„Der Abstand alleine ist kein entscheidender Faktor“

porträt johannes pohl

Umweltpsychologe Johannes Pohl über Faktoren, die zu Akzeptanz und Stresseffekten im Zusammenhang mit Windenergieanlagen führen

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26. Februar 2020, 22:07 Uhr

Itzehoe/Halle (Saale) | Wenn es um den Bau von Windparks geht, ist die Diskussion um Mindestabstände in der Regel nah. Doch geht es nach dem Diplom-Psychologen Dr. Johannes Pohl aus Kiel, dann bedeutet mehr Distanz zu Windrädern nicht, dass bei Anwohnern die Akzeptanz steigt und weniger Stresssymptome auftreten.

„Der Abstand alleine ist kein entscheidender Faktor“, sagt Pohl. Er ist langjähriges Mitglied der Arbeitsgruppe Gesundheits- und Umweltpsychologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Ausschlaggebend sind seiner Meinung nach neben physikalischen (Geräuschqualität, Sicht auf Windenergieanlagen) auch eine Reihe von psychologischen Faktoren. Dazu zählen besonders die Grundhaltung zur Energiewende und zur Windkraft, das Maß, in dem Anwohner in die Planungen einbezogen werden sowie die finanzielle Beteiligung.

Die Faktoren beeinflussen auch, ob und in welchem Ausmaß Stresseffekte wie Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme oder Stimmungsschwankungen auftreten. Pohl: „Wir sprechen lieber von Stresseffekten, da der Nachweis, dass es sich um Erkrankungen handelt, schwer ist.“

Menschen, die die Windenergie von vornherein befürworten, bleiben ihr auch nach der Errichtung eines Windparks in der Nachbarschaft eher wohlgesonnen. Entsprechend gegenteilig ist die Haltung bei Kritikern. Bei ihnen treten auch Stresssymptome häufiger auf. „Die Phase vor der Inbetriebnahme ist ganz wichtig. Wenn in der Planung die Sorgen und Nöte der Anwohner berücksichtigt werden, hat das positive Auswirkungen auf die Akzeptanz“, sagt Pohl.

Die meisten negativen Auswirkungen entstehen durch hörbaren Schall. Zu Beschwerden durch Schattenwurf komme es in Schleswig-Holstein nur noch sehr selten, da mittlerweile strenge Richtlinien gelten, die im Land auch umgesetzt würden. Aber: In Einzelfällen können trotzdem Stresseffekte auftreten.

Diskussionsstoff bietet immer wieder das Thema Infraschall. Die Windenergie-kritische Initiative „Vernunftkraft“ betont mit Verweis auf Studien der Berliner Charité, der Bergischen Universität und aus Finnland die negativen Folgen des Infraschalls, der beispielsweise auch von Kühlschränken, Straßenverkehr oder der Meeresbrandung erzeugt wird. „Da der Infraschall durch Körper hindurch geht, erzeugt er unter anderem Druckempfinden sowie starke Kopfschmerzen, Tinnitus, Schlaflosigkeit, Schwindelgefühl und permanente Stressanzeichen“, sagt Pressesprecherin Waltraud Plarre und bemängelt, dass dem Forschungsbedarf zu dem Thema nicht nachgegangen werde. „Im Fall des Infraschalls ist es unklar, ob die schwache Intensität bei Windenergieanlagen alleine ausreicht, um körperliche oder psychische Stresssymptome hervorzurufen“, sagt dagegen Pohl. Die Studien seiner Arbeitsgruppe halten es für unwahrscheinlich.

Hingegen wahrscheinlicher ist es für Pohl, dass finanzielle Beteiligungen die Einstellung gegenüber Windparks verbessern: „Wenn es positive wirtschaftliche Auswirkungen gibt, erhöht das die Akzeptanz.“ Zudem komme es dann auch seltener zu Stresseffekten.

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