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Norddeutsche Rundschau

19. Oktober 2017 | 00:29 Uhr

Gesellschaft : Der Trend geht zum Urnengrab

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Schneller Wandel in der Bestattungskultur verändert die Anforderungen an den Friedhof

von
erstellt am 24.Feb.2015 | 04:48 Uhr

Grauer Himmel, ein ungemütlicher Tag. Pastor Christian Krause steht vor den Urnenstelen auf dem Friedhof Brunnenstraße. Sie sind voll belegt. Ein Stück entfernt ein noch recht neues Angebot: Urnenwände. 15 der 60 Fächer für je zwei Urnen sind verkauft. An solchen baulichen Veränderungen zeige sich deutlich der Wandel der Friedhofskultur, sagt der Pastor und Geschäftsführer des Friedhofswerks.

300 bis 400 Bestattungen gibt es Jahr für Jahr an der Brunnenstraße. Immer häufiger kommen dabei Urnen zum Einsatz – der Anteil liege bei 70 Prozent, so Krause. Der Friedhof sei gezwungen, sich in Struktur und Angebot anzupassen. Das heißt: Flächen, die noch mit Gräbern belegt sind, werden über die Jahre frei und bekommen womöglich eher Parkcharakter. Der Friedhof sei nicht nur ein Ort für Verstorbene, sondern auch grüne Lunge der Stadt, ein Platz der Ruhe, des Besinnens – und des Abkürzens. Viel wird dafür getan, die historische Gestaltung wieder sichtbar zu machen. Bäume und Sichtachsen werden freigelegt, konkrete Pläne gebe es, besondere Bäume zu pflanzen, so Krause. Wer sich beteiligen will, sei willkommen.

Den Friedhof zu verändern, ist ein langer Prozess, auch aus finanziellen Gründen. Der Wandel aber vollziehe sich schnell. Möglichst wenig Pflege sollen die Gräber verursachen, denn die Menschen wollten ihren Hinterbliebenen nicht zur Last fallen. Diese seien oft nicht vor Ort, nicht willens oder nicht in der Lage, für die Bestattung und danach viel auszugeben, so Krause. Dann falle die Wahl gern auf eine anonyme Bestattung – ein Missverständnis, wie der Pastor betont. Selbst bei einem Rasengrab sei eine Platte möglich.

Beraten, Kommunizieren, den Willen klären, das sei ganz entscheidend. Ziel sei dabei auch, die Tradition zu stärken. Und das heißt: Erdbestattung. „Unbedingt wichtig“ sei diese Form, „sie gehört zur traditionellen Entwicklung kirchlicher Bestattungskultur“, sagt Krause. Aus der Erde genommen, zur Erde werden, das sei etwas anderes als der Eingriff mit der Feuerbestattung. Auch dagegen spreche aber aus kirchlicher Sicht nichts, es sei kein zweitklassiger Weg, so Propst Thomas Bergemann. Es sei aber schön und empfehlenswert, wenn Menschen sich der Tradition bewusst seien: „Ich weiß genau, dass ich eine Erdbestattung haben werde.“

„Überzeugung durch Einsicht“ ist Krauses Ziel. Und jede Entscheidung für eine Art der Bestattung habe Konsequenzen, betont Bergemann. Eine anonyme Beisetzung der Großmutter könne ein Problem für die Enkel sein. Oder die Gestaltungsfreiheit: Beim Urnengrab ist wenig möglich, auch wenn sich nicht jeder daran hält. Eine stark nachgefragte Lösung ist ein Baumgrab. 35 Bäume sind bisher dafür an der Brunnenstraße vorgesehen, 80 auf dem Waldfriedhof. Gibt es Menschen, die nachträglich die Bestattung ändern? „Gar nicht wenige“, sagt Krause. Ein Ort zum Trauern, eine Möglichkeit, etwas abzulegen, sei wesentlicher Teil der Trauerarbeit: „Daraus spricht der Wunsch eines Übergabe-Rituals.“ Das verändere sich kaum – und das ist ein Problem, weil sich sonst vieles wandelt.

Der letzte Weg kann teuer sein: 3750 Euro für ein Fach in der Urnenwand sind mehr als der dreifache Preis für ein Erdgrab und fast das Fünffache eines Urnengrabs. Dennoch: „Unter dem Strich ist es eine günstige Lösung“, sagt Krause. 20 Jahre beträgt auch hier die Ruhefrist, dann können die Nutzungsberechtigten, so der offizielle Titel, die Grabstelle wieder erwerben oder, so das Gesetz, die Urne „in würdiger Weise der Erde übergeben“. Was das heißen kann, weiß Krause bisher nicht: „Es gibt noch keine Erfahrungswerte, weil sich die Bestattungskultur so schnell entwickelt.“

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