Glückstädter Museum : Die Geschichten hinter den Dingen

Christian Boldt nutzt den Umzug auch, um einen Überblick über die verschiedenen Stücke der Sammlung zu bekommen. Unter anderem gehören Soldatenfiguren aus bemalter Alufolie dazu.
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Christian Boldt nutzt den Umzug auch, um einen Überblick über die verschiedenen Stücke der Sammlung zu bekommen. Unter anderem gehören Soldatenfiguren aus bemalter Alufolie dazu.

Das Depot und das Archiv des Detlefsen-Museums ziehen in den Lentzenweg um / Museumsleiter Christian Boldt entdeckt dabei vieles neu

shz.de von
26. Juli 2015, 16:30 Uhr

Glückstadt | Kisten voller Akten, über 150 Jahre alte Uniformen und sogar ein ganzes Portal aus dem Wasmer-Palais transportiert das Umzugs-Unternehmen Tiedemann in diesen Tagen von der alten Feuerwache und vom Detlefsen-Museum in den Lentzenweg. Die ehemalige Halle der Teppichböden-Firma Duis ist die neue Heimat des Stadtarchivs und des Museums-Depots. Es wechseln aber nicht nur tausende Erinnerungsstücke an längst vergangene Zeiten ihren Platz. Hinter vielen der Gegenstände, Dokumente, Fotos und Bilder steckt eine ganz eigene Geschichte, die es sich lohnt zu entdecken.

Für den kommissarischen Museumsleiter und Stadtarchivar Christian Boldt ist der Umzug auch eine Möglichkeit, die Sammlung ganz neu kennenzulernen. „Ich nehme ja alles noch einmal in die Hand und entwickelt dabei Ideen für neue Ausstellungen und Projekte“, erzählt er. Neulich hat er bei den Sortierungsarbeiten auf dem Dachboden des Museums beispielsweise eine Kiste beiseite gestellt und sah sich plötzlich einem riesigen Pavianschädel Auge in Auge gegenüber. „Da habe ich einen ganz schönen Schreck bekommen – mit diesen riesigen Zähnen sah der Affe aus wie ein Vampir.“

Nicht weniger spannend ist die Geschichte, wie dieser Schädel seinen Weg in das Glückstädter Museum gefunden hat: In den 60er Jahren lernte der Rechtsanwalt Hans-Otto Frauen auf einer Großwildjagd in Kamerun einen Stammeskönig des Landes kennen, den er kurzerhand zu einem Staatsbesuch nach Glückstadt einlud. Unter den Gastgeschenken befand sich unter anderem besagter Pavianschädel, ein Wurfspeer und ein Schild.

Ein Fundstück ganz anderer Art sind die Tonscherben, die aus Glückstadts Vorgängerstadt Nygenstad stammen, die 1402 verlassen wurde. Oder die Walknochen, die an die Zeit erinnern, als Glückstadt die meisten Walfangschiffe in der ganzen Region ausrüstete. In einem Karton auf einem der ersten Regale, die im neuen Depot bereits aufgestellt wurden, steht ein Karton mit großen Soldatenfiguren aus bemalter Alu-Folie gleich neben alten Bügeleisen aus dem 19. Jahrhundert.

Noch ist der etwa 90 Quadratmeter große Raum relativ leer, aber bald wird er bis auf einige schmale Gänge komplett mit großen Regalen vollgestellt sein, die bis zur Decke reichen und mit lauter solcher Schätze aus mehreren hundert Jahren Stadtgeschichte gefüllt sein werden. Zusätzlich gibt es noch eine etwa 200 Quadratmeter große Lagerhalle für landwirtschaftliche Geräte und Portale und außerdem weitere Räumlichkeiten für das Stadtarchiv. Nur etwa 25 Prozent der Bestände des Detlefsen-Museums sind in den Ausstellungen zu sehen. Die anderen 75 Prozent befinden sich für die Öffentlichkeit unzugänglich im Depot und warten darauf, vom Museumsleiter für eine neue Ausstellung ausgewählt zu werden.

Christian Boldt ist sehr zufrieden mit den neuen Lagermöglichkeiten. „Wir bekommen endlich adäquate, trockene Lagerräume ohne große Temperaturschwankungen.“ Denn gerade die alten Papiere und Textilien sind empfindlich. Da die neue Halle ganz früher einmal als Kühllager von den örtlichen Obst- und Gemüsebauern genutzt wurde, ist sie aber sehr gut isoliert. Außerdem gibt es kaum Fenster, so dass kein Tageslicht die empfindlichen Museumsstücke angreifen kann. Ein weiterer Vorteil ist, dass das Stadtarchiv in Zukunft nicht mehr auf zwei Standorte aufgeteilt ist, sondern zentral an einem Ort lagert. „Wenn ich also für Archivnutzer bestimmte Dokumente heraussuchen muss, muss ich sie nicht mehr von verschiedenen Orten zusammensuchen und möglicherweise auch noch mit den Akten durch den Regen laufen“, erklärt Christian Boldt. „Das ist eine große Erleichterung – zumal mir für die Archivarbeit nur drei Stunden und 20 Minuten in der Woche zur Verfügung stehen.“

Boldt ist seit Anfang Juli kommissarischer Museumsleiter. Der Umzug war gleich die erste große Aufgabe und bedeutet einen Haufen Arbeit. „Ich musste entscheiden, was aus dem Museum heraus sollte, habe die Regale ausgemessen, entschieden, was wo aufgestellt werden soll – und gestern habe ich sogar noch einige Stunden damit verbracht, die Regale von Staub zu befreien.“

Außerdem will er die Gelegenheit nutzen, das Depot zu inventarisieren. „Das wird lange dauern, aber es wird mir die Arbeit erheblich erleichtern, wenn ich die nächste Ausstellung plane.“ Die Arbeit ist für Boldt aber auch ein spannendes Projekt. „Ich habe die Möglichkeit, neue Geschichten hinter diesen alten Dingen zu entdecken. Außerdem schaffen wir im Museum Platz für neue Ausstellungen, an denen ich schon arbeite.“

Der komplette Umzug soll etwa bis Mitte August abgeschlossen sein. Besonders die Räumung der alten Feuerwehr musste schnell gehen, denn dort sollen demnächst Flüchtlinge aus Syrien ein neues Zuhause finden. Und auch für die alte Fricke-Scheune, wo bislang die großen Stücke gelagert waren, läuft der Vertrag der Stadt bald aus.

Ein Einbruch in der Lagerhalle des Museums lohnt sich übrigens trotz all der Schätze aus der Geschichte Glückstadts nicht. „Alte Fotos, Landkarten oder Uniformen – das hat kaum materiellen Wert. Den Schmuck und die wertvollen Gemälde bewahren wir im Tresor des Museums auf.“

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