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Senioren in Kremperheide : Demenzcafé: Auszeit vom Vergessen

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Fachkräfte des Ahsbahs Stifts betreuen Patienten drei Stunden in der Woche in der Altentagesstätte, um Angehörige zu entlasten.

Das Vergessen kam schleichend. „Die ersten Jahre merkt man es nicht, denkt nicht darüber nach. Vergesslich war er schon lange. Dann wurde es immer schlimmer. Sein Kurzzeitgedächtnis ist praktisch weg. Er fragt mich immer wieder. Aber nach fünf Minuten hat er alles vergessen. Er weiß nicht mehr, in welcher Straße er wohnt, wie der Arzt heißt. Ich muss überall mit, muss immer bei ihm sein.“ Mittlerweile bestimmt die Demenz ihres Mannes (83) das ganze Leben der 77-Jährigen aus dem Itzehoer Umland. 24 Stunden an sieben Tagen die Woche kümmert sie sich um ihn.

Um Angehörige von demenziell Erkrankten zu entlasten, startet die ambulante Pflege der Ahsbahs Stift gGmbH ein neues Angebot: ein Demenz- und Betreuungscafé. Ab 1. März übernehmen Pflegekräfte mit der Unterstützung ehrenamtlicher Helfer die Betreuung von Pflegebedürftigen. Jeden Mittwoch kümmern sich Fachkräfte in der Altentagesstätte Kremperheide (St. Johannes Platz 2) drei Stunden am Vormittag von 9 bis 12 Uhr oder nachmittags von 14 bis 17 Uhr um die Demenzkranken ab Pflegegrad 1 – und andere Pflegebedürftige, wie Harald Kumm, Leiter Ambulante Dienste im Ahsbahs-Stift betont: „Das Angebot richtet sich auch an Menschen, die aufgrund ihres Alters oder ihrer Gebrechlichkeit sozial abgeschnitten und von Einsamkeit bedroht sind.“

Ein entsprechendes Betreuungsangebot in der Altentagesstätte einzurichten, habe sich der Ambulante Pflegedienst des Ahsbahs Stift schon seit langem gewünscht. Kumm: „Demenzerkrankungen nehmen massiv zu. Wir müssen damit umgehen. Ein erster Schritt ist, Angehörige von Pflegebedürftigen zu entlasten und einsame Menschen aus ihrer Isolation zu holen.“

Auf drei Gäste kommt ein Betreuer. Maximal zehn Gäste pro Einheit sind geplant. Vier Pflegekräfte aus der ambulanten Tagespflege stehen für das Entlastungsangebot bereit: Sibylle Jahn (56) aus Glückstadt, Ute Pape (57) aus Itzehoe, Birgit Röske (52) aus Krempe und Jeannette Herrmann (47) aus Kremperheide. Unterstützt werden sie von der Ehrenamtlichen Sibylle Engels (63) aus Kremperheide, die speziell geschult wurde. Weitere Ehrenamtliche werden noch gesucht. Eines sollten die Helfer auf jeden Fall mitbringen: Empathie. Kumm: „Die Demenzerkrankten spüren, ob man es gut mit ihnen meint.“

Mit dem Herzen bei der Sache zu sein, ist das Wichtigste, ist sich das Betreuungsteam einig. „Die Gäste werden hier nicht verwahrt, sondern aktiviert“, unterstreicht Sibylle Jahn. Es gehe darum, Emotionen zu wecken. „Wenn unsere Mitarbeiter Plattdeutsch reden, blühen einige Patienten richtig auf, weil heimische Gefühle geweckt angesprochen werden“, berichtet Nadine Meier vom Ahsbahs Stift. Das funktioniere auch beim Singen, erklärt Ute Pape. „Ich kann nicht gut singen, aber darauf kommt es auch nicht an. Bei den alten Liedern geht den Patienten das Herz auf.“ Die Betreuer machen Vorschläge, was an Aktivitäten umgesetzt wird, bestimmen aber die Gäste selbst. Die Angebote werden individuell besprochen. Beispiele sind eine gemeinsame Kaffeetafel, Basteln, Gedächtnistraining, Phantasiereisen, Sitzgymnastik, Musik hören und machen, Gesellschaftsspiele spielen oder auch Vorlesen „Wir wollen die kognitiven und motorischen Fähigkeiten fördern“, erklärt Sibylle Jahn.

„Die Angehörigen können die Zeit nutzen und sich etwas Gutes tun. Viele haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich mal um sich selbst kümmern. Aber gerade die pflegenden Angehörigen brauchen Auszeiten. Das ist wie mit einem Auto: Man kann nicht fahren und fahren, sondern muss auch tanken. Sonst stottert der Motor und nichts geht mehr“, verdeutlicht Kumm die Notwendigkeit, den Angehörigen Raum zum Krafttanken zu geben. „Wir hoffen, dass das Angebot viele nutzen werden.“ Auch die 77-jährige Seniorin überlegt, das Angebot auszuprobieren und schmiedet zaghaft erste Pläne, wie sie die drei Stunden nutzen kann: „Ich würde gerne zum Friseur gehen oder die Nachbarn zum Kaffee einladen.“

Das Angebot kann jeder nutzen, man muss nicht in Kremperheide wohnen, nur eine Anmeldung beim Ambulanten Pflegedienst für das Demenz- und Betreuungscafé ist erforderlich. „Erscheinen ist aber keine Pflicht, man kann jeden Mittwochvormittag kommen, vormittags und nachmittags oder auch nur einmal im Monat.“ 30 Euro kosten drei Stunden Betreuung, die aber – wenn beantragt – von der Pflegeversicherung übernommen werden können. Falls während der Betreuung weitere Kosten für besondere Aktivitäten wie Bastelmaterial oder Eis beim Spaziergang anfallen, müssen diese vom Patienten selbst getragen werden. Auch ein Fahrdienst wird grundsätzlich nicht angeboten, „in Einzelfällen findet der ambulante Pflegedienst aber individuelle Lösungen“, verspricht Kumm.

>Anmeldung und Informationen bei den Pflegedienstleitern Harald Kumm (04821/803230) und Bernd Ertelt (04824/1208).

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erstellt am 20.Feb.2017 | 05:04 Uhr

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