Leben am Abgrund : Die Bagger lassen die Wände wackeln

Direkt an der Kante steht das Haus – Ellen Micheel (63, links) und ihre Tochter Jessica Rath (33)  haben Angst, dass das Haus einstürzen könnte.
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Direkt an der Kante steht das Haus – Ellen Micheel (63, links) und ihre Tochter Jessica Rath (33) haben Angst, dass das Haus einstürzen könnte.

Ellen Micheel hat Angst, dass ihr Haus in Breitenburg einstürzt. Bauarbeiten an der Autobahn sorgen für starke Erschütterungen.

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19. März 2014, 04:55 Uhr

Wenn die Bagger rollen, wackeln die Wände. Und die Angst keimt auf. Die Angst, die Wände könnten einstürzen, das Dach herabfallen. Ellen Micheel lebt mit der Angst seit Jahren. „Man hat sich daran gewöhnt.“ Doch durch die neuen Arbeiten an der Bundesstraße 5/Autobahn 23 wächst die Angst, wird wieder konkreter. Und sie ist nicht unbegründet.

Seit April 1964 liegt ein Gutachten vor, dass das Haus am Heideweg in Breitenburg-Nordoe einsturzgefährdet ist. Auch damals waren die schweren Baumaschinen angerückt. Die B5 sollte verlegt werden. Näher an die damalige Gaststätte von Marianne Claahsen. Sie wurde zugleich Trennung zur damaligen Kaserne – und so zum Dolchstoß für die Gaststätte der Eltern von Micheel. Doch noch schlimmer waren die Risse in den Wänden, die Schäden am Haus und der Wertverlust. „21 Gutachten wurden geschrieben. 15 Jahre hat mein Vater geklagt“, berichtet Micheel. Und er hat Recht bekommen. Das Landesamt für Straßenbau hat 1978 den Zusammenhang der Schäden mit dem B5-Ausbau anerkannt – und eine Abfindung gezahlt. Die Eltern von Ellen Micheel hatten trotzdem alles verloren: den Wert des Hauses und die Gaststätte.

„Und jetzt geht das schon wieder los. Ich will nicht 15 Jahre lang klagen müssen. Ich stehe das nicht durch“, sagt Micheel und ist den Tränen nah. Die Situation, so Ellen Micheel, sei heute schlimmer. Die B5 rückt noch einmal näher an das mehr als 50 Jahre alte Haus heran. Nur sechs bis acht Meter sind es von der Außenwand bis zur Böschung. „Eigentlich müssten es laut Baurecht 25 Meter sein“, erklärt die Eigentümerin, die sich inzwischen intensiv mit dem Sachgebiet befasst hat. „Wenn die hier so viel Platz brauchen, sollen sie mir das Grundstück doch einfach abkaufen“, wünscht sich Micheel. Ein Angebot gab es bisher nicht.

Doch nicht nur die Lage und die Schäden beschäftigt die Nordoerin. Hinzu kommt der Lärm, der durch die Bauarbeiten, aber auch durch den Verkehr entsteht. „Das raubt mir den Schlaf. An offene Fenster ist überhaupt nicht zu denken.“ Sie sei psychisch am Ende, sagt Micheel, die lange im Obergeschoss bei ihren Eltern gelebt hat und nach dem Erbe ins Erdgeschoss gezogen ist. Inzwischen würde gern die Tochter einziehen, das Obergeschoss mieten. Aber das Risiko für sie und ihre beiden kleinen Kinder sei zu groß. An Vermietung ist nicht zu denken, die Rente ist gering, das Geld knapp.

Schon vor dem Beginn der Bauarbeiten, am 27. März 2012, war ein Gutachter vom Landesbetrieb für Straßenbau und Verkehr vor Ort, um „eine Bestandsaufnahme zu machen“, wie sich Micheel erinnert: „Für das Beweissicherungsverfahren, hat er damals gesagt.“ Das Gutachten zur Einsturzgefahr interessierte ihn nicht. Auch sonst habe sich keiner gekümmert. Dann kamen die großen Maschinen.

Erst eine Beschwerde brachte ein wenig Bewegung in den Fall. Das Resultat: An einem Fenster wurde ein Messgerät installiert, dass die Schwingungen aufzeichnen sollte. Bei einem weiteren Ortstermin Ende Januar erschienen Vertreter von Straßenbaubetrieb und Gutachter. Sieben Experten, die laut Micheel zum Teil sehr unfreundlich waren und auf nachfragen auswichen. Einzige Folge: An das Messgerät wurde zusätzlich eine Warnleuchte angeschlossen, die zu starke Erschütterungen signalisieren soll. „Bisher hat sie nicht geleuchtet“, sagt Micheel. „Aber selbst wenn, da guckt doch sowieso keiner hin. Das merken die dann erst, wenn das Haus zusammenbricht.“

Beim Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr ist das Problem bekannt. „Wir wissen, dass das Haus in keinem guten Zustand, aber standsicher ist“, erklärt Iris Dautwiz vom Landesbetrieb. Das habe ein Gutachten belegt, dass die Behörde vor Beginn der Arbeiten in Auftrag gegeben hatte. Der Abstand zur Baustelle sei dabei nicht als Problem empfunden worden. Dennoch habe man aus Sicherheitsgründen Warnsensoren installiert, die den Baustellenleiter per Kurznachricht auf dem Handy warnen. „Er muss dann im Einzelfall entscheiden, ob die Bauarbeiten ursächlich sind und pausieren müssen“, so Dautwiz. Auf jeden Fall sei der Landesbetrieb für das Problem sensibilisiert und werde weiter offen für Sorgen sein.

Micheel bangt weiter. Guckt ängstlich aus dem Fenster, wenn sich die schweren Baumaschinen näheren. Aber sie hat einen Anwalt eingeschaltet. Der hat die Behörde auf alle Sicherheitsbedenken und die Befürchtung der Entstehung möglicher Schäden am Haus und an Leib und Leben hingewiesen. Zudem wurde „nachdrücklich und sicherheitshalber eine vorläufige Einstellung der Baumaßnahmen und die notwendige Sicherung des Gebäudes gefordert“. Ellen Micheel will die Sache klären, am liebsten verkaufen. Und eines weiß sie ganz bestimmt: 15 Jahre klagen, dass will sie nicht.

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