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Flüchtlinge : Der nächste Schritt in ein neues Leben

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Ein Flüchtling erzählt von seinen Gefühlen beim Auszug aus dem Camp Itzehoe – und warum er zurück nach Syrien will

shz.de von
erstellt am 21.Dez.2015 | 17:02 Uhr

Als die Tür des Camps Itzehoe hinter ihm ins Schloss fällt, dreht sich Ayman Albeda nicht um. Mit seinem achtjährigen Bruder Omar geht der
23-Jährige zum Bus der Johanniter, der ihn zur Ausländerbehörde des Kreises bringen wird. „Auf der einen Seite bin ich froh, dass wir hier weg können – auf der anderen Seite habe ich hier viel erlebt“, sagt der junge Syrer und setzt seinen Rucksack auf.

Nur den und die Sachen, die er auf dem Leib trug, hatte er vor drei Monaten dabei, als er ins Camp Itzehoe einzog. Jetzt zieht er immerhin einen Rollkoffer hinter sich her, sein Bruder hat eine Einkaufstasche in der Hand. Heute ziehen sie um, wie die letzten verbliebenen Flüchtlinge im Camp, das morgen über die Feiertage geschlossen wird. „Alle Flüchtlinge sind auf Kreise und Kommunen verteilt, wir haben eine Pause zum Durchschnaufen“, sagt Campleiter Lars Bessel, der die Brüder begleitet – auf ihrem Schritt in ein anderes Leben.

Ayman und Omar gehen den Weg, den viele hundert Bewohner des Camps vor ihnen gegangen sind. Zuerst zur Ausländerbehörde des Kreises, wo Albeda der erste Flüchtling ist, der heute auf dem Flur steht. „This paper is important“, sagt Integrationsbeauftragte Michelle Denker und reicht ihm die Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender. Die freundliche Frau erklärt den Syrern, wie sie ihr künftiges Leben organisieren können. Sie drückt ihnen Faltblätter in die Hand, nennt Adressen von Ärzten und wo Deutschkurse veranstaltet werden. Und Michelle Denker tippt auf eine Kreiskarte, zeigt Ayman, wo seine neue Wohnung liegt – in Neuenbrook.

Doch bevor sie einziehen, müssen die Syrer zum Amt Krempermarsch. Dort bekommen sie von Mitarbeiter Thomas Tietjens ein wenig Geld für die nächsten Tage und erfahren nebenbei, dass die Läden über die Feiertage geschlossen sind. „Brauchen Sie Hilfe beim Übersetzen? Ich habe das im Camp gemacht, und ich habe jetzt viel Freizeit“, fragt ihn Albeda. Und er sagt den Satz, den er auch Lars Bessel an seinem ersten Tag in Itzehoe gesagt hat: „Ich möchte helfen, so wie ihr uns geholfen habt, als wir hierher kamen.“ Thomas Tietjens will es sich überlegen.

Während der Bus Richtung Neuenbrook rumpelt, erzählt der junge Syrer in groben Zügen die Geschichte seiner Flucht. Wie die Bomben fielen in seiner Heimatstadt Damaskus, wie er immer mehr Angst bekam vor der Regierung Assad. Wie seine Familie floh, weil der Vater den Mitarbeitern der Vereinten Nationen schilderte, was Truppen in seinem Stadtteil angerichtet hatten – und weil Ayman zur Armee sollte. Wie sie in Jordanien Fuß fassen wollten, aber keiner ihnen eine Arbeit gab. Wie er, seine Eltern und seine vier Geschwister beschlossen, sich aufzuteilen, um auf verschiedenen Wegen ihr Glück zu suchen. Wie er und Omar von der Türkei in einem kleinen Boot mit 45 anderen Flüchtlingen nach Griechenland übersetzten und er schon mit dem Leben abgeschlossen hatte. Wie er in Itzehoe ankam und drei Monate lang mit 500 wildfremden Menschen im Camp in einem Raum schlief. Wie er sich als Übersetzer anbot und Menschen sagen hörte, dass sie aus Syrien kämen – und er an der Sprache doch erkannte, dass sie nicht seine Landsleute sind und das nur sagen, um länger bleiben zu können.

„Manche wollen nur Geld und Sicherheit in Deutschland – ich will lernen“, sagt Ayman. Deswegen hat er im Camp mitgearbeitet – so gut, dass ihm Lars Bessel einen Job im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes besorgt hat. Wenn alles gut geht, wird Albeda am 4. Januar wieder im Camp sein, wenn neue Flüchtlinge in die Container einziehen. Ein bisschen Geld wird er verdienen – und ein bisschen mehr Hoffnung bekommen, dass er seine Eltern und seine Geschwister, die jetzt in Jordanien, Ägypten und dem Libanon sind, nach Monaten der Trennung wiedersehen kann. „Wo, ist mir egal, Hauptsache wiedersehen“, sagt er.

Zunächst ist seine Heimat aber eine Einliegerwohnung in Neuenbrook. Albeda steht mit seinem Bruder vor dem Haus, die Vermieterin spricht kein Englisch, erzählt ihm aber, dass der Bus nach Itzehoe dreimal am Tag fährt. Albeda sieht auf die A 23, die in Sichtweite verläuft, geht dann in seine Wohnung. Er und sein Bruder haben zwei Zimmer, Küche, Bad. Es ist alles ordentlich, die Wände sind vertäfelt, die vielen Kissen haben einen Kniff in der Mitte. „Alles gut“, sagt der Syrer – besser als im Camp.

Trotzdem bedauert er, dass es über die Feiertage geschlossen ist. Dort hatte Albeda eine Aufgabe, er wurde gebraucht. Jetzt blickt er auf einen kleinen Schreibtisch, der im Zimmer seines Bruders steht. „Da kann ich lernen“, sagt Albeda. In Syrien hat er Tourismus studiert. Eigentlich wollte er das auch in Deutschland. Doch das hat sich in den vergangenen Monaten verändert. „Ich will lernen, wie man Wohnungen baut“, sagt Ayman Albeda. „Denn irgendwer muss unser Land ja wieder aufbauen – irgendwann.“

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