zur Navigation springen
Norddeutsche Rundschau

20. Oktober 2017 | 11:29 Uhr

Der Mindestlohn tut keinem weh

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Itzehoer Unternehmer melden ein Jahr nach Einführung des neuen Gesetzes stabile Umsätze und nehmen anfängliche Befürchtungen zurück

shz.de von
erstellt am 11.Jan.2016 | 00:36 Uhr

Anfang 2015 befürchtete Taxi-Unternehmer Kai Piechotzke, am Mindestlohn könnte sein Unternehmen zerbrechen. Er sprach von „schweren Zeiten“, „ungewisser Zukunft“ und „höheren Preisen“. Die Lohnkosten für seine 13 Mitarbeiter stiegen um 14 Prozent (wir berichteten). Ein Jahr später wird der Mindestlohn bundesweit als Erfolgsmodell verkauft und auch Kai Piechotzke muss zugeben: „Meine Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet.“

Die Umsätze des Taxi-Unternehmers, der in Lägerdorf sitzt und häufig in Itzehoe unterwegs ist, seien stabil geblieben. „Natürlich habe ich den Anstieg der Lohnkosten gespürt.“ Aber die gestiegenen Taxi-Tarife hätten das Defizit wieder ausgeglichen. Die Fahrpreise waren am 1. Februar vergangenen Jahres angehoben worden. Der Kilometerpreis kletterte von 1,43 auf 1,65 Euro. „Dass jetzt weniger Leute Taxi fahren, kann ich aber nicht feststellen.“

Das bestätigt auch sein Kollege Olaf Völker, dessen acht Mitarbeiter mit sechs Taxen ebenfalls in Itzehoe unterwegs sind. „Manche Menschen, die auf uns angewiesen sind, trifft die Fahrpreiserhöhung hart, und mancher Jugendlicher wird sich sicher jetzt genau überlegen, ob er wirklich mit dem Taxi fährt. Aber insgesamt treffe ich auf viel Einsicht bei meinen Kunden“, sagt Völker. Sie würden verstehen, dass seine Mitarbeiter angemessen entlohnt werden müssten.

Völker hatte schon vor einem Jahr die Einführung eines Mindestlohns von 8,50 Euro pro Stunde befürwortet. „Ohne meine Mitarbeiter bin ich gar nichts. Deshalb muss ich sie auch vernünftig bezahlen.“ Zwar habe er im vergangenen Jahr seinen Betrieb umstrukturieren und auch zwei Mitarbeiter entlassen müssen. Das sei aber eher durch die allgemeine Marktlage und nicht durch den Mindestlohn verschuldet. „Der Mindestlohn ist der vernünftige Weg.“

Auch Vertreter andere Branchen sehen das neue Gesetz positiv. „Bei uns sind die Umsätze gestiegen“, sagt Frisör-Meister Arne Bartels, der Salons in Itzehoe und Schenefeld betreibt. Bartels hatte schon vor einem Jahr darauf hingewiesen, dass sein Unternehmen nur geringfügig betroffen sei. Die meisten seiner Angestellten verdienen damals wie heute um die 12,50 Euro, lediglich die Gesellen – im Moment zwei – bekommen den Mindestlohn. „Gerade für kleinere Betriebe kann das allerdings eine Durststrecke bedeuten, dass sie jetzt auch jungen Frisören 8,50 Euro zahlen müssen. Denn Berufseinsteiger nehmen noch nicht so viel ein.“

Nennenswerte Preiserhöhungen für Haarschnitte kann Bartels in der Frisör-Landschaft nicht feststellen. Er selbst habe seine Tarife in 2015 leicht erhöht. „Das war aber eine routinemäßige Anpassung, die wir alle zwei Jahre durchführen.“ Für Bartels steht fest: „Der Mindestlohn wirkt sich positiv auf das Image der Frisöre aus. Man kann von einem Frisör-Gehalt jetzt gut leben.“

Gut leben von ihrem Gehalt können auch die Mitarbeiter des Callcenters D und S am Hanseatenplatz. Das Unternehmen hatte die Einführung des Mindestlohns zum Anlass genommen, das Gehaltsmodell umzustellen. Die Mitarbeiter werden seit einem Jahr in Abhängigkeit ihrer Leistung bezahlt. Jeder hat unabhängig von Betriebszugehörigkeit und Alter die Möglichkeit, über den Mindestlohn von 8,50 Euro hinauszukommen.

„Wir waren sehr erfolgreich mit dem Konzept“, resümiert die neue Standortleiterin Ulrike Schrader. Zirka 70 Prozent der Belegschaft würden mehr als 8,50 Euro verdienen. Für das Unternehmen seien die gestiegenen Lohnkosten zwar spürbar gewesen. „Aber wir haben Lösungen gefunden.“ Insbesondere die Auftraggeber des Callcenters, zu denen Energieversorger, Banken und Automobilhersteller gehören, hätten Verständnis für die gestiegenen Kosten gehabt.

Insgesamt sei 2015 ein gutes Jahr für das Unternehmen gewesen, so Schrader. Am Standort Itzehoe wurden 70 neue Mitarbeiter eingestellt, 50 weitere Stellen sollen im ersten Halbjahr 2016 geschaffen werden.

Auch die offiziellen Zahlen sprechen dafür, dass der Mindestlohn den Arbeitsmarkt der Region nicht negativ beeinflusst hat. „Die Anzahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse ist im Jahr 2015 weiter gestiegen, die Zahl der Minijobs bewegt sich auf gleichem Niveau“, wie die Sprecherin der Arbeitsagentur in Heide, Monika Schmudde, mitteilt. Weiter sei die Zahl der sogenannten Aufstocker, die zusätzlich zu ihrem Gehalt noch Leistungen vom Jobcenter beziehen, im Kreis Steinburg leicht zurückgegangen.

Mit Interpretationen ist Schmudde jedoch vorsichtig: Es sei schwer zu sagen, ob ein Zusammenhang zwischen der aktuellen Entwicklung und der Einführung des Mindestlohns bestehe. „Auf den ersten Blick scheint der Mindestlohn aber keinen negativen Effekt auf den Arbeitsmarkt in der Region zu haben.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen