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Die große Party in Itzehoe: 40 Jahre Weinfest

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Erste Veranstaltung mit Ständen für Getränke, Brot und Käse am 14. Mai 1977 in Feldschmiede und Kirchenstraße

Seit dem 5. Juli 1817 versorgt unsere Zeitung die Menschen in Itzehoe und Umgebung mit Nachrichten aus der Region und aller Welt. Ihren Geburtstag feiert die Rundschau in einer Sonderserie mit Geschichten aus 200 Jahren Zeitung für den Kreis Steinburg – immer sonnabends an dieser Stelle im Blatt.

Das Jahr 1979. Die Rundschau blickt voraus auf ein großes Fest in der Innenstadt. Mutig nennt sie es „traditionell“, dabei ist es erst die dritte Auflage. Zu diesem Zeitpunkt trägt die Veranstaltung noch den Namen City-Fest, und zu trinken gibt es – Wein. Zwei Jahre zuvor hat das Fest seine Premiere gefeiert, und das heißt: Das erste Weinfest fand vor 40 Jahren statt. Ein Blick zurück auf eine bewegte Geschichte mit Höhe- und Tiefpunkten, Irrwegen und Ausfällen.

1971 ruft die Itzehoer Werbegemeinschaft die Itzehoer Woche ins Leben. Das Motto: „Eine ganze Stadt gibt sich Mühe für Sie“. Ganz uneigennützig geschehe das nicht, sagt in einem Rundschau-Interview 1989 Hans Emil Lorenz von der Werbegemeinschaft. Der Zusammenschluss von Geschäftsleuten wolle die Stadt attraktiver machen und zur Imagepflege beitragen – das stärke die Stellung als regionales Einkaufszentrum.

Das Programm ist von Beginn an enorm, vor allem im Festzelt am Plantschbecken pulsiert das Leben. Bürgervorsteher Otto Eisenmann und Bürgermeister Günter Hörnlein danken 1976 der Kaufmannschaft: „Sie stellt damit ihre Aktivität und ihren Einfallsreichtum unter Beweis, um der Bevölkerung unserer Stadt und des Kreises Steinburg attraktive Veranstaltungen und auch Selbstentfaltungsmöglichkeiten zu bieten.“ Der „absolute Höhepunkt“, so heißt es immer wieder, ist der Flohmarkt in der Innenstadt. Die Rundschau schreibt 1976 einen Satz, der heute nicht mehr ginge: „Es wurde gefeilscht, daß Armenier, deren Geschäftssinn sprichwörtlich ist, blaß wurden.“ Doch ansonsten passiert nichts im Zentrum bis auf die Fahrten mit dem Western-Express.

Das ändert sich 1977 nachhaltig. Am 14. Mai wird die Itzehoer Woche offiziell eröffnet, in der oberen Feldschmiede, der Kirchenstraße und vor allem der im Herbst zuvor eingeweihten Fußgängerzone in der unteren Feldschmiede. Bürgervorsteher Eisenmann setzt per Knopfdruck den Brunnen in Betrieb. Neben Wasser strömt der Wein: Zehn Stände sind aufgebaut, das Glas – schon damals mit dem Aufdruck „Itzehoer Woche“ ein Souvenir – kostet 1 Mark, jede weitere Füllung 50 Pfennige. An fünf Ständen mit Käse- und Brotspezialitäten können die Besucher für die Grundlage sorgen, für die Kleinen gibt es „Brause satt“. Acht Musik-Acts, wie man heute sagen würde, sind dabei, vom Oldendorfer Musikzug über die Bands „Silvermoon“ und „Blue Stars“ bis zur Dorf- und Werftkapelle Wewelsfleth und dem Spielmannszug der Itzehoer Feuerwehr. „Eine singende, tanzende, schunkelnde Menschenmenge – das ist das, was den Veranstaltern am liebsten wäre“, schreibt die Rundschau. Und der Nachbericht: „Vor allem in den späteren Abendstunden herrschte in den Straßen ein Gewoge, das geradezu südliche Züge annahm.“

Von einem „Weinfest“ ist schon im ersten Jahr die Rede, aber noch ist es nicht der offizielle Name. Auch nicht 1979, als ein Besucher die vorbildliche Reinigung lobt, bei der Mitglieder der Werbegemeinschaft bis tief in die Nacht reichlich Scherben beseitigten, aber auch das etwas spärliche Angebot kritisiert: „Wein, Käse und Brot ist doch etwas zu dürftig. Da hätte man viel mehr machen müssen, Fischbrötchen, Bier und so weiter.“

Noch wird er nicht erhört, und ein Jahr später sind um 22.30 Uhr Essen und Getränke alle. Gemunkelt werde von mehr als 20  000 Menschen in der Feldschmiede, heißt es, die Zeitung zeigt Verständnis: „Wer wollte sich an diesem gelungenen Abend über verständliche Fehlkalkulationen aufregen?“ Paul Vollbehr, Vorsitzender der Werbegemeinschaft, freut sich über „Karneval in Rio“. Etwas schwächer ist die Resonanz im Festzelt, das erstmals auf dem neuen Festplatz Malzmüllerwiesen steht.

1981 ist es so weit: In der Ankündigung der Rundschau wird von der offiziellen Eröffnung der Itzehoer Woche „mit einem Weinfest“ gesprochen. Das Glas zieren ab jetzt wechselnde Motive, beginnend mit dem Klosterhof. 1984 zieht die Veranstaltung um in die Neustadt, 1989 werden dort auch die Wall- und Fischerstraße zum Festgelände. „Bei uns geht Sicherheit vor Geschäftsinteresse“, sagt Werbegemeinschaftssprecher Lorenz. Insgesamt hat bei der Itzehoer Woche der Rotstift regiert, aus 40 Veranstaltungen wurden 20. Trotz vieler ehrenamtlicher Helfer – allein beim Weinfest seien es mehr als 1000 – koste die Itzehoer Woche „mit Sicherheit mehr als 150  000 Mark“, sagt er der Rundschau. Längst hat das Weinfest eine völlig andere Dimension erreicht: An mehr als 70 Ständen gibt es Wein, Brot, Wurst und Fisch, fast 20 Musikgruppen spielen. Die Zahl der Besucher schätzt Lorenz auf 50  000.

Wieder anders sieht das Gelände im Jahr 1991 aus, das zeigt schon der Blick auf das Musikangebot: Neben den Spielmannszügen aus Itzehoe und Umgebung gibt es Jazz in der Salzstraße, Platt-Rock auf dem Berliner Platz, französische Chansons in der Kapellenstraße und Country in der Breiten Straße. Eröffnet wird das Fest wieder auf der Treppe des Historischen Rathauses, wie gewohnt ist die Deutsche Weinkönigin dabei. Das erste Weinglas (0,1 Liter) kostet 3 Mark, 1 Mark die Nachfüllung. Neu ist auch das Weindorf auf dem Parkplatz am Störgang oder besser gesagt: hinter Karstadt. Und eine Neuerung gibt es auch in der Organisation, zumindest formal: Die Werbegemeinschaft ist jetzt eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung, dahinter steht der Handel- und Gewerbeverein Itzehoe (HGV). Beides existiere noch heute, ruhe aber, so Geschäftsführer beziehungsweise Vorsitzender Lorenz.

Höchst unerfreulich geht es im Jahr 1992 zu: Nach Skinhead-Ausschreitungen auf dem Jahrmarkt herrscht große Sorge. Es heißt, dass aus Deutschland und Dänemark 400 bis 500 Skins anreisen wollen, um das Fest „aufzumischen“. Drohung eines Skins: „Itzehoe wird brennen.“ Tatsächlich treffen sich nur mehrere Dutzend im Lokal „Zum Kelten“, die Polizei hat die Situation im Griff. Dann aber ziehen rund 100 Demonstranten aus dem linken Spektrum in Richtung der Kneipe und liefern sich eine Straßenschlacht mit der Polizei. Bilanz: 14 verletzte Beamte. Dennoch feiern 30  000 bis 40  000 Menschen das Weinfest. Überschrift in der Rundschau: „Spaßverderber, nein danke!“

Vier Jahre später dann der Paukenschlag: Das Weinfest 1996 findet nicht statt. Als Termin wird ausgerechnet der 20. April gewählt, der Geburtstag Adolf Hitlers. „Angst vor rechtsradikaler Randale beim Weinfest“ titelt die Rundschau. Die Reaktion auf die Kritik fiele heute wohl anders aus: Bürgermeister Harald Brommer hält sie für „sehr überzogen“, HGV-Vorstand Jens Uwe Hansen sagt, es könne doch nicht angehen, „daß man heute noch diesen Termin für so wichtig erachtet“. Dennoch, das Fest wird abgesagt. Als Ersatz dient die Showtreff-Bühne in der Kirchenstraße, die an fünf Abenden bespielt wird. Viel Bedeutung hat der Suder Hafen: Dort steht das Festzelt.

Im Jahr 2000 übernimmt der neu gegründete Stadtmarketingverein Wir für Itzehoe die Organisation des Weinfestes. Nach außen ist davon wenig zu merken, dafür aber umso mehr im Folgejahr: André Gerwien, erster Stadtmanager in Itzehoe, versucht Neues. Die Stadt solle ihre eigene Identität entwickeln, nicht anderen nacheifern. Björn Gerbers, 2. Vorsitzender bei Wir für Itzehoe, kündigt an: „Das Weinfest wird es in der jetzigen Form nicht mehr geben.“ Das Jahr 2001 bringt ein dreitägiges Stadtfest mit drei Bühnen am Theater, auf dem Berliner Platz und am Historischen Rathaus, dazu ein historisches Stapelfest auf den Malzmüllerwiesen. Vor allem bringt es jede Menge Ärger. „Immer noch eine Itzehoer Veranstaltung?“ lautet die Überschrift in der Rundschau. Dass Agenturen von außen eine maßgebliche Rolle spielen, stößt Gastronomen der Stadt sauer auf. Und aus dem Weinfest werde ein Bierfest, denn Wein gebe es nur im Rathaus-Innenhof. Das weithin bekannte Weinfest sei einfach vom Tisch gewischt worden, schreibt Heinz Pfingsten vom gleichnamigen Weinhaus in einem Leserbrief: „Es lebe nur noch der Kommerz!“

Die Reaktion auf die Kritik: Ein Jahr darauf gilt das Motto „Klein, aber fein“ – was immer noch heißt, dass das Weinfest an zwei Tagen stattfindet, aber mit den Hauptzentren vor dem Historischen Rathaus, in Rathaus-Innenhof, Salzstraße, Seniorenpark und erstmals dem Wochenmarktplatz. Ab 2003 heißt der Stadtmanager Hauke Rathjen, und der macht eine klare Ansage: „Keine ortsfremden Agenturen.“ Es sei mit der Tradition des Weinfestes gebrochen worden. Das regionale Potenzial solle genutzt werden, „sonst wären wir austauschbar“. So spielen die Musiker der itz’rock-AG nun im Rathaus-Innenhof, nachdem sie vorher im Theater und im Goosmarkt zu hören waren. Auch der Berliner Platz ist wieder einbezogen. 2004 freut sich Bürgervorsteher Heinz Köhnke bei der Eröffnung auf der Rathaustreppe: „Ein Weinfest so, wie es immer war.“

Aber nicht ohne Probleme: Immer mehr Selbstversorger mit Rucksack machen dem Stadtmanager Sorgen. „Weinfest in Gefahr?“ lautet 2005 eine Überschrift der Rundschau. Auf den Malzmüllerwiesen steht wieder ein Festzelt. Das ist auch 2006 geplant, doch ein Anwohner verhindert es: zu laut. „Ein Trauerspiel für Itzehoe“, sagt Betreiber Peter Wischmann. Auch nach den Feiern – seit 2004 gibt es ein Bierfest auf dem Berliner Platz – wird viel diskutiert, vor allem über betrunkene Jugendliche und Kinder.

Ein Bündnis mit Polizei und Behörden wird geschmiedet, und es hat Erfolg. Zusätzlich wird der Sicherheitsdienst verstärkt. Der Verein Wir für Itzehoe baut erstmals zwei Bierstände auf, um fliegenden Händlern mit Paletten den Wind aus den Segeln zu nehmen. „Ich glaube, dadurch wird das Weinfest nicht beschädigt“, sagt Björn Gerbers, der in dieser Zeit als Stadtmanager wirkt. Vielleicht meint Kabarettist Sebastian Schnoy diese Entwicklung im Buch „Von Krösus lernen, wie man den Goldesel melkt“. Er schreibt über den Zusammenbruch der Kultur nach dem Ende des römischen Reichs. Die „Banausen-Gene“ wirkten nach: „So gilt das Weinfest in Itzehoe in Schleswig-Holstein als einziges Weinfest Deutschlands, auf dem nur Bier getrunken wird.“

Nüchtern betrachtet übertreibt der Mann natürlich. Und es gibt durchaus Aktivitäten für mehr Ambiente. 2010, zu Zeiten von Stadtmanager Wolfgang Helms, baut Wir für Itzehoe erstmals das Itzehoer Weingärtchen in der Kirchenstraße auf. 2012 feiert das Fest für „Grauburgunder“ am Cläre-Schmidt-Senioren-Centrum Premiere. Seither hat das Weinfest eine Außenstelle im Klosterforst.

Immer neue Ideen für besondere Aktionen kommen von Stadtmanagerin Lydia Keune-Sekula: 2011 singt die ganze Stadt Achim Reichels „Aloha heja he“, 2012 feiert die Itzehoe-Hymne Premiere, 2013 geht der große Umzug zur 775-Jahr-Feier der Stadt direkt in die Feier über. Heute Abend wird das Weinfest nach dem Abschied vom historischen Markt zum zweiten Mal auf der Hauptbühne auf dem Wochenmarktplatz eröffnet.

Ein anderer Programmpunkt ist längst Tradition: Um 21.30 Uhr erklingt auf dem gesamten Festgelände die Itzehoe-Hymne. „Itzehoe, ich mag dich sowieso“, dieses Bekenntnis fällt vielen schwer – auch das hat Tradition. Beim Weinfest ist die Chance vermutlich größer als sonst. Prost.


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erstellt am 27.Mai.2017 | 07:00 Uhr

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