Der Smartphone-Verräter

Vortrag mit „Max“ und „Lisa“: Moritz Becker zeigt ebenso anschaulich wie unterhaltsam, was für Jugendliche wichtig ist.
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Vortrag mit „Max“ und „Lisa“: Moritz Becker zeigt ebenso anschaulich wie unterhaltsam, was für Jugendliche wichtig ist.

Moritz Becker erklärt Eltern, wie der Nachwuchs am Handy wirklich tickt

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29. Mai 2018, 05:00 Uhr

Positive und negative Aspekte dieser Entwicklung beleuchtet unsere Serie. Heute: Viele Erkenntnisse für Erwachsene im Haus der Jugend.

Bobbycar, Fahrrad, Auto, Jumbojet. So sieht Moritz Becker, leicht überspitzt, die Karriere des Menschen als Verkehrsteilnehmer. Dagegen bei Medien: Lange gar nichts – und dann in der fünften Klasse das Smartphone mit reichlich Datenvolumen. Der Jumbojet, von jetzt auf gleich. Wieder ein Aha-Effekt beim Vortrag des Eltern-Medien-Trainers. Kreisgesundheitsamt und Kinder- und Jugendbüro der Stadt haben den Experten vom Verein Smiley aus Hannover eingeladen, der Saal im Haus der Jugend ist sehr gut gefüllt.

Becker und seine Kollegen besuchen oft Schulklassen. Was er dort höre, erzähle er abends den Eltern. Seine Aufgabe sei es nicht zu sagen, was gut oder schlecht ist. Der Schnellsprecher informiert auf höchst unterhaltsame Art – „und Sie denken!“

Zum Beispiel bei dieser Frage: Ist die Welt heute wirklich anders? Neugierde und Unbekümmertheit seien dem Nachwuchs geblieben. Ebenso das Bedürfnis nach Anerkennung, wenigstens aber Aufmerksamkeit. „Soziale Netzwerke spielen genau mit diesen Bedürfnissen“, sagt Becker. Also im Zweifel im Netz lieber negativ auffallen durch böse Kommentare als gar nicht.

„Es ist egal, was andere von einem denken“ – aus Sicht des Experten ein „sehr dummer Satz“. Anerkennung gibt es durch „Likes“, also „Gefällt-mir“-Angaben für das, was im Internet veröffentlicht wurde. Und die ersten 30 kämen von den eigenen Freunden, so Becker. Die beruhigende Erkenntnis: Das zeige ein stabiles soziales Umfeld. Auf der anderen Seite gilt: „Die gleiche Energie, die die Beliebten stabilisiert, ist die, die die Unbeliebten gnadenlos vorführt.“ Versuchen sie, mit einem Beitrag viele Likes zu erhaschen, kann es böse ausgehen.

In der Realität habe jeder das Recht, nicht bloßgestellt zu werden, sagt Becker. Das müsse auch im Internet gelten – oft ist es aber nicht so. Schuld seien dann jedoch die, die andere beleidigten. Das sollten Eltern ihren Kindern, wenn diese betroffen seien, vermitteln und sie nicht etwa kritisieren für das veröffentlichte Bild: „Das ist wie ein Messer im Rücken von jemandem, der eine Umarmung braucht.“

Becker hat zwei Töchter im kritischen Alter, und er gibt zu: Er sage ihnen häufiger, was ihm nicht gefalle, als andersherum. Dabei lernten sie eher durch Erfolg und positive Verstärkung. Irgendwann werde nicht mehr gefragt, Verbote oder Sperren seien immer zu umgehen, und Pubertät sei ein permanentes Ausprobieren: „Wir Eltern können unsere Kinder im Internet nicht kontrollieren.“

Also lieber dafür interessieren, was sie dort tun – was früher für gemeinsame Zeit das Tierkinder-Memory gewesen sei, das seien heute Minecraft oder Dienste und Netzwerke wie Whatsapp, Instagram und Snapchat. Diese sind längst ein Stressfaktor: „Wir machen alles wie vorher – und das kommt noch dazu.“ All diese Zeit am Handy, das sorgt für Ärger in Familien. Becker dreht die Frage um: Kommen wichtige Dinge wie Schule, Freunde oder Sport zu kurz? Ein Vorschlag für einen positiven Satz: „Genieße die Stunde jetzt vor den Hausaufgaben und dem Training.“

Neugierde, Unbekümmertheit, der Wunsch nach Anerkennung, die Mechanismen seien uralt. Und die Sorgen der Eltern auch, denn für die ersten Versuche auf dem Rad wie den Kontakt mit dem Smartphone gelte: „Jeder wird sich verletzen.“ Dann gelte es, da zu sein und aufzufangen. Die heutigen Eltern müssten ihre Wege finden, denn sie hätten als erste Erwachsenengeneration damit zu tun: „Wir sind die Pioniere!“

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