zur Navigation springen
Norddeutsche Rundschau

24. Oktober 2017 | 02:35 Uhr

Tag des Denkmals : Das Super-Juwel von Wilster

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Weitere Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten im Neuen Rathaus sind angelaufen. Denkmalschützer von Qualität des Hauses begeistert.

shz.de von
erstellt am 12.Sep.2015 | 15:59 Uhr

An dieser Besuchergruppe hätte die einstige Hausherrin ihre Freude gehabt: Gütig lächelt Charlotte Doos von einem Portraitgemälde im frisch restaurierten Gartensaal auf Christine Scheer und Günter Klatt herab. Die auf historische Bausubstanz spezialisierte Architektin aus Wewelsfleth ist begeistert, dass bei den jetzt begonnenen weiteren Sanierungsarbeiten des Prachtbaus in der Rathausstraße kein echter Hausschwamm aufgetaucht sei. Und der für die Westküste zuständige Kurator der Deutschen Stiftung Denkmalschutz kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr raus: „Das ist ein Super-Juwel“, urteilt er über ein im Norden in Ausstattung und Zustand höchst seltenes herrschaftliches Wohngebäude. Die von seiner Stiftung gewährten 40  000 Euro sieht er gut angelegt. Insgesamt werden 175  000 Euro in weitere Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten des von der Familie Doos als Wohnhaus gebauten und seit fast 200 Jahren von der Stadt zunächst als Verwaltung und heute für repräsentative Zwecke genutzten Hauses gesteckt.

Gemeinsam mit Bürgermeister Walter Schulz und Matthias Carstens vom Bauamt begleiteten Scheer und Klatt den Startschuss der Arbeiten. Mitarbeiter der Beidenflether Firma Ossenbrüggen hatten bereits vorsichtig einige der mit den Jahren marode gewordenen Balkenköpfe im ersten Geschoss freigelegt. Bis auf die Enden erwies sich das Holz noch als gesund. Es soll nun neu ins Mauerwerk eingepasst werden.

Überhaupt profitiert die Stadt bei ihrem wertvollen Erbe noch heute davon, dass die Familie Doos bei der Errichtung ihres Domizils offenbar an nichts gespart hat. Zum Einsatz kamen nur hochwertige Materialien und das nach allen Regeln der Handwerkskunst. Ganz im Gegensatz wohl zu den Bauherren von Schloss Drage. Deren Bau war schon nach 40 Jahren baufällig und wurde abgerissen. Wertvolle Teile des Interieurs kamen aus dem Schloss nach Wilster, wo sie bis heute viele Innenräume des Neuen Rathauses zieren.

Denkmalschützer Klatt sagte nach dem Rundgang: „Ich bin gleich doppelt überwältigt: Zum einen über das, was die Leute damals gebaut haben und zum anderen über das, was hier heute geleistet wird.“ Ein Gebäude von ähnlicher Qualität habe er bislang nur im Eifelstädtchen Monschau gesehen. Dass die Stiftung sich an der Sanierung in Wilster mit einem stattlichen Zuschuss beteiligen kann, hat die Stadt dem Spieltrieb vieler Menschen zu verdanken. Das Geld kommt aus dem Topf der Glücksspirale.

Und Günter Klatt schwärmt weiter: „Hier ist alles bis auf das kleinste Detail aufeinander abgestimmt.“ Tatsächlich, so der Hinweis von Christine Scheer, seien sogar abgelegene Räume noch höchst bemerkenswert ausgestattet. So gebe es sogar in der Wäschekammer auf dem Dachboden verzierte Balken. Und die Kellerwohnung der Bediensteten seien mit wertvollen holländischen Kacheln bestückt. Wie gründlich die Familie Doos plante und baute, werde auch in anderen ungewöhnlichen Details deutlich. So seien die Balkenköpfe fein säuberlich in ölgetränkte Tücher eingelegt worden. Und als Mörtel habe man nicht den in der Marsch üblichen Muschelkalk, sondern eine Mischung aus Gips und Kalk benutzt. Auch seien die Fugen auffallend klein. „Die wussten genau, dass Ziegel länger als Mörtel halten.“

Genutzt wird das neue Rathaus heute nur noch von der Stadtbücherei im Erdgeschoss, für Sitzungen der Ratsversammlung und für repräsentative Zwecke. Einst war hier die komplette Stadtverwaltung untergebracht – und der Bürgermeister musste hier eine Dienstwohnung beziehen. „Bei den Heizkosten würde ich nicht hier wohnen wollen“, sagt Walter Schulz.

Am morgigen Tag des Denkmals können Besucher das Doos’sche Palais besichtigen. Der Rathaus-Förderverein bietet zwischen 10 und 16 Uhr regelmäßig Führungen an. In jedem Fall bleibt das Gebäude der Stadt auf Dauer erhalten. Charlotte Doos verfügte in ihrem Testament, dass es niemals veräußert werden dürfe.

 

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen