboter.“ Es gebe aber auch viele schöne Momente. Dann, wenn man Patienten oder Verletzten wirklich helfen und sie rechtzeitig ins Krankenhaus bringen konnte. „Eine Geburt ist auch etwas sehr Schönes“, wirft Björn Menke ein. „Dabei geht einem aber auch ganz schön die Pumpe.“

Joris Thießen ist nach den Erfahrungen des ersten Lehrjahres jedenfalls fest davon überzeugt, seinen Traumberuf gefunden zu haben. Eigentlich ist der Wilsteraner gelernter Metallbauer. Jetzt schult er drei Jahre lang um. Und auch nach Feierabend ist er noch im Einsatz: bei der Freiwilligen Feuerwehr. „Beim ersten Mal dachte ich schon: Was kommt da jetzt auf mich zu? Aber die erste Aufregung hat sich schon gelegt“, sagt der 21-Jährige. Besonders die Arbeit im Team findet er toll. Das unterstreicht auch Christian Mandel: „Einzelkämpfer haben bei uns keinen Platz. Dazu hängen wir auch alle zu dicht aufeinander.“ Auch bei den älteren Kollegen genießt der Nachwuchs übrigens schon größten Respekt: „Was die heute lernen müssen, ist ja fast schon ein Medizinstudium“, findet Björn Menke. Wichtig sei, so fügt er schmunzelnd hinzu, dass man die „Steinburger Macke“ habe. „Das hier ist nämlich schon ein ganz spezieller Haufen.“

Joris Thießen kann jedenfalls von einem Beruf mit besten Zukunftsaussichten ausgehen. Pro Jahr, rechnet Christian Mandel vor, gebe es im Kreisgebiet bei den Einsatzzahlen neun Prozent Zuwachs. Bis 2025 wird eine Steigerung um 60 Prozent prognostiziert. Das hat auch, aber nicht nur mit einer älter werdenden Bevölkerung zu tun. Das Problem: Die veränderte Kliniklandschaft und die Erwartungs- und die Anspruchshaltung vieler Menschen. „Atemnot entpuppt sich auch mal schnell als Schnupfen“, weiß Mandel um viele Fälle, die unnötigerweise die Notaufnahme verstopfen. Mitunter seien die Anrufer aber auch einfach nur hilflos. „Und wo die Oma früher Wadenwinkel legte, soll bei 37,7 Grad Fieber heute ein Rettungshubschrauber landen.“ Entsprechend gezielt würden bei Notrufen denn auch Symptome und genaue Umstände abgefragt. Obwohl die Einsatzorte dann von der Leitstelle direkt auf das Navi im Rettungswagen geschickt werden, macht sich gerade bei Notfällen, wo es um Sekunden geht, Ortskenntnis bezahlt. „Vor allem hier in der Wilstermarsch“, weiß Oliver Grow um die verwinkelten Straßen durch das Grünland. Der 32-Jährige hat als Ausbilder auch Joris Thießen unter seine Fittiche genommen. Der junge Notfallsanitäter ist von Beginn an voll in den Ablauf integriert. Sein Jahresplan: 1970 Stunden auf der Wache, 1920 Stunden in der Akademie und 720 Stunden Klinik-Praktikum. Der Schichtdienst an der Büchsenkate dauert jeweils elf Stunden am Tag und 13 Stunden in der Nacht.

Die Schicht an diesem Tag ist eine der entspannteren. Vormittags zwei internistische Notfälle, dann das verbrannte Essen in Wilster. Da bleibt dann auch mal Zeit, in Ruhe den Kaffee zu Ende trinken. „Wenn wir dafür Zeit haben, geht es den Menschen gut“, freut sich wohl nicht nur Björn Menke über ruhige Tage. Und im Notfall schieben er und seine Kollegen natürlich auch über die Osterfeiertage Dienst. Wenn der Alarm kommt, haben sie genau eine Minute Zeit, um den Rettungswagen zu starten – und weitere höchstens elf Minuten um vor Ort zu sein.

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