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Interview : „Der nächste Fall ist immer der wichtigste“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Spektakuläre Straftaten und die Sisyphusarbeit der Kriminalpolizei: Ein Rückblick mit dem langjährigen Leiter der Itzehoer Mordkommission Siegfried Lindhorst.

Herr Lindhorst, Sie sind seit drei Jahren im Ruhestand. Kribbelt es da noch in den Fingern, wenn Sie in der Zeitung von Tötungsdelikten lesen?
Lindhorst: Nein. Das Gefühl von damals, in der Verantwortung zu stehen, ist einem Gefühl der Freiheit gewichen.

Sie waren zwanzig Jahre Leiter der Mordkommission: Können Sie sich eigentlich noch an Ihren ersten Fall erinnern?
Ich war auch in den Jahren davor schon Mitglied der Mordkommission. Mein erster Fall war 1977 ein Mord in Brokstedt. Der Täter hatte seinen Wohnungsnachbarn umgebracht. Schon bei seiner ersten Vernehmung sagte er: ‚Ich wollte sein Geld. Ich bin ein Raubmörder.‘ Auch vor Gericht ging es ganz schnell. Ein Verhandlungstag. Er war 28, bekam lebenslänglich. Als verantwortlicher Leiter für die Mordkommission hatte ich gleich zu Anfang das Glück, mit meinem Team einen Altfall lösen zu können. Damals war gerade das neue AFIS-System (zum Abgleich von Fingerabdrücken; d.Red.) eingeführt worden. Das System identifizierte den Täter für einen Doppelmord. Das war ein schöner Einstand.


In Ihrem Beruf hatten Sie es eigentlich nur mit den Niederungen menschlichen Daseins zu tun. Bekommt man als Pensionär so etwas eigentlich wieder aus dem Kopf raus?
Wir arbeiteten immer im Team und haben dort alles frühzeitig besprochen. Das Gespräch mit den Kollegen bewirkte, dass man Belastendes nicht lange mit sich herumschleppen musste.
 

Bei Ihrer Verabschiedung vor drei Jahren wurde aufgelistet, dass 148 vollendete Mord- und Totschlagsfälle und ebenso viele Versuche über Ihren Schreibtisch gegangen waren. Was waren die Spektakulärsten?
Immer der Nächste. Das war immer auch erst einmal der wichtigste Fall. Richtig spektakulär war für uns natürlich der Scheller-Mord. Der spielte im Rotlicht-Milieu. Es gab sehr viele und schwierige Vernehmungen und ein sehr langes Gerichtsverfahren. Und natürlich der Mordfall Steinbrenner im Sommer 1999. Es dauerte fünf Wochen bis zur Festnahme eines Täters. Ein Neunzehnjähriger aus Hamburg. Das war auch der erste Täter, den wir aus der DNA-Datenbank angezeigt bekamen, weil seine DNA wegen einer Vergewaltigung registriert war. Danach haben wir rund zweihundert Personen aus dessen Umfeld überprüft. Da waren zum Teil Hochkriminelle dabei. Ein weiterer Tatverdächtiger konnte so identifiziert werden. Jahre später standen für den Fall noch einmal vier Leute vor Gericht. Sie wurden allesamt freigesprochen – die Beweise reichten nicht für eine Verurteilung.

Und was ging Ihnen persönlich immer besonders nahe?
Serientäter. Das war eine schlimme Vorstellung, dass einer das wieder macht und wir nicht rechtzeitig da waren. So etwas ist wie ein schwerer Klotz am Bein, eine echte Belastung. In Itzehoe gab es einen Fall, der gar nicht groß an die Öffentlichkeit geraten ist. Eine Frau war überfallen worden. Der Täter ließ wohl nur deshalb von ihr ab, weil sie sich tot gestellt hatte. Wochen zuvor hatte es eine ähnliche Tat gegeben. Als eine der wenigen Spuren hatten wir ein Auto vom Typ Astra, einen Kombi. Die haben wir alle überprüft. Sie glauben gar nicht, wie viele Astra-Kombi es damals im Kreis gab. Gut 1800 waren es. Alle Halter wurden zeitnah überprüft. Bei einer Kontrolle am Ortseingang von Itzehoe hatten wir ihn dann.


Immer wieder hört man, dass die Justiz oft zu gnädig mit Straftätern umgeht. Sind aus Ihrer Sicht die aufgeklärten Taten ausreichend gesühnt worden?
Ich habe das eigentlich immer so empfunden: Ich bin für meinen Bereich verantwortlich, die Justiz für ihren. Die Urteile, die dabei herauskamen, habe ich immer akzeptiert. Im Großen und Ganzen war das schon ok.

Die Aufklärungsquote Ihres Teams lag so bei neunzig Prozent. Können Sie rückblickend mit Ihrer Arbeit also zufrieden sein?

Zufrieden kann man nicht sein, wenn es nicht bei einhundert Prozent liegt. Deshalb haben wir uns immer wieder um Altfälle gekümmert. Die waren nie tot. Auch heute nicht. Mord verjährt schließlich nie.

Zur Überraschung vor allem der Täter werden heute dank moderner Kriminaltechnik auch immer wieder mal lange zurückliegende Fälle aufgeklärt. Meinen Sie, da kommt aus den Schubladen noch einiges zum Vorschein?
Die Hoffnung habe ich. Auf dem Gebiet wird sich sicher noch einiges tun. Ich bin auch sehr froh, dass ich in meiner aktiven Zeit vieles von den Fortschritten bei der Kriminaltechnik miterleben konnte. Als ich junger Kriminalbeamter war, da gab es zum Beispiel im Bereich der serologischen Spuren kaum Ergebnisse, die einem bei den Ermittlungen richtig weiterhalfen. Mit der DNA-Untersuchung kam es anders. Da hat sich gewaltig was getan. Aber auch in den anderen Feldern der Kriminaltechnik ist es so.

Würden Sie sagen, dass es an der eher ländlichen Westküste eher geruhsam zugeht, was Mord und Totschlag betrifft?
Da fällt mir ein Gerichtsbericht aus dem Spiegel des Jahres 1967 ein. Da wurden die Bewohner an der Westküste als Menschen beschrieben, die schon bei geringsten Anlässen zu brachialen Mitteln greifen.Damals hatte in Dithmarschen ein Bauer seinen Nachbarn umgebracht. Unterschreiben kann ich diese Einschätzung nach meinen Erfahrungen allerdings nicht.

Was macht ein Mordermittler eigentlich in der Zeit, wo es gerade keine Verbrechen aufzuklären gibt?
Wenn man einen Tatverdächtigen festgenommen hat, ist die Arbeit ja nicht zu Ende. Zu diesem Zeitpunkt besteht die Akte vielleicht aus einem kleinen Leitz-Ordner. Bis zur Anklage sind daraus dann mehrere dicke Ordner geworden. In jedem Fall gilt es, Belastendes und auch Entlastendes zu erforschen.

Als Pensionär, so sollte man meinen, haben Sie ja viel Zeit. Schauen Sie sich da auch mal Krimis im Fernsehen an?
Nachtschicht mit Armin Rohde schaue ich mir gerne mal an, den Tatort weniger. Das ist dort doch sehr unrealistisch. Vor allem wie Kommissare an den Tatorten herumlaufen. Das reinste Spurenvernichtungskommando.

Schon während Ihrer aktiven Zeit haben Sie Kriminalromane geschrieben. Was ist denn zur Zeit in Arbeit?
Gerade habe ich meinen siebten Krimi herausgebracht. Auch hier geht der Gewinn wieder an den Weißen Ring. Das achte Buch ist schon in Arbeit. Hier geht es um die spezielle Problematik bei der Bearbeitung von Altfällen.

Bei der Krimi Nordica sind Sie auch in Itzehoe als Autor aufgetreten. Wird man Sie in dieser Eigenschaft auch künftig erleben?
Wenn sich jemand dafür interessiert, komme ich gern wieder in die Region.

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erstellt am 24.Apr.2017 | 15:57 Uhr

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