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Norddeutsche Rundschau

26. September 2017 | 09:35 Uhr

Swing : Den Groove in den Körper kriegen

vom
Aus der Redaktion der Glückstädter Fortuna

Erstmals Swing-Werkstatt an der Volkshochschule Wilster. Teilnehmer üben in der Sporthalle Lindy-Hop, Charleston und Six Count.

„Wir sind total lässig, wir sind voll cool!“ Das hören wir an den drei Tagen unserer Swing-Werkstatt oft. Doch so lässig, wie es uns Talea und Holger Niesel aus Berlin vormachen, sieht es bei uns noch lange nicht aus. Viele Stunden täglich üben wir in der Sporthalle der Wolfgang-Ratke-Schule Lindy-Hop, Charleston und Six Count. Die amerikanischen Begriffe gehen uns schnell von den Lippen, bis sie auch in den Finger- und Zehenspitzen ankommen, dauert es doch länger.

Jeder Tag, jede Einheit beginnt mit der wichtigsten Lektion: dem Bouncen. Wir müssen unser Takt- und Rhythmusgefühl entwickeln, den Groove in den Körper kriegen. Der Swing betont immer auf dem zweiten Takt, obwohl die Bewegung auf dem ersten startet. Aber wir haben viel Zeit zum Einstimmen, sollen vor allem die Grundhaltung mitnehmen.

Wir, das sind 30 Workshop-Teilnehmer zwischen 15 und 65, die die diesjährigen Ostertage vor allem mit Musik und Bewegung verbringen wollen. Das sind viele Paare, aber auch einzelne Männer und Frauen aus Wilster, Itzehoe, Glückstadt und der näheren Umgebung. Die letzten Zweifel, ob der Swing wirklich unser Tanz ist, sind nach Talea und Holgers ersten Showeinlagen schnell vorbei. Auch wenn wir all die Figuren noch lange nicht auf unsere Tanzkünste beziehen, die lässige Haltung hat es wirklich in sich. Und diese üben wir ausgiebig. Denn sie unterscheidet den Swing vom üblichen Standardtanz. Der Rücken ist gerade, die Knie sind leicht gebeugt, die Schulter entspannt, die Arme hängen locker. Dabei das Bouncen nicht vergessen… Bei Holger verstärken die Schiebermütze und Turnschuhe noch den coolen Eindruck, auch Taleas Kleidung lehnt sich an die Mode der frühen Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts an. Zum krönenden Abschluss der Swing-Werkstatt, für das Sonntags-Tanzcafé im Colosseum, zieht sie ein schwarzes schwingendes Fransenkleid an und – wie Holger – die typischen schwarz-weißen Lederschuhe.

Doch das stundenlange Üben davor überlebt man nur in weichen Turnschuhen. Gegen den Muskelkater, den sich einige doch zuziehen, hilft nur eines: Weitertanzen. Wenn die Musik startet, und „Wonderful“, „La mer“, „Mr. Snowman“ oder „Bei mir bist du schön“ die Turnhalle erfüllt, sind alle Wehwehchen vergessen, und wir üben uns im „Führen“ und „Folgen“. Denn das ist die zweite wichtige Lektion: Was so lässig aussieht, hat Hand und Fuß, muss gut trainiert und verinnerlicht werden. Zum Üben stellen sich die 15 Paare auf einer Kreislinie auf, die „Leader“ bleiben am Platz, müssen beim Tanzen den Überblick behalten, die Impulse geben. Die „Follower“ wechseln nach einigen Minuten weiter.

Wenigstens diese drei Tage lang müssen wir uns entscheiden, ob wir lieber als „Leader“ oder „Follower“ tanzen. Auch unsere Lehrer bevorzugen die amerikanischen Begriffe, da es tatsächlich nicht darauf ankommt, ob der Mann oder die Frau führt, ob gleichgeschlechtliche Paare tanzen oder einfach Frauen mit Frauen und Männer mit Männern. Einige Ehepaare wechseln auch bewusst für den Swing die Rollen: „Meine Frau tanzt besser. Sie kann gern führen“, sagt Volkmar. Seine Frau Ellen will auf jeden Fall weiter und häufig Swing tanzen, hat schon das Internet nach Angeboten in Hamburg oder Kiel durchforstet. Wenn sie als „Leader“ tanzt, kann sie auch mal alleine losgehen, denn auch bei Swing-Veranstaltungen herrscht eher Frauenüberschuss. Auch Volkmar gefällt der Swing, aber so intensiv wie seine Frau will er ihn nicht betreiben. Jan, der mit seiner Frau Gunda swingt, arbeitet für eine australische Firma und wird demnächst in den USA eingesetzt. Er sieht es pragmatisch: „Swing ist überall.“

Die meisten wussten vorher nicht wirklich, was auf sie zukommt. Hatten erst vor kurzem vom Swing als aktueller amerikanischer Tanzmode in den Großstädten gehört, die die historischen Ballhäuser belebt und verschiedene Generationen anspricht. Oder lieben einfach wie Florian (18) und seine Freundin Leandra (15) die alte Musik und wollen sie gern auch beim Tanzen aufnehmen. Die erste Überraschung beim schnellen Partnerwechsel, Holger spricht es aus: „Jeder bounct anders!“

Zur Halbzeit herrscht eher Verwirrung vor: Drei verschiedene Grundtänze, viele Schritte und Figuren? Wie auseinanderhalten? Beim Sixt Count tanzt man beim sechstaktigen Grundschritt in Paarhaltung auf einer Y-Linie, der Charleston setzt noch einige Kicks und Schlenker drauf, und beim Lindy Hop bewegen sich beide Partner parallel achttaktig vorwärts und rückwärts, bevor es in die Drehungen oder die Wipper geht. Dazwischen gibt es immer wieder unterbrechende „Breaks“, bei denen Instrumente aussetzen und die Tänzer auf der Stelle gestisch zur Musik improvisieren.

Am nächsten Morgen löst sich der Knoten. Wundersamerweise sortieren sich Bewegungsmuster über Nacht, geht vieles automatisch ineinander über. Diese Erfahrung schätzen auch Holger und Talea an den Workshops, die an mehreren Tagen hintereinander laufen. Sie sind sehr zufrieden mit ihren Schülern. Diese schauen beim Abschlusstanz im Colosseum auf drei intensive Tage zurück. Die nächste Verabredung gilt dem Tanz in den Mai. Wer dort besonders lässige Tänzer sieht, hat vielleicht Swing-Freunde entdeckt. Auch das Einbouncen ist ein untrügliches Zeichen. Bis es schwarz-weiße Schuhe bis in die Schaufenster des Kreises schaffen, wird es wohl noch einige Zeit dauern.



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