zur Navigation springen

Keine Hilfe von der Kasse : Der teure Weg zum schönen Kopf

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Asymmetrie bald nach der Geburt: Helmtherapie hilft der kleinen Lina Marie, doch die Kosten muss die Familie selbst tragen.

von
erstellt am 11.Apr.2014 | 05:00 Uhr

Itzehoe | Ruhiges Liegen ist nicht ihr Ding. Lina Marie ist ein lebhaftes Mädchen – und ein gesundes. Dabei hat das im August 2013 geborene Kind ihren Eltern Ann-Kathrin Heeschen und Mirko Soukup (beide 23) aus dem Holunderweg noch vor kurzem viele Sorgen gemacht. Eine Therapie schlug an. Nun aber gibt es Ärger um die Kosten.

Lina Marie war erst wenige Wochen alt, da merkte ihr Kinderarzt, dass sich der Schädel auf der hinteren rechten Seite verformte. Krankengymnastik half nicht, Osteopathie auch nicht. Konsequent wurde das Baby auf der richtigen Seite gelagert: „Mein Lebensgefährte und ich sind sogar jede Nacht an ihrem Bett gewesen, weil wir unruhig waren, ob sie sich nicht doch wieder auf die rechte Seite gedreht hatte“, schildert Ann-Kathrin Heeschen. Doch es wurde schlimmer, eine leichte Asymmetrie im Gesicht war schon zu sehen.

Die Eltern fuhren mit Lina Marie zur „Helmsprechstunde“ im Kieler Universitätsklinikum. Die Ärzte rieten dringend zu einer Kopforthese – einer neuen Therapie, bei der ein maßgefertigter Helm die Kopfform in die richtigen Bahnen lenkt. Zwar war klar, dass nicht jede Kasse die Behandlung zahlt, aber die Eltern entschieden sich dafür: „Wir wollten alles versuchen, damit Lina Marie keine seelischen Schäden bekommt, wenn sie später im Kindergarten oder in der Schule zum Spott der anderen Kinder wird“, so die Mutter.

Kurz vor Weihnachten bekam das Baby seinen Helm, 23 Stunden am Tag musste es ihn tragen. „Sie hat ihn gut angenommen, als habe sie ihn gar nicht gehabt.“ Vier bis sechs Monate Therapie waren geplant, aber nach drei Monaten reichte es bereits. Der Abschlussbericht des Uni-Klinikums bestätigt eine „schöne Kopfform“, und auch Ann-Kathrin Heeschen stellt erleichtert fest: „Jetzt hat sie ein ganz normales Köpfchen.“

Gekostet hat das gut 1800 Euro. Viel Geld für die Arzthelferin, die nach einem Jahr Babypause stundenweise wieder einsteigen will, und ihren Lebensgefährten, der als Kundenberater für einen Stromanbieter im Callcenter arbeitet. Seine Eltern sprangen ein: „Warum sollen die einen Kredit aufnehmen?“, sagt Hartmut Soukup (58). „Da haben wir alles zusammengeschmissen.“

Denn von der Krankenkasse kam kein Geld, zur Enttäuschung von Ann-Kathrin Heeschen: Bewusst sei sie zur Novitas BKK gewechselt, weil sie Gutes gehört habe. „Wenn es dann wirklich um etwas geht, kriegt man die Ablehnung.“ Die Begründung der Kasse: Die Kopforthese sei eine „neue Untersuchungs- und Behandlungsmethode“ und noch nicht vom Gemeinsamen Bundesausschuss positiv bewertet worden. Daher gehört sie nicht zum Leistungskatalog. Das Wachstum des Schädels setze sich fort bis zum 15. bis 17. Lebensjahr, bei Lina Marie liege eine „kosmetische Störung der Schädelasymmetrie“ vor, keine Krankheit. Es gebe auch derzeit keinen wissenschaftlichen Nachweis für einen Vorteil der Helmtherapie gegenüber anderen Behandlungen, auch wenn eine Besserung im Einzelfall nicht in Abrede gestellt werde. Dem kann Ann-Kathrin Heeschen wenig abgewinnen: „Als Mutter muss ich also darauf hoffen, dass sich bis zum 17. Lebensjahr meiner Tochter alles zum Guten wendet und keine Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsverzögerungen auftreten, nur weil derzeit der wissenschaftliche Nachweis fehlt?“

Der Satz steht in ihrer Klage, die gerade beim Sozialgericht eingereicht wurde. Zwar scheint die Rechtslage eindeutig: „Sie müssen nicht zahlen, das ist Fakt“, sagt Hartmut Soukup. Trotzdem will die Familie die gerichtliche Klärung, nachdem sich auch die Hoffnung auf eine Einzelfallentscheidung nicht erfüllt hat. Andere Kassen hätten sie getroffen – und auch Harald Stollmeier, Sprecher der Novitas BKK, hat „viel Verständnis für betroffene Eltern“, denn sie seien das schwächste Glied in der Kette. Die Kasse tue, was sie könne, aber nicht, was sie nicht dürfe. Im November schrieb das Bundesversicherungsamt den Kassen, dass bei einer Helmtherapie die Kostenübernahme „regelmäßig für nicht zulässig“ gehalten werde. Das war noch vor dem Antrag für Lina Marie – seit diesem Brief sei der Maßstab extrem streng geworden, so Stollmeier. Letztlich gebe es ein öffentliches Interesse daran, dass die Wirksamkeit von Kopforthesen medizinisch geklärt wird.

Für Ann-Kathrin Heeschen ist der Fall klar: Spätfolgen für ihre Tochter seien vermieden worden. „Sonst würden die Kosten im Nachhinein viel, viel höher werden.“

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen