ISIT : Der große Sprung in die Zukunft

Technologie-Gigant: Das Fraunhofer-Institut in Itzehoe-Edendorf mit dem vor zweieinhalb Jahren eingeweihten zweiten Reinraum (vorn).
Technologie-Gigant: Das Fraunhofer-Institut in Itzehoe-Edendorf mit dem vor zweieinhalb Jahren eingeweihten zweiten Reinraum (vorn).

Wie das Fraunhofer-Institut für Siliziumtechnologie Isit nach Itzehoe kam: Politischer Streit von der Bundes- bis zur kommunalen Ebene.

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21. Januar 2017, 07:00 Uhr

Es ist eine Geschichte mit viel Hoffen und Bangen. Aus Jessi wurde Isit, und aus diesem ein Erfolg. Doch es war ein langer und steiniger Weg bis zum Fraunhofer-Institut für Siliziumtechnologie (Isit) in Edendorf.

Die Geschichte beginnt im Jahr 1986. „Man muss als Abgeordneter ein Thema im Stadium der Geburt entdecken“, sagt Dietrich Austermann. Der Christdemokrat aus Itzehoe, heute 75, sitzt damals im Bundestag, zuständig für Haushalts- und Forschungspolitik. Auf dem Markt für Chip-Technologie sind andere, wie die USA und vor allem Japan, der Bundesrepublik und Europa voraus – das soll sich ändern. Konzerne wie Siemens und Philips sowie europäische Staaten, maßgeblich Deutschland, planen mit der Fraunhofer-Gesellschaft eine Forschungs- und Produktionseinrichtung für Mikrochips, Jessi genannt nach dem Projektnamen „Joint European Submicron Silicon“. Die beteiligten Firmen wollen sich treffen, Austermann wird aktiv mit einer einfachen Frage: Warum nicht in Itzehoe?

Ein „schönes Gebäude“ in Itzehoe-Nord habe leer gestanden: das frühere Rechenzentrum der Sparkassen. Als das Amt Itzehoe-Land, beengt in der Karlstraße ansässig, es günstig kauft, ist Volker Tüxen Mitarbeiter im Hauptamt. „Direkt nach dem Beschluss tauchte Jessi auf“, sagt der 60-Jährige, der heute die Verwaltung leitet.

Es ist der Beginn vieler unerfreulicher Diskussionen. Denn nicht das Amt Itzehoe-Land zieht ein, sondern die Jessi-Planungsgruppe. Der Amtsausschuss fühlt sich übergangen, Lager bilden sich, es wird gestritten, auch und gerade mit Landrat Burghard Rocke, bis spät in den Abend ohne Ergebnis getagt, Worte wie „Verräter“ fallen. „Es war eine schlimme Zeit, die ich nie wieder erleben möchte“, sagt Tüxen. Und seiner Ansicht nach unnötig: Der Amtsausschuss hätte demnach mitgespielt, wenn er nur offen informiert worden wäre. Erst nach der Kommunalwahl 1990 und einem Wechsel auf dem Posten des Amtsvorstehers habe sich die Situation entspannt. Die Verwaltung teilt sich das Gebäude im Margarete-Steiff-Weg mit der Fraunhofer-Gesellschaft, übernimmt es dann ganz. Jetzt habe das Amt „ein tolles Verwaltungsgebäude am optimalen Standort“, und dank der Miete sowie Verkaufserlöses für die Karlstraße fast nichts dazu bezahlt. „Besser hätte es gar nicht laufen können“, sagt Tüxen deshalb heute. Denn immerhin seien Fraunhofer und das Isit da.

Das allerdings steht lange auf der Kippe. Austermann, Mitglied auch im Senat der Fraunhofer-Gesellschaft, kämpft für Itzehoe. Forschungsminister Heinz Riesenhuber, der mit der Fliege, hält wenig davon, mit der Forschung Regionalpolitik zu betreiben. Parallel habe es Gegenwind von Schwergewichten wie Franz-Josef Strauß (Bayern), Lothar Späth (Baden-Württemberg) und Ernst Albrecht (Niedersachsen) gegeben, berichtet Austermann. Grundfrage: Was soll das in Itzehoe? „Das haben wir alles abgewehrt“, häufig sei er bei Bundeskanzler Helmut Kohl gewesen. Ebenfalls stets wichtig: die Zusammenarbeit mit der SPD-Landesregierung.

Im September 1989 verkündet Riesenhuber: Jessi kommt nach Itzehoe, und zwar mit dem Fraunhofer-Institut Isit für 400 Millionen Mark, gezahlt von Bund und Land. Ein Riesenprojekt mit bis zu 400 Wissenschaftlern auf fünf bis sechs Hektar. Doch es wird nichts daraus. Die Elektronik-Konzerne haben sich vom Verfahren der Röntgen-Lithografie verabschiedet. „Die Industrie ist ein äußerst unzuverlässiger Partner für langfristige Entwicklungen“, sagt Austermann. Hinzu kommt die Wiedervereinigung, der Fokus in der Mikrotechnologie richtet sich auf Dresden.

Ein Bauschild ist da in Itzehoe schon enthüllt, der Grundstein gelegt. Aber erst einmal braucht es ein neues Konzept, und dieses bringt der Fraunhofer-Senat im Juli 1991 auf den Weg. Ein Thema früh aufnehmen und dann dranbleiben und noch einmal dranbleiben, das sei für ihn die Lehre aus der Isit-Entstehung, so Austermann. Zu dieser gehöre das stimmige technologische Umfeld mit den passenden Fachbereichen an der Kieler Universität, in Lübeck oder auch an der Fachhochschule Westküste in Heide sowie dem Bau des Innovationszentrums Izet direkt neben dem Fraunhofer-Institut. „Insofern hat das Isit wichtige Impulse für die Wissenschaftslandschaft in Schleswig-Holstein geliefert“, sagt Austermann.

Ohne die richtigen Flächen in Edendorf hätte das alles nicht funktioniert. Schon 1989 fahren Panzer auf – mit ihnen wird getestet, wie der Boden auf Erschütterungen reagiert, bevor eine hoch empfindliche Arbeitsstätte entsteht. Das Gelände selbst kann friedlich beschafft werden: Oldendorf und Ottenbüttel treten für das Gewerbegebiet 36 Hektar an Itzehoe ab. „Es ging nur ums Geld“, erinnert sich Volker Tüxen vom Amt Itzehoe-Land. Ein Dorfhaus müsse dabei herauskommen, habe es in Oldendorf geheißen. Das klappt, aber an die Stelle der Kungelei beim Bier sei heute der offene Austausch getreten. Die Akteure schauten über den Kirchturm hinaus, für neue Gewerbeflächen wird zusammengearbeitet und gerade ein Konzept erstellt. „Es geht eben nur gemeinsam“, sagt Tüxen.

Das gilt auch für das Ringen um das Isit. „Es haben viele mitgeholfen“, sagt Austermann. Jahre gehen ins Land für die Vorarbeiten. Am 3. September 1993 wird zum zweiten Mal der Grundstein gelegt für ein abgespecktes Institut, das als Zentrum für Mikrosystemtechnik immer noch 250 Millionen Mark kostet. Der Tag der offenen Tür im Rohbau lockt fast 3000 Besucher an. „Meine Mitarbeiter und ich kommen sehr gerne hierher“, sagt Isit-Leiter Anton Heuberger, ein Verfechter des Umzugs aus Berlin. Ab 1995 sind die Mitarbeiter da, Bürgervorsteher Paul Barth begrüßt sie bei einem Empfang: „In Itzehoe lässt sich’s leben!“ Das sagt er im Studio des Theater Itzehoe, das seine Existenz auch der Isit-Ansiedlung verdankt. Bei der offiziellen Eröffnung am 12. März 1996 ist viel von einer neuen technologischen Zeitrechnung die Rede, Ministerpräsidentin Heide Simonis spricht von einem beispielgebenden Bündnis zwischen Industrie und Forschung. Und Heuberger betont noch einmal: Das Institut suche einen leistungsstarken Industriepartner.

Er wird gefunden. Die Daimler-Tochter Temic kommt als Chip-Produzent, stellt dafür das Engagement im kalifornischen Silicon Valley zurück und investiert noch einmal 100 Millionen Mark. Heute heißt die Firma Vishay Siliconix, beschäftigt rund 300 Menschen am Standort und wächst, ebenso wie die X-Fab Mems Foundry Itzehoe als weiterer wichtiger Partner mit derzeit rund 70 Mitarbeitern.

Das Isit steht im Zentrum des Strukturwandels in Itzehoe. Während Jobs wie in der Gruner-Druckerei immer mehr schwinden, entstehen im Hightech-Raum neue Arbeitsplätze. 3000 sollten es werden, heißt es zu Jessi-Zeiten. „Die Zahl habe ich nie benutzt“, sagt Austermann. „Aber inzwischen hängen hier im Großraum Itzehoe 1000 Arbeitsplätze vom Isit ab.“ Es brauche ein technologisches Umfeld, damit junge Menschen intelligente Arbeitsplätze fänden – ähnlich wie bei der Windenergie. In beiden Feldern sieht der Itzehoer die Gefahr, dass zu viel nach Hamburg abwandert, und beklagt mangelnde Unterstützung des Landes. Die Isit-Erweiterung mit dem zweiten Reinraum, eingeweiht Mitte 2014, habe er selbst noch als Wirtschaftsminister bewilligt. In gewisser Weise sei das Isit sein Kind, sagt Austermann, der das Institut im Kuratorium weiter begleitet. Und deshalb wiederholt er sein Credo: „Dranbleiben!“

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