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Traditionshaus : Der „Hirsch“ verschwindet aus Vaale

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Gaststätte mit langer Geschichte wird abgerissen. Gemeinde plant altengerechte Wohneinheiten.

Seit mehr als 150 Jahren bietet sich Einwohnern und Besuchern am Ortseingang in Vaale, direkt an der Bundesstraße 431, ein gewohnter Anblick. Generationen haben dort den traditionsreichen Dorfkrug „Zum Hirsch“ erlebt. Dieses Bild wird bald der Vergangenheit angehören.

Die schon seit Jahren kaum überlebensfähige und unübersehbar dem Verfall preisgegebene Gastwirtschaft schloss 2016 ihre Tore. Bereits 2015 hatte die Gemeinde das Grundstück mit dem Gebäude vom letzten Betreiber, Hans-Peter Homfeld, erworben, um dort nach dem bevorstehenden Abriss altengerechte Wohneinheiten entstehen zu lassen. Aktuell wird das verwaiste und vergitterte Areal auf diese Aktivitäten vorbereitet.

Die Entwicklung sieht man im Dorf nicht ohne Wehmut. Einerseits ist ein Abriss überfällig, andererseits bedeutet dies eine Zäsur, denn damit verschwindet die letzte, privat betriebene, traditionsreiche Gastwirtschaft des Ortes. Noch bis in die 1970er Jahre hinein existierten in Vaale mehrere Lokale nebeneinander und zwar die Wirtschaften „Runge“, „Mehrens“, „Zum Bahnhof“, „Felsenburg“ sowie die „Alkoholfreie Gastwirtschaft“ Hinrichs. Überhaupt verzeichnet man im Einzugsgebiet der benachbarten Mittelpunktgemeinde Wacken seit Jahren ein auffälliges Kneipensterben, dem etwa ein Dutzend Lokale zum Opfer fielen.


Zwischenstation für die Eilpostkutsche nach Meldorf


Die Gaststätte „Zum Hirsch“ bildete in Vaale viele Generationen hindurch den sozialen Mittelpunkt. Unzählige Familienfeste, Tanzveranstaltungen, Dorfbälle und Sitzungen fanden dort statt. Als legendär gelten unter anderem die alljährlichen Erntebälle, die als rauschende Feste in die Geschichte eingingen. Die Funktion des sozialen Mittelpunkts hat vor Jahren das Gemeindezentrum an der Schule übernommen.

Der Gasthof kann indes auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Etwa um 1850 entstand die Wirtschaft im Zuge des Baus einer festen Straße von Itzehoe nach Meldorf. Zum Gebäude gehörte anfangs auch eine Durchfahrt für Gespanne. Eine täglich pendelnde Eilpostkutsche mit vier Pferden war 1849 eingerichtet worden und machte dort Zwischenhalt.

1890 kaufte der Landwirt Carl Eggers aus Vaale das Lokal. Eggers war sehr rührig. Er gründete 1894 mit Gleichgesinnten den noch heute bestehenden Gesangverein. 1910 verkaufte Eggers den Gasthof an Emil Kock. Der junge Gastwirt zog im Alter von 36 Jahren 1914 in den Ersten Weltkrieg, aus dem er nicht zurückkehrte.


Einnahmen reichten nicht mehr für notwendige Investitionen


Seine Witwe Paula Kock führte das Lokal allein weiter und übergab es 1930 an Walter Maassen. Dieser teilte das Schicksal seines Vorgängers. Maassen fiel im Zweiten Weltkrieg. Auch seine Witwe Lene Maassen führte den Betrieb weiter, ehe sie 1955 an den Gastwirt Hinrich Homfeld verkaufte, der zuvor ein Lokal in Bokelrehm führte. Homfeld investierte in einen Umbau und betrieb mit seinem Sohn Hans neben der Wirtschaft jahrelang eine Tankstelle mit Autowaschanlage. Hans Homfeld übernahm das Unternehmen 1964 von seinem Vater. Er verstarb 1978, so dass auch hier seine Witwe Enni die Leitung übernehmen musste.

Im Laufe der Jahre entlastete Sohn Hans-Peter Homfeld seine Mutter zunehmend. Nach dem Tod von Enni Homfeld im Jahr 2010 war Hans-Peter Homfeld, den alle „Schnucki“ nannten, allein verantwortlich. Dringend erforderliche Investitionen zum Erhalt warf der Gasthof nicht mehr ab, so dass der letzte Inhaber die traditionsreiche Gastwirtschaft schließlich aufgeben musste. Damit endete die Ära der Familie Homfeld in Vaale nach drei Generationen und die des Dorfkrugs nach rund 165 Jahren.

Hans-Peter Homfeld verzog nach Wacken, wo er im Dezember 2016 an einem Herzinfarkt verstarb. Er wurde nur 62 Jahre alt.

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