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Flüchtlinge : „Der Krieg hat meinen Traum zerstört“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der Ingenieur Adel Dakkak (28) aus Syrien lebt seit einem Jahr in Itzehoe. In einem Vortrag berichtet er Mittwoch über das Leben in seiner Heimatstadt Aleppo.

von
erstellt am 31.Mai.2016 | 05:13 Uhr

Herr Dakkak, Sie werden morgen in Itzehoe über Ihre Heimatstadt Aleppo in Syrien sprechen. Worum geht es in Ihrem Vortrag?

Ich habe eine Präsentation mit dem Titel „Eine Reise nach Aleppo“ zusammengestellt. Sie besteht aus mehreren Teilen. Ich zeige, wie die Stadt einst war, als Menschen vieler Religionen dort friedlich zusammenlebten. Ich gehe auf ihre Geschichte, die Wirtschaft und die Kultur ein. Eine wichtige Rolle spielt auch die Architektur, denn das ist meine Profession. Und dann zeige ich, was vier Jahre Krieg aus dieser schönen Stadt gemacht haben und berichte auch über meine persönliche Situation.

Was hat Sie bewogen, mit diesem Vortrag die Öffentlichkeit hier in Deutschland zu suchen?

Die Situation in meiner Heimat ist leider sehr schlimm. Besonders seit dem April 2016 hat sich die Lage in Aleppo noch einmal verschlimmert. Darauf möchte ich aufmerksam machen. In Deutschland wissen viele Menschen sehr wenig über diese Region. Sie denken, Syrien gehöre zu Dritten Welt, aber das ist nicht richtig. Das trifft vielleicht auf die Regierung zu, aber nicht auf das Volk. Mein Vortrag wird da viele überraschen. Auch über den Krieg gibt es oft nur einseitige oder unvollständige Berichte in den Medien hier. Ich möchte als Opfer und Zeitzeuge meine Meinung dazu sagen. Vielleicht trägt das ein wenig dazu bei, dass der Krieg beendet werden kann, denn er wird nicht nur von Syrien aus gesteuert.

Wie meinen Sie das?

Ich habe den Eindruck, dass Syrien ein grausamer Spielplatz für die Großmächte dieser Welt geworden ist. Sie fechten einen Stellvertreterkrieg um die Vorherrschaft auf dem Rücken der Syrer aus und das bereits seit fünf Jahren. Ich habe keine politische Lösung parat, wie Frieden erreicht werden kann, aber ich fordere ein Ende des Blutvergießens und Sicherheit für die Kinder in Syrien. Ich bin auf keiner Seite, weder für die Regierung noch für die Opposition – ich wünsche mir einfach Frieden.

Wie ist die aktuelle Situation in Aleppo? Haben Sie direkte Kontakte dorthin?

Meine Eltern und meine jüngeren Geschwister sind in Aleppo. Sie leben zum Glück und ich habe Kontakt zu ihnen, auch wenn ich nicht zu ihnen kann. Die Situation ist unglaublich. Es ist, als herrsche dort der dritte Weltkrieg. Jeden Tag fallen Bomben und täglich sterben Menschen einfach so. Die Altstadt ist besonders stark betroffen. Die augenblickliche Situation in Aleppo zerreißt mein Herz.

Sie selbst haben Aleppo verlassen und sind seit einem Jahr in Deutschland. Wie ist es dazu gekommen?

Ich hatte keine Wahl. Ich war sehr zufrieden in Aleppo vor dem Krieg. Mein Vater hatte ein Baugeschäft, ich habe Architektur studiert und mit Leidenschaft in meinem Beruf gearbeitet. Nie in meinem Leben habe ich daran gedacht, meine Heimat zu verlassen, aber als der Krieg kam, hatte ich nur zwei Möglichkeiten: Entweder zu kämpfen oder zu fliehen. Ich will nicht gegen meine syrischen Brüder kämpfen, weder für die Regierung noch gegen sie. Deshalb musste ich Aleppo verlassen und kann auch nicht zurück. Der Krieg hat meinen Traum vom Leben kaputt gemacht.

Wie ist Ihre aktuelle Situation in Deutschland?

Ich lebe hier in Frieden und Sicherheit. Dafür bin ich sehr dankbar. Viele Menschen haben mir hier geholfen, besonders von der Caritas, der Volkshochschule Itzehoe und vom Sport Club Itzehoe. Ich habe bereits viel erreicht, habe Deutsch gelernt, obwohl ich manchmal das Gefühl habe, dass ein Leben nicht ausreicht, um diese Sprache wirklich zu lernen. Und seit einigen Monaten arbeite ich als Hochbauingenieur für ein Architektenbüro in Glückstadt – auch dafür bin ich sehr dankbar. Aber trotzdem muss ich mein Leben hier bei null beginnen. Ich bin belastbar, aber auch nur ein Mensch, und ein Mensch braucht seine Familie und sein Umfeld, das ihn unterstützt. Mir fällt es sehr schwer, mit den Schwierigkeiten hier fertig zu werden, weil ich mir gleichzeitig große Sorgen um meine Familie und meine Freunde in Syrien mache und sie sehr vermisse. Meine Eltern wollen mit meinen kleinen Geschwistern nicht illegal fliehen und können nicht legal nach Deutschland einreisen. Solange sie nicht in Frieden leben, kann es auch für mich keine glücklicheren Zeiten geben.

Termin: Am Mittwoch spricht Adel Dakkak um 20 Uhr in den Räumen der katholischen Kirche St. Klemens im Albert-Schweitzer-Ring 16.

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