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Norddeutsche Rundschau

18. August 2017 | 11:07 Uhr

Die Geheimnisse der „Nordbräute“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Die in Köln lebende Journalistin hat ein neues Stück Nachkriegsgeschichte geschrieben / Morgen ist sie Gast beim Verein Leselust in Wilster

Als Anne Siegel plötzlich die vertraute Gänsehaut spürt, ist die Sache klar. Das untrügliche Zeichen, dass die Journalistin und Filmemacherin auf eine richtig gute Geschichte gestoßen ist, hat sie noch nie im Stich gelassen. 2010 sitzt sie mit einigen Kolleginnen nach dem internationalen Frauen-Filmfestival in Köln fest, weil der isländische Vulkan Eyjafjallajökull mit seiner legendären Aschewolke nahezu den gesamten Flugverkehr lahmlegt.

Dass dieser nördliche Inselstaat ihr Leben verändern wird, ahnt Anne Siegel zu diesem Zeitpunkt nicht. Die Frauen sprechen über die Liebe zu Island, die sie alle teilen, die raue Landschaft voller Extreme und die herzlichen, etwas verrückten Menschen, von denen die meisten tatsächlich an Elfen glauben. Plötzlich sagt eine Kollegin: „Immer, wenn ich im isländischen Hochland unterwegs war, bin ich alten deutschen Frauen begegnet.“ Das ist der Gänsehaut-Moment, der zwei entscheidende Fragen aufwirft: „Was steckt dahinter und wieso steht nichts davon in den Geschichtsbüchern?“

Keine Frage, dass die erfahrene Vollblutjournalistin der Sache nachgegangen und auf ein nahezu unbekanntes historisches Ereignis gestoßen ist: Zwischen 1949 und 1951 folgten 500 Frauen einem Aufruf des isländischen Bauernverbandes. Im Gegensatz zum Nachkriegsdeutschland boomte die Wirtschaft am Polarkreis, allerdings fehlten auf den Höfen Arbeitskräfte. Die jungen Frauen, die in ihrer Heimat keine Zukunft sahen, packten ihr weniges Hab und Gut zusammen und reisten in ein Land, von dem die meisten von ihnen nicht einmal wussten, wo es liegt. Sie waren die ersten, die nach Kriegsende mit einer Sondergenehmigung der Alliierten ausreisen durften.

Über isländische Freunde machte Anne Siegel einige dieser inzwischen hochbetagten Frauen ausfindig. Mit Geduld und Feingefühl, etlichen Besuchen und dem Verzehr kulinarischer Katastrophen wie Schafskopfsülze gewann die Autorin ihr Vertrauen und brachte sechs Frauen dazu, ihre Geschichten zu erzählen – zum ersten Mal seit 60 Jahren. Sie alle haben bislang über ihre Erlebnisse geschwiegen. Das Buch „Frauen Fische Fjorde – deutsche Einwanderinnen in Island“ übertraf 2011 alle Erwartungen. Es erschien in 25 Ländern, gehört vielerorts zur Schullektüre und bildet die Grundlage für das Romandebüt der Autorin, das gerade frisch auf den Markt gekommen ist – passenderweise zum 60. Jubiläum der deutsch-isländischen Freundschaft. „Nordbräute“ führt den Leser zurück zu der Geschichte von Hildegard, die in dem packenden Roman Christa heißt. „Auch wenn die Figuren beim Schreiben ein Eigenleben entwickelt haben, steckt viel Biografisches in ihnen“, verrät die 50-jährige Wahlkölnerin, die zwischen der Domstadt und San Francisco pendelt. Es sind Geschichten, die das Leben schreibt und die teilweise so absurd klingen, dass man sie sich nicht ausdenken kann. Genau wie Hildegard hat die Romanfigur Christa ihrer Familie 60 Jahre lang ihre Vergangenheit verschwiegen. Von der nie vergessenen große Liebe, die im Krieg gefallen ist, und dem grausamen Nazi-Vater, der als Cheflogistiker unter Albert Speer unzählige Menschen ins Elend gestürzt hat. Erst am Tag ihres 90.  Geburtstags offenbart die Protagonistin in „Nordbräute“ ihrer erschütterten Familie die Wahrheit. Welche Geheimnisse sie noch mit ihren eigensinnigen Freundinnen Johanna und Paula teilt, vertraut die schrullige alte Dame erst nach und nach ihrem Enkel Jón an.

Dass die biografischen Vorbilder mit ihrem Romandebüt einverstanden sind, war Anne Siegel sehr wichtig. Bis heute verbindet sie eine enge Freundschaft mit den Frauen, die sich ihr zum ersten Mal geöffnet haben – nachdem sie über die Jahre immer wieder Interviewanfragen teils namhafter Autoren abgelehnt hatten. „Anfangs waren sie sehr unsicher“, erinnert sich die Autorin an die Recherche für „Frauen Fische Fjorde“. „Aber als sie ihre gedruckte Geschichte in Händen hielten, haben sie alle gesagt: „Es wurde Zeit, endlich über die Erlebnisse zu sprechen.“ Ihr Debütroman zeichnet nun zur Zeit der isländischen Bankenkrise das hochaktuelle Bild eines Landes am Abgrund. „Diese Frauen waren plötzlich die einzigen in Island, die wussten, was Hunger und Armut bedeuten“, sagt Anne Siegel, die mit Hochdruck an der Fortsetzung von „Nordbräute“ arbeitet.

Am morgigen Sonnabend ist Anne Siegel Gast zu beim Verein Leselust. Die Lesung beginnt um 19.30 Uhr im Spiegelsaal des Doos’schen Palais/Neues Rathauses. Aufgrund begrenzter Plätze wird um Anmeldung unter 04823/921336 gebeten. Eintritt ist frei.


>Das Buch: „Nordbräute“, Cindigo-Verlag, 304 Seiten, 19,99 Euro



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erstellt am 15.Apr.2015 | 17:13 Uhr

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