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Arbeitsplätze : Der Mann für alle (Not-)Fälle

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Damit das Störsperrwerk wie geschmiert läuft, stehen Jens Wollbaum und seine Kollegen immer Gewehr bei Fuß.

Den großen Fluss hat er immer im Blick. Schon als Kind konnte Jens Wollbaum von zu Hause aus die Schiffe auf der Elbe fahren sehen. Heute wohnt der 46-Jährige in Wewelsfleth zwischen Brokdorf und Glückstadt, und das ist sehr praktisch, denn wenn er Rufbereitschaft hat, muss er im Notfall innerhalb einer Stunde an seinem Arbeitsplatz sein: dem Sperrwerk an der Mündung der Stör. Das schafft er von zu Hause aus in wenigen Minuten.

„Wenn eine Sturmflut kommt, kündigt sich das ja vorher an, da ist Sturm, dann stellt man sich schon darauf ein“, sagt Wollbaum. „Aber bei einem technischen Defekt – wenn eine Brücke mal oben bleibt – muss ich sehen, dass ich das schnell repariere.“ Das Sperrwerk sperrt nämlich nicht nur die Hochwasserfluten der Elbe aus und schützt damit die Menschen in der brettflachen Kremper- und Wilstermarsch, wo mit 3,54 Metern unter Normalnull die tiefste Stelle Schleswig-Holsteins liegt – über die Rollklappbrücken des Sperrwerks führt auch eine vielbefahrene Bundesstraße. Möchte ein Schiff darunter durchfahren, wird die Brücke geöffnet, und die Autos müssen warten. „Schiffe haben Vorfahrt, denn die Bundeswasserstraße war zuerst da“, erklärt Wollbaum.

Doch mit dem Öffnen und Schließen der Brücken hat er im Normalfall nichts zu tun. Das regeln die Brückenwärter, die im Schichtdienst rund um die Uhr den kleinen „Tower“ des Sperrwerks mitten in der Flussmündung besetzen und einen herrlichen Rundumblick haben.

Der gelernte Maschinenschlosser Jens Wollbaum und seine beiden Elektriker-Kollegen sehen das Tageslicht bei ihrer Arbeit hingegen kaum. Sie sind beim Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN-SH) als Sperrwerkswärter angestellt und dafür zuständig, dass die Technik funktioniert. Und diese Technik liegt nicht nur fast komplett unter Tage, sie ist auch schon ziemlich alt.

1975 ging das Küstenschutzbauwerk in Betrieb, das zweitgrößte in Schleswig-Holstein nach dem Eidersperrwerk. Seine drei riesigen begehbaren Betonpfeiler teilen den Fluss in vier Öffnungen, durch die das Wasser mit den Gezeiten frei hinein- und herausfließen kann: zwei Öffnungen mit jeweils 22 Metern Breite für die Schifffahrt und zwei seitliche Öffnungen von je 43 Metern. Nur im Sturmflutfall werden die Tore geschlossen. Dafür ist jede Öffnung sicherheitshalber mit zwei hintereinanderliegenden Verschlüssen versehen: Stemmtore in der Mitte, Rollsegmente außen. Wollbaum: „Ich brauche nur auf den Knopf drücken, dann ist in fünf Minuten alles zu.“

Falls der Strom ausfällt, puffern große Batterien im Keller des Mittelpfeilers das erstmal ab. Mithilfe ihrer gespeicherten Energie springt dann nebenan sofort der mächtige Schiffsdiesel an, der als Notstromaggregat dient. Sollte das nicht klappen, gibt es noch ein Hydraulik-Notaggregat, das es erlaubt, die Tore von Hand anzusteuern. Und dann ist da noch die dritte Sicherheitsstufe: Die „Airbags“. Im Notfall können die Tore mithilfe von Pressluft und überdimensionierten Luftballons zugedrückt werden.

Um sicherzugehen, dass alle Systeme einsatzbereit sind, besteht die tägliche Arbeit der Sperrwerkswärter aus der „planmäßigen Unterhaltung“: Regelmäßig werden alle Anlagenteile auf ihre Funktion überprüft, gereinigt, Lager abgeschmiert, Öl gewechselt und kleinere Reparaturen gleich selbst erledigt. „Wir versuchen, die Anlage unter der Woche so in Schuss zu halten, dass wir ein ruhiges Wochenende haben“, sagt Wollbaum mit einem Augenzwinkern.

Er hat sich für die Arbeit auf dem Sperrwerk entschieden, weil er damit ein Stück Sicherheit für die Menschen schafft. „Nur schade, dass Sturmfluten immer nachts kommen“, sagt er, „ich fahre dann abends zum Schließen her, wenn der Wasserstand noch normal ist und wenn ich morgens wieder zur Arbeit komme, sehe ich nur noch am Treibsel auf dem Deich, wie hoch es gestanden hat.“

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erstellt am 23.Sep.2014 | 16:58 Uhr

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