Selbsthilfe : Der erste Schritt aus der Sucht

Sie beschreiten neue Wege: Die Mitglieder der Suchtkrankenhilfe Glückstadt wollen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen helfen.
1 von 2
Sie beschreiten neue Wege: Die Mitglieder der Suchtkrankenhilfe Glückstadt wollen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen helfen.

Glückstädter Verein Suchtkrankenhilfe bietet Menschen mit Migrationshintergrund Hilfe und Unterstützung an

von
23. Juli 2015, 17:00 Uhr

„Es ist ein zartes Pflänzchen, welches wir gesetzt haben. Aber in der Hoffnung, dass es sprießt und gedeiht.“ Was Helmut Lucht blumig umschrieb, könnte zu einem wichtigen Beitrag zur Bekämpfung von Sucht werden. Denn der Verein der Suchtkrankenhilfe Glückstadt hat es sich schwerpunktmäßig als Projekt zur Aufgabe gemacht, seine Arbeit Menschen mit Migrationshintergrund näher zu bringen. „Das wird eine Fleißarbeit und die ist auch nicht von heute auf morgen zu bewältigen“, erklärte Vorsitzende Ingrid Schulz. Als ersten Schritt sahen daher die Mitglieder die Erstellung von Flyern, die jetzt in verschiedenen Sprachen – Russisch, Türkisch, Italienisch, Polnisch, Englisch und Deutsch – vorliegen. Eine Version in arabischer Sprache ist in Vorbereitung. Unter dem Motto „Nicht warten – handeln“ stellt der Verein seine Arbeit und Ziele vor und gibt Telefonnummern preis.

Den Anstoß dazu gab ein Abend, an dem viel Plattdeutsch gesprochen wurde – für teilnehmende Emigranten nicht zu verstehen. Auf Grund dieser Erfahrung wuchs die Erkenntnis: „Wir müssen etwas tun, die Tabuisierung beiseite zu schieben, um zur Integration beizutragen“, berichtete Helmut Lucht. Der Flyer wird an prägnanten Stellen der Stadt ausgelegt.

Diplom-Sozialberater Thorsten Schmidt erklärte dazu in einem Referat: „Bundesweite Studien haben gezeigt, dass der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in der Selbsthilfe relativ gering ist. Gründe liegen darin, dass es diese Selbsthilfe in den Herkunftsländern nicht gibt, sprachliche Barrieren, Schambesetzung und Tabuisierung von bestimmten Lebensthemen haben sich im Kulturgut verankert.“

Ali Celik und Fatma Ötztürk von der muslimischen Gemeinde der Glückstädter Sehzade Camii-Moschee bestätigten genau diese Thesen: „Es ist der Stolz, der viele zurück hält, über den Schatten zu springen. Damit ist es ganz schwer, aus dem Sog der Sucht heraus zu kommen.“ Aber um genau diesen Weg zu beschreiten, dafür bietet die Suchtkrankenhilfe Information und Beratung.

„Aufgrund unserer eigenen Abhängigkeiten und selbst gemachten Erfahrungen besprechen wir in den Gruppenabenden unsere Probleme“, sagt Helmut Lucht und erinnerte an einen viel zitierten Leitsatz: „Nur Du allein schaffst es – aber Du schaffst es nicht allein“.

Thorsten Schmidt: „Menschliche Wärme, Raum für Zeit und Gefühle, den Mut und die Möglichkeit, sich auszusprechen, sind hier gegeben.“ Damit Mitbürger mit Migrationshintergrund eben diese Gefühle auch und gerade in ihrer Muttersprache übermitteln können, stehen in den Beratungsstunden der Suchtkrankenhilfe Übersetzer bereit.

Der Dank des Vereins galt auch diesen Menschen bei der Erstellung des Flyers. „Die Initiative, von Sucht betroffenen ausländischen Mitmenschen den Weg in die Selbsthilfe zu ebnen, ist absolut begrüßenswert“, erklärte Thorsten Schmidt, der für die AOK versprach, die Selbsthilfeförderung weiterhin zu unterstützen.

Ähnlich äußerte sich auch Bürgervorsteher Paul Roloff: „Die Stadt wird den Verein auch weiterhin unterstützen, denn die Gruppe hilft auch der Stadt.“

Bürgermeister Gerhard Blasberg: „Es ist mutig, mit dem Anliegen an die Öffentlichkeit zu gehen und die Sicht auf eine Krankheit in ihren verschiedensten Formen – und darum handelt es sich – frei zu geben. Meinen Respekt.“

Im Schlusswort erklärte Johnny Boos, Ex-Vorsitzender und einer der Gründer: „Wir wissen, dass es hohe Mauern einzureißen gilt; die Umsetzung wird schwierig und es wird bis zu einer Etablierung dauern. Aber es wäre schön, wenn aus dieser Keimzelle, diesem Pflänzchen, ein starker Baum wachsen würde.“

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen