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Heimatforschung : Detlefsen – Forscher und Pädagoge

vom
Aus der Redaktion der Glückstädter Fortuna

Vorträge zum 100. Todestag jetzt als Buch erschienen – über einen Mann, der Glückstadt geprägt hat und der für seine Arbeit lebte

Es ist ein edel eingebundenes Schmuckstück: Das Buch mit den Vorträgen zu Ehren von Detlef Detlefsen. Der Titel lautet „Detlefsen zum 100. Todestag – Ein Colloquium der Detlefsen-Gesellschaft Glückstadt“. Drei Jahre nach der ganztägigen Zusammenkunft vom 24. September 2011 im Brockdorff-Palais legt die Detlefsen-Gesellschaft die Sammlung der Fachvorträge vor. Herausgeber sind der jetzige und der frühere Vorsitzende, Christian Boldt und Dr. Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt.

Im Vorwort schreiben sie: „Wir wünschen, dass auch mit der vorliegenden Publikation die Erinnerung an den großen Mitbürger Prof. Dr. Detlefsen wachgehalten wird und dass sein Engagement für seine Stadt Glückstadt, aber auch für die Erforschung der Geschichte der Holsteinischen Elbmarschen Nachfolger findet. Damit würde seinem Vermächtnis am ehesten entsprochen!“

Das Colloquium war für Glückstadt ein kulturelles Großereignis mit überregionaler Bedeutung, an dessen Ausgestaltung sich außer der Detlefsengesellschaft mit einer Anthologie „Detlefsen – Ein Glückstädter Lesebuch“ auch das Detlefsengymnasium mit einer Theateraufführung „Der Aufsatz“ beteiligte. Zudem gab es die einführende Sonderseite „Ein Mann prägt Glückstadt“ in unserer Zeitung.

Die Vortragenden waren Dr. Catharina Berents (Museumsdirektorin), Prof. Dr. Rüdiger Joppien (ehemals Custos des Kunst- und Gewerbemuseums Hamburg), Norbert Meinert (Vorsitzender des Vereins der Freunde und Förderer des Detlefsenmuseums), Prof. Dr. Wilt Aden Schröder (klassischer Philologe mit Schwerpunkt Geschichte der klassischen Philosophie, Hamburg), Dr. Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt (Archivoberrat am Staatsarchiv Hamburg) und Dr. Axel Behne (Archivoberrat, Archivar des Landkreises Cuxhaven, Kranichhaus Otterndorf, Vorsitzender der Hermann-Allmers-Gesellschaft).

Dr. Catharina Berents ging der Frage nach, was den Altphilologen und Archäologen Detlefsen bewog, „Alterthümer“ der Elbmarschen zu sammeln und ein Museum zu gründen. Über Einzelheiten liegt seit Kurzem eine handschriftliche eigene Darstellung Detlefsens aus dem Nachlass eines Regierungsbeamten dazu vor. Die Referentin arbeitete persönliche Motive Detlefsens und das kulturpolitische Ziel heraus, regionale Identität zu schaffen.

Als Ratgeber und praktische Helfer bei Aufbau und Präsentation der ersten Ausstellung „Unter den Linden“ – heute Parkplatz gegenüber dem Klinikum – stellte sie Detlefsens jüngere Kollegen Otto Lehmann und Justus Brinckmann vor, die gerade damit beschäftigt waren, sehr bedeutende Museen aufzubauen: das Altonaer Museum und das Kunst- und Gewerbemuseum Hamburg. Mit Lichtbildern demonstrierte sie die Präsentationsarten späterer Epochen und erklärte ihr eigenes heutiges Konzept.

Den folgenden Redner, Rüdiger Joppien, sozusagen Brinckmanns später Nachfolger, beschäftigte ihre Vermutung, das Museum für Kunst und Gewerbe habe Detlefsen als Vorbild gedient. Dies verneinte er nach vielen interessanten Vergleichen zwischen Personen und Verhältnissen. Er schreibt: „Das Museum seiner (Brinkmanns) Vorstellung sollte Geschmacksbildung betreiben und der Verwilderung der Stile entgegentreten. Detlefsens Ambitionen zielten vor allem darauf ab, gefährdete Zeugnisse einer untergehenden bäuerlichen Kultur zu retten und diese in Erinnerung zu halten.“

Dr. Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt sprach über „Detlefsen als Regionalforscher“, dessen Arbeit weit in die Landesgeschichte hineinstrahlt. Er urteilt über den zweiten Lebensabschnitt des Gelehrten in Glückstadt: „Gerade Detlefsens Hinwendung zur Orts- und Regionalgeschichte ist als Glücksfall zu bezeichnen. Seine wissenschaftlich-kritische Ausbildung und praktische Schulung, sein überregionaler Weitblick und seine relative lokale Vertrautheit – auch und gerade seine mühelose Beherrschung der plattdeutschen Sprache – lassen ihn für eine solche Arbeit prädestiniert erscheinen.“


Detlefsen als Pädagoge


Norbert Meinert betrachtet „Detlefsen als Pädagogen“. Aus vielen verstreuten Quellen: Schulakten, Schul-Traueransprache, Erinnerungen ehemaliger Schüler und Detlefsens eigenen Äußerungen im „Briefwechsel Allmers-Detlefsen“ hat er ein anrührendes Gesamtbild über Detlefsens pädagogische Sendung in Brotberuf und Kommunalpolitik destilliert. Ein mit Arbeit übermäßig belastetes Leben wurde mit kollektiver Verehrung belohnt.

Über viele Jahrzehnte wurde Detlefsen in Glückstadt fast ausschließlich als Gymnasialdirektor und Marschenforscher wahrgenommen. Seine geistige Prägung in Rom als junger Mitarbeiter am Deutschen Archäologischen Institut auf dem Kapitol, sein Wirken als Pliniusforscher, Topograf und Inschriftenforscher für Altlatein im Dienste des berühmten Althistorikers Theodor Mommsen waren in Glückstadt nie ein Thema. Damit beschäftigte sich Professor Dr. Wilt Aden Schröder in seinen Aufführungen über „Die klassisch-philologischen Studien des Gymnasialdirektors Detlef Detlefsen“. Er verriet etwas aus Detlefsens erstem Lebensabschnitt. Schröder stellte die Altertumswissenschaften als Mittelpunkt und Grundlage aller gelehrten Studien vor, die fast religiösen Stellenwert hatten. Detlefsens Hauptarbeit galt der 77 nach Christus entstandenen „Naturalis Historia“ des Gaius Plinius Secundus. Es ist die älteste überlieferte Enzyklopädie zu 37 Büchern, in denen das gesamte Wissen der damaligen Zeit noch ohne Klassifizierung wie Geographie, Zoologie, Botanik zusammengefasst ist. Gegenstand der Forschung Detlefsens war erstens, die Schriften des Plinius mit den vom Autor selbst angegebenen Quellen zu vergleichen. Da Plinius ein geschulter Rhetor war und auf Kosten der Genauigkeit die geistreiche Überspitzung liebte, war sein Mammutwerk eine Mischung aus Fachbuch und Literatur.

Zweitens bemühte sich Detlefsen, später entstandene Abschriften von Plinus Werk – sie sind im Laufe der Jahrhunderte in alle oberitalienischen Bibliotheken gelangt – zu registrieren. Er hinterfragte ihre Herkunft und prüfte sie auf Richtigkeit und Vollständigkeit. Seine Forschungsergebnisse der römischen Jahre arbeitete er in seiner Freizeit auf, die der Gymnasialdirektor und Kulturpolitiker in Glückstadt kaum hatte.


Detlefsen als Forscher


Besonders viele Pliniusforscher sollen Gymnasiallehrer gewesen sein, die wetteiferten, Texte zu erschließen und durch Kommentare und erläuternde Schriften für Wissenschaft und Schulgebrauch zu ergänzen. Detlefsens sechsbändige Ausgabe (1866 bis 1882) wurde 1892 bis 1909 schon von der nächsten durch Karl Mayhoff überholt, doch empfahl die Fachwelt, sie beide gleichzeitig zu benutzen.

Detlefsens bleibendes Verdienst ist es, die Quellenanalyse von Handschriftenmassen als Erster systematisch betrieben und damit allen Nachfolgern die Arbeit der Textpräzisierung erleichtert zu haben. In Martin Schanz´ „Geschichte der römischen Literatur“ kommt sein Name fast auf jeder Seite vor. Die Nachhaltigkeit der Arbeit Detlefsens umriss der Referent mit dem Zitat von Josef Parsch, eines Vertreters der historischen Geographie: „Wenn ich auch … andere Wege einschlagen möchte, kann ich doch nicht unterlassen, die Fülle scharfsinniger Forschung, die in Detlefsens einschlägigen Werken niedergelegt ist – die kritische Feststellung der Texte, die feine Entwicklung zahlreicher Einzelfragen und die tiefgründige Durcharbeitung des ganzen Stoffes – bewundernd hervorzuheben.“ Der Druckversion seines Vortrags fügte Schröder eine zehnseitige „Bibliographie der klassisch-philologischen Werke und Schriften Detlefsens“ sowie einen Kurzlebenslauf an.

Detlefsen war ein Gelehrter, dem sich zu Zeiten der Eingliederung Schleswig-Holsteins in Preußen nach dem Krieg von 1864 keine freie Stellung im Universitätsbereich bot. Er blieb wohl auch in Glückstadt, weil er sich verpflichtet fühlte, seinen Mitbürgern den Umschwung verkraften zu helfen, und führte als Kulturpolitiker allererste Strukturen der Volksbildung ein. In Briefen klagte er oft, für seine Lieblingstätigkeit „Collationieren“ habe er in der Kleinstadt keinen verständnisvollen Gesprächspartner, so dass er sich recht einsam fühle.

Humorvoll beendete Axel Behne die Vortragsreihe mit dem Thema „Detlefsen und seine Freundschaft zu Hermann Allmers“. Zwei Männer, die gegensätzlicher nicht sein können – der „norddeutsche Verstandesmensch“ und ein Exzentriker. Detlefsens Reisegefährte Allmers in Rom war Dichter, Kulturpolitiker und Großbauer in Rechtenfleth an der Weser. Viele Briefe und einige Besuche gingen hin und her, Grund für den Referenten, seine Zuhörer nach Rechtenfleth einzuladen. Die Detlefsen-Gesellschaft und die Museumsfreunde besuchten Dr. Behne im Jahr darauf und warfen im „Allmersheim“ einen Blick auf Allmers´ großes Rom-Panorama vom Fenster des Archäologischen Instituts aus. Die Bleistiftzeichnung hatte der Künstler für Detlefsen erstellt. Um 1975 war sie von der Detlefsen-Gesellschaft aus dem Lehrerzimmer des Gymnasiums nach Rechtenfleth zurück gebracht worden.

>Der hübsche Sammelband mit den Fachvorträgen zu Detlefsens 100. Todestag kostet 20,90 Euro im Handel. ISBN 978-3-7397-77959.

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