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Norddeutsche Rundschau

21. Juli 2017 | 00:38 Uhr

Interview : Der Beruf braucht Leidenschaft

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Die Natur ist rund eine Woche im Rückstand. Viele Landwirte beklagen Vorschriften und überzogene Aufzeichnungspflichten, sagt Peter Mau-Hansen vom Kreisbauernverband.

Die Natur blüht auf, überall sprießt das Grün. Die Landwirte sind unermüdlich auf den Feldern unterwegs. Im Gespräch erklärt Peter Mau-Hansen, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands, wie weit die Natur ist und wie die Situation der Landwirtschaft allgemein aussieht.

Überall grünt es, die Natur scheint in vollem Gang. Bis zur vergangenen Woche schien es vielen sicherlich noch zu kühl. Sind wir mit dem Wetter im „Zeitplan“?

Mau-Hansen: Die Vegetation ist gegenüber dem „normalen“ Verlauf etwa eine Woche im Rückstand. Nachdem wir einen überdurchschnittlich warmen März hatten, war der April überdurchschnittlich kühl und hat den sich abzeichnenden Vegetationsvorsprung wieder zunichte gemacht. Durch die Nachtfröste Anfang Mai sind Schäden in den Obstkulturen und vielleicht auch vereinzelt bei Frühkartoffeln zu befürchten. Beim Spargel sind die Preise wieder gestiegen, weil sich die Ernte verzögert hat. Nun scheint es ja dauerhaft wärmer zu werden und die Natur gleicht Beeinträchtigungen und Verzögerungen oft erstaunlich gut wieder aus.

Was haben die Landwirte bereits hinter sich, was liegt in den nächsten Tagen und Wochen an?

Die Frühjahrsarbeiten auf dem Grünland und die Aussaat des Sommergetreides sind abgeschlossen. Die Maisaussaat hat sich ein bisschen in die Länge gezogen, ist aber auch weitgehend erledigt. Nun wird auf den ersten Grasschnitt gewartet, der in etwa einer Woche beginnen könnte. Dafür wird möglichst stabiles trockenes Wetter gebraucht, damit das Futter in guter Qualität geerntet werden kann. Da in dieser Zeit vermehrt landwirtschaftliche Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs sind, appellieren wir an alle Verkehrsteilnehmer besonders aufmerksam zu sein und gegenseitige Rücksichtnahme zu üben. Leider kann es bei schlechtem Wetter auch zu Straßenverschmutzungen kommen, die in solchen Situationen nicht ganz zu vermeiden sind. Die Landwirte sind dann gehalten, die Straßen unverzüglich zu reinigen.

Wie steht es denn allgemein um die Landwirtschaft? Ich denke zum Beispiel an die Milchpreise.

Gegenüber den letzten zwei Jahren haben sich Milch- und Fleischpreise jetzt deutlich verbessert. Allerdings sind die finanziellen Defizite, die in der extrem lange andauernden Niedrigpreisphase entstanden sind noch längst nicht wieder ausgeglichen. Es bedarf also noch einer längeren Zeit mit guten Preisen, damit die finanzielle Situation auf den Höfen wieder richtig entspannt ist. Durch den inzwischen weltweiten Handel mit Agrarprodukten sind zukünftige Preisentwicklungen nicht vorherzusehen und durch den einzelnen Landwirt kaum zu beeinflussen.

Es gibt Tendenzen, mehr und mehr Tierwohl einzufordern. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Tierwohl ist inzwischen zu einem Schlagwort geworden und gerät in den Medien und beim Lebensmitteleinzelhandel immer mehr in den Fokus. Tierwohl war aus Sicht der Tierhalter schon immer ein Kernthema, denn nur ein gesundes Tier, das sich wohlfühlt, kann dem Tierhalter zu einem wirtschaftlichen Erfolg verhelfen. Dazu tragen unter anderem auch die seit Jahren immer weiter verschärften Vorschriften bei Stallbaugenehmigungen bei. Durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse ergeben sich auch in der Fütterung, im Gesundheitsmanagement weitere Ansätze zur Verbesserung des Tierwohls, die von den Landwirten auch konsequent genutzt werden müssen. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass alle zusätzlichen Maßnahmen zusätzliches Geld kosten, welches der Landwirt über einen besseren Preis wieder einnehmen muss, damit er selbst dauerhaft wirtschaftlich existieren kann. Ein guter Ansatz für die Verbesserung des Tierwohls ist die vor etwa zwei Jahren vom Lebensmitteleinzelhandel und der Landwirtschaft ins Leben gerufene „Initiative Tierwohl“ im Bereich der Schweinehaltung. Betriebe, die sich beteiligen, bieten ihren Tieren diverse Extras, zum Beispiel mehr Platz, Spielmaterial, Stroh und/oder weitere Tierwohl fördernde Maßnahmen an und bekommen dafür beim Verkauf der Schweine einen kleinen Zuschlag beim Preis.

Wagen Sie für uns einen kleinen Ausblick?

Die Mehrheit der Landwirte wünscht sich eine Landwirtschaft im freien und fairen Wettbewerb mit anderen Regionen in Europa und der Welt und ein hohes Maß an Eigenverantwortung für ihre Tätigkeit. Dazu ist ein gewisses Maß an Ordnungsrecht und Dokumentation notwendig. Viele Landwirte halten allerdings die inzwischen einzuhaltenden Vorschriften und Aufzeichnungspflichten für überzogen und sehen darin einen Wettbewerbsnachteil gegenüber anderen Regionen. Dieser Umstand, aber auch die zunehmende mediale Kritik an der Landwirtschaft, zieht einen beängstigenden Motivationsverlust vor allem bei jungen Landwirten beziehungsweise potenziellen Hofnachfolgern nach sich. Wir brauchen unbedingt eine faktenorientierte und positive Berichterstattung über die Landwirtschaft, damit der Nachwuchs sich nicht frustriert von dem Beruf abwendet. Der Beruf braucht Leidenschaft und wird von den meisten Bauern als Berufung empfunden.

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erstellt am 16.Mai.2017 | 14:41 Uhr

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