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Fallstricke beim Erbrecht : „Die Fülle der Fragen ist gewaltig“

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Im Interview spricht Fachanwalt Friedrich Osthold über Tücken und Probleme im Erbrecht.

von
erstellt am 25.Okt.2017 | 04:45 Uhr

Erben und Vererben hält viele Tücken bereit – oft wollen die Familien gar nicht, was das Gesetz vorgibt. Wie kann richtig vorgesorgt werden? Was ist steuerlich zu beachten? Darum geht es bei einer Informationsveranstaltung am Donnerstag, 2. November, im Hotel Mercure. Ausrichter sind die Schleswig-Holsteinischen Rechtsanwalts- und Notarkammer sowie die Steuerberaterkammer Schleswig-Holstein. Einer der Referenten ist Friedrich Osthold, Fachanwalt für Erbrecht und Familienrecht aus Pinneberg. Wir sprachen mit dem 67-jährigen Juristen.

Wie groß ist die wirtschaftliche Bedeutung des Vererbens?

Osthold: Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Das Statistische Bundesamt hat festgestellt, dass geerbtes und geschenktes Vermögen im Jahr 2016 auf 108,8 Milliarden Euro gestiegen ist. In 2015 gab es eine Zehn-Jahres-Prognose in einer Zeitung, wonach in den kommenden zehn Jahren rund 3,1 Billionen Euro vererbt werden. Das ist eine gewaltige Zahl.

Macht sich das in Ihrem Berufsalltag bemerkbar?

Als Notar bin ich ebenfalls spezialisiert auf das Erbrecht, also Testamentsgestaltung, Erbverträge oder Nachfolgeregelungen zu Lebzeiten. Man kann sagen, dass das Interesse in den letzten Jahren ganz deutlich angezogen hat. Auch Mittelstandsfamilien vererben, wenn ein Haus oder eine Eigentumswohnung im Nachlass ist, ganz schnell mehrere hundertausend Euro. Dann ist die testamentarische Gestaltung sehr wichtig, um steuerliche Nachteile zu vermeiden und klare Regelungen zu liefern, die dabei helfen, Streitereien unter den Miterben zu vermeiden.

Vieles ist gesetzlich geregelt – welche Bedeutung hat da das Testament?

Eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Bei Nachlässen, die 50  000 Euro überschreiten, sollte man unbedingt ein Testament machen. Das geht privatschriftlich oder notariell. Bei größeren Nachlässen, wo insbesondere Grundvermögen im Nachlass ist, empfiehlt sich immer das notarielle Testament, weil der oder die Erben so beispielsweise die Beantragung eines Erbscheins sparen. Die Grundbuchämter reagieren nur auf öffentliche Urkunden, dazu zählen privatschriftliche Testamente nicht.

In welchem Alter sollte man daran denken? Beispiel: ein Ehepaar mit minderjährigen Kindern.

Unbedingt! Wenn dem Mann morgen der Tanklastwagen quer kommt, steht die Frau als gesetzliche Erbin zusammen mit den Kindern in einer Erbengemeinschaft. Wenn dann verfügt werden muss – beispielsweise wegen eines Umzugs oder Hausverkaufs –, muss für die Kinder ein Betreuer beim Amtsgericht bezogen werden, der deren wirtschaftliche Interessen wahrnimmt. Denn in dem Moment, wo sie mit der Mutter Miterben sind, könnten die Kinder theoretisch finanziell gegenläufige Interessen haben. Wird die Frau im Testament zur Alleinerbin gemacht, hat sie kein Problem, dann kann sie selbst über das Erbe verfügen. Die Kinder hätten zwar Pflichtteilsansprüche, aber die würden ja nicht geltend gemacht, insbesondere dann nicht, wenn die Kinder im Testament zu Schlusserben des längstlebenden Elternteils eingesetzt sind.

Vermutlich gibt es viele Menschen, die nicht rechtzeitig an ein Testament denken?

Ja, das ist ja häufig so. Viele Menschen verdrängen ja überhaupt die Beschäftigung mit dem eigenen Ableben. Das wagen sie gar nicht zu diskutieren, weil sie sofort dadurch Ängste empfinden. Die Tabuisierung des Todes ist bei uns ein gesellschaftliches Thema.

Bei welchen Fällen des Erbens und Vererbens gibt es immer wieder Probleme?

Ein echtes Problem ergibt sich aus der gesetzlichen Erbfolge. Eben habe ich es geschildert für den Ehegatten mit minderjährigen Kindern. Ein anderes Beispiel ist, wenn gar keine Kinder da sind und Erben der zweiten Ordnung, also Eltern, auf den Plan treten. Dann denkt zunächst die Ehegattin: „Mein Mann ist gestorben, wir haben keine Kinder, ich bin Alleinerbe.“ Pustekuchen! Da gibt es in der gesetzlichen Erbfolge die Eltern des Erblassers, und die erben, wenn kein Testament da ist, ein Viertel neben der im Güterstand der Zugewinngemeinschaft lebenden Ehefrau. Das zeigt die Schnittstelle zwischen Familienrecht und Erbrecht: Die Erbquoten werden unter Umständen bestimmt durch den Güterstand, in dem beispielsweise Ehegatten leben.

Ist das historisch gewachsene Erbrecht für die heutige Gesellschaft noch geeignet?

Es ist das älteste Gesetzbuch im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) und stammt aus dem Jahr 1900. Es ist das Recht im BGB, das am wenigsten verändert worden ist – und nach meinem Dafürhalten heute immer noch brauchbar und flexibel in seinen Regelungs- und Gestaltungsmöglichkeiten. Deswegen ist auch nicht viel daran gemacht worden.

„Ich enterbe dich!“ Im Streit ist das schnell gesagt. Ist es so einfach?

Damit können Sie nur im islamischen Recht etwas werden, im BGB nicht. Natürlich kann man es in Form des Testaments niederlegen, das nennt man eine negative Erbeinsetzung. Dann gälte im Übrigen die gesetzliche Erbfolge, aber dieser Erbe wäre raus. Eine Enterbung ist es aber auch in dem familiären Beispiel von vorhin: Die Frau wird zur Alleinerbin eingesetzt. Damit sind die beiden Kinder erst einmal enterbt und werden zu Pflichtteilsberechtigten. Das ist ein schuldrechtlicher Anspruch auf die Hälfte des gesetzlichen Erbteils.

Welches Ziel verfolgen Sie mit der Informationsveranstaltung?

Man muss klar machen, dass mit der gesetzlichen Erbfolge die eigene Gestaltungsmöglichkeit aus der Hand gegeben werden und dann teilweise ungewollte Folgen der gesetzlichen Erbfolge eintreten. Man muss darüber nachdenken, ob man gestalten und das Vermögen in die gewünschten Kanäle lenken möchte. Auch andere Personen kann man beteiligen durch Vermächtnisse. Die Fülle der sich ergebenden Fragen ist gewaltig.

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