zur Navigation springen
Norddeutsche Rundschau

20. August 2017 | 10:12 Uhr

Dem Bürgerkrieg entkommen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Sechsköpfige Familie flieht vor Kämpfen und Terror in Syrien nach Deutschland

Über die Vergangenheit möchte Hussan Al-Kurdi eigentlich nicht gerne sprechen. Er blickt lieber nach vorne : Eine bessere Zukunft für seine Kinder – das ist sein Ziel. Der 45-jährige Syrer sitzt im Kreise seiner Familie im Wohnzimmer einer kleinen Wohnung in einem Glückstädter Wohngebiet. Sehr sauber und ordentlich sind die Räume, wenn auch spärlich eingerichtet. Es gibt arabischen Kaffee. Al-Kurdi wird still, wenn er nach der Flucht aus seiner Heimat gefragt wird. Ein wenig erzählt er dann doch: Wie sein Haus in einem Dorf in Nordsyrien von Bomben zerstört wurde – dem Erdboden gleich gemacht, wie er sagt. Und davon, wie Soldaten des Assad-Regimes Menschen auf offener Straße verschleppten.

„Ich hatte große Angst um meine Familie“, sagt Al-Kurdi. Seine Frau Buran nickt zustimmend, die älteren Söhne blicken schweigend zu Boden. Vier Kinder hat das Ehepaar: Zwei Söhne im Alter von 19 und 17 Jahren, eine 13-jährige Tochter und den kleinen Sohn Abdul Rahman, der gerade vier Jahre alt ist. Als die Angst zu groß wurde, verließ die Familie vor rund einem Jahr ihr Dorf. Zu Fuß flohen sie vor dem Krieg in Syrien über die türkische Grenze. Von dort ging es zur Mittelmeer-Küste und mit dem Boot weiter Richtung Westen – Richtung Sicherheit in der Europäischen Union. Vor der italienischen Küste trieb das Flüchtlingsboot mit defektem Motor auf offenem Meer. Die Insassen hatten Glück im Unglück: „Die Italiener haben uns an Land gezogen und gerettet“, berichtet Al-Kurdi. Über Frankreich landete die Familie schließlich in Deutschland, am Ende in Glückstadt. „Ich bin froh, hier zu sein. Hier ist es sicher. Es herrscht Frieden und es gibt Menschenrechte. Wir werden hier wie Menschen behandelt.“

Über die Mentalität der Deutschen ist Al-Kurdi positiv überrascht: „Wir fühlen uns freundlich aufgenommen.“ Probleme gibt es dennoch: Sorgen bereitet der Familie der Aufenthaltsstatus, der bisher nicht für alle geklärt ist, obwohl eine Abschiebung nach Syrien angesichts der Lage dort auf absehbare Zeit ausgeschlossen scheint. Grundsätzlich möchte Al-Kurdi irgendwann zurückkehren, aber erst, wenn der Krieg wirklich vorbei ist und die Familie in Frieden leben kann. Bis es soweit ist, würde der Syrer gerne arbeiten, „lieber heute als morgen.“ In seiner Heimat hat er Häuser gebaut, war als Fließenleger und Maurer tätig. Ohne Arbeit langweilt er sich. „Ich bin es nicht gewohnt zuhause zu sein.“

Probleme bereitet auch die Sprachbarriere. Die ganze Familie lernt deutsch, aber noch fallen alltägliche Dinge wie ein Arztbesuch oder der Antrag für eine neue Waschmaschine beim Sozialamt schwer. Die älteren Kinder der Familie haben Sprachunterricht in der Schule, würden aber gern noch mehr lernen, berichtet Munir Al-Kurdi (19). Auch Vater Hussan und seine Frau Buran (39) haben bereits Sprachkurse besucht, wollen ihre Kenntnisse aber ebenfalls ausbauen. „Ich möchte mich gern richtig unterhalten können“, sagt Hussan Al-Kurdi. Im Moment ist er, wie im Gespräch mit unserer Zeitung, dafür noch auf die Hilfe von Dolmetscherin Aschwak Müller angewiesen.

Gemeinsam mit ihrer Schwester Wafa Leypold hilft die Glückstädterin, wo sie kann bei kleinen und großen Problemen der Flüchtlingsfamilie – ehrenamtlich. „Beim Sozialamt wusste man, dass ich arabisch spreche und hat mich gefragt, ob ich helfen kann, als die Menschen aus Syrien hierher kamen“, berichtet Aschwak Müller. Daraus wurde eine innige Beziehung zu insgesamt fünf Familien. „Es ist manchmal fast zu viel, aber ich kann die Menschen ja nicht im Stich lassen.“

Sie hat viel Verständnis für die Lage der Flüchtlinge. „Ich weiß, wie es ist, vor dem Krieg aus der eigenen Heimat zu fliehen.“ 1987, mit elf Jahren, floh ihre Familie mit ihr aus dem Libanon. Auch dort herrschte zu dieser Zeit ein blutiger Bürgerkrieg. „Ich bin von einem Bombensplitter am Bein verletzt worden.“ Die Erfahrung von Krieg und Flucht, hat Aschwak Müller nicht vergessen. Und auch nicht, wie schwierig der Neustart in der Fremde ist. „Am Anfang ist alles ein Problem“, erklärt Müller. „Mir ist besonders wichtig, dass sich vor allem die jungen Leute schnell verständigen können, damit sie Freunde finden und ein normales Leben führen können.“

zur Startseite

von
erstellt am 01.Okt.2014 | 15:22 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen