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Nabu-Vorsitzender im Interview : Das stille Artensterben

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der Naturschützer Leonhard Peters schlägt Alarm: Im Kreis Steinburg gibt es immer weniger Schmetterlinge und Agrarvögel.

Ein Holzhaus, in den Beeten Laub und überall Nistkästen: Dass hier ein Naturschützer wohnt, sieht man auf den ersten Blick. Es ist das Zuhause von Leonhard Peters (49), Nabu-Vorsitzender in Itzehoe. Er erzählt, warum ihm feine Vorgärten ein Graus sind, wie man mit dem richtigen Einkauf Tiere und Pflanzen retten kann und welche Arten im Kreis bedroht sind.

Herr Peters, Sie haben gerade einen Vortrag über Artensterben im Kreis Steinburg beim Heimatverband gehalten – ist die Lage so ernst?
Leonhard Peters:
Herr Zander vom Heimatverband bat mich, etwas Positives zu berichten. Er hat mich in einer Situation erwischt, da hätte ich nicht mal ein Apfelbäumchen gepflanzt. Ich hatte nur Negativbeispiele im Kopf. Aber ich habe mich dann entschieden, über meinen Alltag als Nabu-Vorsitzender zu sprechen, über Artenschutz.

Und was ist das Frustrierende an Ihrer Arbeit?
Ich bin ziemlich frustriert, weil man im wahrsten Sinne des Wortes gegen Windmühlen kämpft. In Rethwisch hatten wir Grünland mit Kühen und bäuerlicher Nutzung ohne Strommasten und ein natürliches Vorkommen verschiedener Arten: Weißstorch, Wiesenweihe, Seeadler, Wachtelkönig. Da hat man jetzt Windenergieanlagen hingestellt. Da gab es solche Artenzusammensetzungen, wie man sie wirklich lange suchen muss in Schleswig-Holstein. Man hat sich engagiert, was gegen die Windenergieanlagen zu unternehmen, aber letztlich gewinnt immer das Geld. Die Gutachten, die erstellt werden, muss ja der Maßnahmenträger bezahlen, also der, der das Ganze finanziert, und das sind dann Gefälligkeitsgutachten. Da sind wir machtlos als Naturschützer. Da hat der Kreis eine Verantwortung, solche Landschaften eben auch zu schützen. Jetzt sehe ich jeden Tag die Windanlage und trauere dieser Landschaft nach, die so einmalig war.

Wo im Kreis Steinburg gibt es denn noch so einmalige Landschaften?
Wir haben ein paar Gebiete, die hervorstechen. Das ist einmal die Nordoer Heide, das Breitenburger Moor, die Hörner Au angrenzend, da gehört das Vorland in St. Margarethen zu, wo wir Arten oder auch Lebensgemeinschaften haben, die wir sonst in Schleswig-Holstein lange suchen müssen. In der Nordoer Heide gibt es zum Beispiel den Warzenbeißer, eine Laubheuschreckenart, die sonst nur an zwei, drei Stellen im Land vorkommt. Eine Besonderheit bezüglich des Artenschutzes im Kreis ist auch der Uhu. Da gab es in den letzten Jahren intensive Schutzmaßnahmen, so dass er schon wieder fast von der roten Liste verschwunden ist. Der Kreis Steinburg ist, neben den Cevennen in Frankreich, die Region Mitteleuropas mit den meisten Uhus.

So gute Nachrichten motivieren doch bestimmt?
Ja, ich muss etwas haben, das mich aufbaut. Das macht auch die Kindergruppe. Den Kindern Natur zu vermitteln, dass sie die Erdkröte mit Namen nennen können, ist wichtig. Dann bauen sie eine Beziehung auf und das ist das, was wir wollen. Unser Amphibienschutzzaun, der in zwei Wochen wieder in Oelixdorf aufgebaut wird, die Nistkastenaktion im Itzehoer St. Laurentii-Turm für den Turmfalken – das sind alles kleine Dinge, mit denen man versucht, alles wieder ein bisschen gerade zu biegen. Aber das Schlimme ist ja, dass das Artensterben unbemerkt stattfindet. In der Landwirtschaft ist das gerade der Fall.

Also müssen die Bauern Ihrer Meinung nach umdenken?
Ich schiebe es nicht den Bauern allein in die Schuhe, sondern den Verbrauchern. Durch unseren Einkauf können wir als Verbraucher direkt Landschaften und damit Pflanzen und Tiere schützen. Wenn wir eine Wirtschaftsweise unterstützen, bei der Kühe ganzjährig auf der Weide belassen werden, wie es bei der Milch der Meierei Horst beispielsweise der Fall ist, bin ich auch bereit, dafür einen Euro mehr zu zahlen. Dass sich das nicht jeder leisten kann, ist mir klar. Das sind aber nicht viele. Als Verbraucher haben wir die Macht. Viele denken: Dann kann ich auch die Biomilch bei Aldi kaufen, aber das ist nicht das Gleiche, weil die Kühe den ganzen Tag in Großställen stehen – auch wenn es Bio ist. Aber ich unterstütze damit nicht eine Wirtschaftsweise, von der Tiere und Pflanzen profitieren.

Was kann ich als Einzelperson denn noch tun?
Wenn wir Artenschutz wollen, müssen wir verzichten. Es geht nicht ohne Verzicht auf Konsum. Verzicht auf Komfort: Mit dem Fahrrad statt mit dem Auto fahren. Energie sparen. Anders werden wir das nicht hinkriegen. Und Verzicht auf Freiheiten – beim Thema Wolf zum Beispiel, das auch Ängste erzeugt. Wenn in der Natur wieder Wölfe leben, müssen wir uns darauf einstellen. Wir haben auf den Flächen im Kreis Steinburg etwa zwei Prozent Naturschutzgebiete. Das wird nicht ausreichen, um Artenschutz nachhaltig zu betreiben, dass Arten sich langfristig fortpflanzen können und genug Lebensraum haben, dass ein genetischer Austausch stattfindet. Naturschutz muss eigentlich auf 100 Prozent der Fläche betrieben werden.

Sprich auch in meinem Vorgarten...
Das ist genau auch unser Thema. Der Bundesverband Garten- und Landschaftsbau hat gerade eine Aktion gestartet: Rettet den Vorgarten. Und was ich in den Vorgärten immer sehe, sind Schotter und Kiesflächen, es wird nichts mehr gepflanzt. Mit Lebensraum Garten hat das nichts mehr zu tun.

Warum ist das so?
Die Leute kennen sich überhaupt nicht mehr aus mit Pflanzen und Tieren. Unsere Großeltern sind viel intensiver mit Natur aufgewachsen. Heute ist Natur etwas nebenbei. Wir kaufen Lebensmittel im Supermarkt. Dass wir von der Natur und insbesondere von Pflanzen abhängig sind, begreifen die meisten Menschen gar nicht. Eltern können ihren Kindern nichts mehr vermitteln. Es potenziert sich von Generation zu Generation. Wer sich nicht in der Natur auskennt und zum Beispiel in die Wilstermarsch fährt, der denkt: Ach, ist das schön. Man muss sich schon auskennen, um zu erkennen wie der Artenschwund uns schon betrifft. Ich kann mal eine Untersuchung zitieren, wo man Schülern Bilder gezeigt hat und nach dem Buchfinken gefragt hat. Nur jeder 20. Schüler war in der Lage, den zu erkennen. Ein Drittel konnte noch gerade mal einen Spatz erkennen. Und acht Prozent kannten von den zwölf häufigsten Vögeln nicht einen. Das sind Alarmsignale, die Angst machen.

Inwiefern?
Wenn keine Beziehung zur Natur da ist, dann weiß ich auch nicht, warum ich etwas schützen sollte.

Was unternehmen Sie dagegen?
Der Nabu versucht den Menschen zurück zur Natur zu bringen. Vor zwei Wochen haben wir mit 44 Teilnehmern einen Waldkauzspaziergang gemacht. Ein anderes Beispiel sind die Aktionen Stunde der Winter- bzw. Gartenvögel, bei der wir die Tiere eine Stunde beobachten und zählen. Wir geben aber auch Hilfestellung für den eigenen Garten zu Nisthilfen beispielsweise.

Welche Arten sind denn hier im Kreis besonders gefährdet?

Die sind meist alle aus der Landwirtschaft: Agrarvögel wie der Kiebitz, die Feldlerche, das Braunkelchen. Die Uferschnepfe ist eine Art, die normalerweise zum feuchten Grünland dazu gehört und jetzt nur noch ganz isoliert vorkommt: in St. Margarethen, aber in der Fläche hier im Kreis? Da muss man lange suchen. Ganz rapide abgenommen haben hier auch die Großschmetterlinge. Distelfalter oder das Landkärtchen sind nicht mehr da. Auch bei den Wildbienen gibt es einen massiven Einbruch, die kann aber nur ein Spezialist unterscheiden, und die werden auch immer weniger. Artenschutz ist aber ein globales Problem. Wir engagieren uns hier, die Tiere zu schützen, den Wachtelkönig zum Beispiel, aber an der Küste Ägyptens werden Millionen von Singvögeln, Zugvögel wie der Wachtelkönig, gefangen.

Was bedeutet das für den Menschen?
Jede Art, die ausstirbt, ist für uns eine Zeigerart. Das hat mal treffend der Indianerhäuptling der Seattle vor 120 Jahren formuliert: „Alles ist miteinander verbunden. Was den Tieren passiert, passiert auch den Menschen.“ Jede Art, die verschwindet, sollte ein Warnsignal sein, dass etwas nicht stimmt.

Info Leonhard Peters: Leonhard Peters (49) ist Berufsschullehrer für Gartenbau. Er wohnt mit seiner Familie in Itzehoe. Er engagiert sich im Naturschutzbund Deutschland (Nabu), mit 600  000 Mitgliedern der größte ehrenamtliche Verein der Welt – 2000 Ortsgruppen hat der Nabu – fünf davon im Kreis Steinburg: in Wilster, Schenefeld, Glückstadt, Kellinghusen und Itzehoe, deren Vorsitzender er seit sieben Jahren ist.
 

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erstellt am 21.Feb.2017 | 14:00 Uhr

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