Glückstadt : Das „Tivoli“ schließt seine Pforten

Nach 40 Jahren ist Schluss: Klaus-Wilhelm und Doris Gehrdt am Tivoli-Tresen.
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Nach 40 Jahren ist Schluss: Klaus-Wilhelm und Doris Gehrdt am Tivoli-Tresen.

Klaus-Wilhelm und Doris Gehrdt verabschieden sich in den Ruhestand. Ein Nachfolger ist noch nicht in Sicht.

shz.de von
04. Februar 2018, 16:00 Uhr

Zum 31. März schließt das „Tivoli“ seine Pforten an der Chaussee – ein Stück Glückstädter Geschichte. Meist verbinden sich positive Erinnerungen mit dem Traditionslokal. Viele Generationen haben hier gefeiert, das Tanzen gelernt oder gekegelt. Erinnerungen an schöne Feste haben auch die jetzigen Eigentümer Klaus-Wilhelm Gehrdt (65) und seine Frau Doris (61). „Die Arbeit hat uns immer Freude gemacht und wir sind dankbar über diese erfüllte Zeit mit unseren Gästen“, zieht Klaus-Wilhelm Gehrdt eine Bilanz auf seine 42-jährige Tätigkeit als Gastwirt in Glückstadt. „Ich bin jetzt im Rentenalter und unsere zwei Kinder leben in Hamburg und haben sich beruflich anderweitig orientiert. Auch wenn Wehmut mitschwingt, irgendwann muss Schluss sein. So ist das Leben.“

Das Gasthaus bestand bereits im 19. Jahrhundert unter dem Namen „Milchhalle“. Es war ein hölzerner Rundbau, der 1910 abbrannte. Der Wiederaufbau erfolgte mit Saal und Kegelbahn. Die Kegelbahn bestand aus einem Abwurfzimmer und einem Schuppen am Ende der Bahn, in dem die Kegeljungen die Kegel wieder aufstellten. Dazwischen liefen die Kugeln im Freien. 1926 kaufte Claus Gehrdt, der Großvater des jetzigen Wirtes, die Gaststätte von Adolf Letje. Seitdem befindet sich das „Tivoli“ in dritter Generation in Familienbesitz. Den Namen für das Haus gibt es bereits seit 1875. Hergeleitet ist er von dem kleinen Vorort Tivoli bei Rom, zu dem die Bürger aus der Stadt zur Entspannung und Erholung wanderten.

Klaus -Wilhelm Gehrdt hat Koch in Itzehoe gelernt und nach der Bundeswehrzeit (in der Küche) in mehreren gastronomischen Betrieben gearbeitet. Danach fuhr er als Koch auf einem Passagierschiff auf große Fahrt. „Es war eng und beschwerlich, aber ich war jung und wollte was erleben.“ Als seine Mutter plötzlich verstarb, übernahm er das „Tivoli“ zunächst zusammen mit seinem Vater, nach der Heirat 1978 zusammen mit Ehefrau Doris. Sie kommt aus einer Gastronomiefamilie aus Borsfleth. „Das passte gut, mein Mann war in der Küche und ich am Tresen.“ In den 1970er Jahren war das Club- und Ballhaus eine Hochburg des Kegelsports: Ligakämpfe und Landesmeisterschaften fanden hier auf der 1968 um vier weitere Bahnen vergrößerten Anlage statt. Aus der Zeit stammen noch die Holzkugeln, die Klaus-Wilhelm Gehrdt als Andenken aufbewahrt hat. „Wenn das Holz abgenutzt war, liefen die Kugeln nicht mehr rund und wurden ausgetauscht. Zum Üben benutze man eine Kugel mit weißem Mittelstrich, um zu erkennen, ob die Kugel gerade lief.“ Inzwischen gibt es nur noch wenige aktive Kegler und „die können anderweitig unterkommen“. Auch das Servicepersonal kann in anderen Betrieben weiter beschäftigt werden. „Darüber bin ich sehr froh, denn zum Personal hatte sich ein inniges Verhältnis aufgebaut“, so Gehrdt. Auf dem Saal üben jetzt nur noch der Männerchor „Lied Hoch“, die Line Dancer und der Tanzkurs der Volkshochschule. Auch sie brauchen neue Räume.

In den ersten Jahren ihrer Selbstständigkeit hatten die großen Tanzveranstaltungen noch Hochkonjunktur: Tanz in den Mai, Weihnachts- und Silvesterball, Schützenball, Rot-Weiße Nacht, Ball der Krempermarsch-Harmonie und viele mehr. Seit den 1990er Jahren sind diese großen Tanzveranstaltungen weniger geworden. Doris Gehrdt vergleicht: „Heute wird weniger getanzt. Auf den Familienfeiern tanzen oft nur noch die Partner miteinander. Früher tanzte man mit allen am Tisch und der Saal war immer voll.“ Als besondere Highlights erinnert sich Klaus-Wilhelm Gehrdt an die musikalischen Auftritte der englischen Beatband „The Seachers“, von Heintje, Joja Wendt, Axel Zwingenberger und Inga Rumpf. Im Wahlkampf waren Klaus Töpfer, Erwin Teufel, Gerhardt Stoltenberg und Uwe Barschel im Tivoli. „Großer Aufwand wurde für die Aktionärsversammlung der Peter Temming AG betrieben. Bereits Tage davor baute eine Veranstaltungsagentur den Saal um.“

In einem Ordner haben die Eheleute mit Zeitungsartikeln und Fotos die Erlebnisse ihres Berufslebens archiviert. „Das sind schöne Erinnerungen, von denen wir zehren können. Aber wir sind über den Abschied nicht traurig. Es fängt jetzt eine neue Lebensphase an.“

Doris Gehrdt: „Wir wollen unser Rentenalter genießen. Wir sind beide gesund und wollen jetzt mehr reisen und in Hamburg ins Theater gehen. Wir bleiben aber in Glückstadt wohnen. Erstmal suchen wir einen Nachfolger für das Gebäude. Die Superfete mit „Mike“ Jahnke am 10. März ist dann ein Abschiedsfest.

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